Lambsdorff im Europawahlkampf:Lehrstunde für Lambsdorff

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Dabei wird der FDP überall gesagt, was zu tun wäre. Beispielsweise bei dem Unternehmensbesuch in der Verpackungsfirma. Lambsdorff sitzt mit dem alten Patriarchen und den beiden Juniorchefs beim Kaffeetrinken. Es dauert keine zehn Minuten, bis ihm die Herrschaften erklären, was im vergangenen Jahr alles falsch lief. "Wissen Sie", erklärt der Juniorchef, "wenn wir hier irgendetwas machen, dann fragen wir uns immer zuallererst: Was möchte der Kunde? Das hat die FDP völlig vergessen." Lambsdorff nickt, er versteht, er weiß, was gemeint ist.

"Außerdem", der junge Mann macht weiter, "haben wir als eines der ersten Dinge hier gelernt, dass man niemals vor Dritten Kritik übt. Wenn ich einem Mitarbeiter was sagen will, dann nehme ich ihn beiseite. Aber die FDP hat auf offener Bühne gestritten. Das kann nicht wahr sein." Lambsdorff nickt wieder. Er versteht. Er weiß auch jetzt, was gemeint ist.

"Und ich will", sagt die Juniorchefin, "dass die FDP endlich wieder für Inhalte eintritt. Für die Interessen von Familienunternehmen. Nicht für Lobbys und Banken." Lambsdorff lächelt. Er versteht. Er kann den beiden nur recht geben. Was soll er auch sonst tun? Hier wird ihm, freundlich im Ton, klar in der Sache, einfach nur der Spiegel vorgehalten. Solche Lehrstunden hat er seit Wochen immer wieder erlebt. Immerhin schafft es Lambsdorff hier, dass die drei Verpackungsexperten seinem Versprechen, er habe es kapiert, auch wirklich Glauben schenken.

Das freilich hat einen Grund. Während Lambsdorff sich den Ärger anhören muss, fällt auf, dass der sich gegen seine Partei, aber nicht gegen ihn richtet. Es ist, als würde er nicht wirklich dazugehören. Lambsdorff muss das Debakel ausbaden, aber er wird nicht persönlich damit verbunden. Er ist in den vielen Geschichten über das Versagen und das Wahldesaster im vergangenen Jahr einfach nicht vorgekommen.

Überparteiisches Lob

Selten war es so angenehm, dass Straßburg und Brüssel weit weg sind von der deutschen Hauptstadt. Und dann hat ihm auch noch Pech geholfen: Ausgerechnet an dem Tag, an dem die FDP aus dem Bundestag flog, hatte er sich beim Fußballspielen so verletzt, dass er in den Tagen danach nicht ins Flugzeug steigen durfte. So blieb er im Verborgenen, als in Berlin Trümmer geräumt wurden.

Jetzt gelobt er im Namen seiner Partei Besserung und schildert, warum er die EU-Kommission verkleinern möchte, warum die FDP die Öko-Design-Richtlinie unbedingt abschaffen will und trotzdem nicht alle Richtlinien aus Brüssel schlecht findet. Die drei lauschen höflich. Wirklich überrascht aber sind sie erst, als Lambsdorff von Edmund Stoiber schwärmt.

Eigentlich dürfe er das öffentlich gar nicht sagen, sagt Lambsdorff augenzwinkernd, aber der Ex-CSU-Chef sei völlig in Ordnung, als Bürokratiebeauftragter der EU-Kommission sogar klasse: engagiert, bemüht, offen und sogar humorvoll. Jetzt staunen die drei Familienunternehmer. Dass ein Politiker über den Politiker einer anderen Partei positiv redet, haben sie für unmöglich gehalten. Nicht ausgeschlossen, dass ihm das drei Stimmen bringt.

Zurück unters Zeltdach, es regnet noch immer. Da berichtet einer der Wahlkämpfer, er sei gerade einer Gruppe von Jugendlichen begegnet. Einer von denen habe ihn gefragt, ob er denn wirklich in der FDP sei und für die Partei tatsächlich kandidiere. Als er beides mit Ja beantwortet habe, hätte der Jugendliche nur gesagt: "Wow, so einem bin ich ja noch nie begegnet." Die Wahlkämpfer lachen. Auch Galgenhumor kann manchmal gut tun.

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