Kartografie:Zertrennte Welten

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Kartografie: Sie nennen es "Line of control": Grenze zwischen Pakistan und Indien im umstrittenen Kaschmir-Gebiet. Foto aus dem Jahr 2001.

Sie nennen es "Line of control": Grenze zwischen Pakistan und Indien im umstrittenen Kaschmir-Gebiet. Foto aus dem Jahr 2001.

(Foto: Tauseef Mustafa/DPA)

Ein französischer Atlas zeigt "sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen" und versucht auf diese Weise, die Krisen der Welt zu veranschaulichen. Nicht immer gelingt das.

Von Werner Hornung

Für Pessimisten liegt die Welt wahrscheinlich schon in Scherben: Klimawandel, Corona-Pandemie, Ernährungskrisen, Inflation und der Ukraine-Krieg. Da passt nun auch der deutsche Buchtitel "Atlas der Unordnung" dazu. Die französische Originalausgabe dagegen heißt zutreffend "L' atlas des frontières", also: Atlas der Grenzen.

Präsentiert wird dieser geopolitische Blick auf unsere Erde von der Journalistin Delphine Papin (Le Monde) und dem Politikwissenschaftler Bruno Tertrais. Sie zeigen "60 Karten über sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen" (Untertitel) und beschreiben sie zudem im Verlauf von Zeit und Raum. Gegliedert ist die kartografische Gesamtschau in fünf Kapitel; wobei das erste sich vorwiegend mit den "alten Trennlinien" der Europäer beschäftigt, etwa mit dem Eisernen Vorhang während des Kalten Krieges (1947-1991). Dann folgen kompakt in Pastellfarben getönte Kartenseiten, ergänzt um Infografiken und Signaturen. Es sind Beispiele für maritime Hoheitsgewalt im östlichen Mittelmeer, im Persischen Golf oder im spätkolonialen Insel-Imperium Frankreichs. Bereits hier fällt auf, dass das Autorenteam die Themen teils zu sehr aus seinem französischen Blickwinkel sieht. Selbst bei den abschließenden Literaturempfehlungen ist das festzustellen. Dort vermisst man beispielsweise David Signers formidablen Band "Grenzen erzählen Geschichten" (NZZ Libro, 2015) oder den Bestseller von Steffen Mau: "Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert" (C.H Beck, 2021).

Stacheldraht und Trennlinien

Kartografie: Delphine Papin, Bruno Tertrais: Atlas der Unordnung. 60 Karten über sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen. Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer. wgb Theiss, Darmstadt 2022. 176 Seiten, 28 Euro.

Delphine Papin, Bruno Tertrais: Atlas der Unordnung. 60 Karten über sichtbare, unsichtbare und sonderbare Grenzen. Aus dem Französischen von Birgit Lamerz-Beckschäfer. wgb Theiss, Darmstadt 2022. 176 Seiten, 28 Euro.

Blättern wir die nächsten drei Kapitel auf, so finden sich all die globalen Krisen und Konflikte kartografiert und knapp erklärt: Zum Beispiel markieren rote Pfeile aus Richtung Afrika, Asien und Südamerika die Fluchtrouten der Migranten. Stilisierte Stacheldrahtzäune ziehen sich durch das aufgeteilte Kaschmir. Dicke Linien trennen Israel und den Libanon. Eine kolorierte Karte von Ex-Jugoslawien erinnert an Grenzstreitigkeiten auf dem Balkan. Russlands Expansionspolitik und der Ukraine-Krieg sind auf zwei Doppelseiten farbig skizziert - aber genauer betrachtet sind es kartografische Momentaufnahmen, die 2022 nicht mehr aktuell wirken. Fehlerhaft sind ein paar Angaben im Textteil und auf Karten: Alexander der Große etwa hat keineswegs im 6. Jahrhundert n. Chr. gelebt, und die Chinesen haben bestimmt keinen Handelshafen mitten ins Mittelmeer gebaut.

Merken wir uns lieber einen richtigen, einen optimistischen Satz von Janet Napolitano, einst Ministerin im Kabinett von Barack Obama: "Für jede 50 Fuß hohe Mauer gibt es eine 51 Fuß hohe Leiter."

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