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Wahl:Wenn Linke CDU wählen

Anschließend feiern ihn seine Anhänger mit "Wippel"-Rufen und Beifall. Der AfD-Politiker bedankt sich in einer Ansprache bei seinen Unterstützern, spricht von einem "grandiosen Ergebnis" angesichts von Gerüchten, die von der Lokalpresse und politischen Gegnern gestreut worden seien. "Stellen wir uns mal vor, wir hätten normale Zeiten. Dann hätten wir diese Wahl heute richtig gewonnen."

Den Sieg habe die CDU nur erringen können, weil sie mit wirklich jedem zusammengearbeitet habe. "Auch Linksextremisten." Tino Chrupalla, AfD-Bundestagsabgeordneter, legt nach: "Wenn sich das alte Parteienkonglomerat zusammenschließen muss, um einen AfD-Kandidaten zu verhindern, zeigt das, wie demokratieverlassen dieses Land ist."

Tatsächlich konnte der 51-jährige Octavian Ursu die Oberbürgermeisterwahl nur gewinnen, weil sich ein breites Bündnis aus Parteien, Vereinen und Initiativen hinter den gebürtigen Rumänen stellte. Viele hatten ursprünglich die Kandidatin der Grünen unterstützt, die nach dem ersten Wahlgang auf eine weitere Kandidatur verzichtete. Zugunsten Ursus. Was dessen Unterstützer schließlich einte, war das Ziel, Wippel als Oberbürgermeister zu verhindern und das Image von Görlitz als weltoffene Europastadt zu verteidigen.

Auch CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer würdigte die Wahl Ursus am späten Sonntagabend auf Twitter als "Sieg eines breiten Bündnisses, für das ich dankbar bin", nachdem sie zuvor erst mal nur geschrieben hatte, dass die CDU "die bürgerliche Kraft gegen die AfD" sei.

Ursu präsentierte sich im Wahlkampf als überparteilicher Kandidat. Hatte er zunächst mit seinen guten Kontakten zum CDU-Politiker und Ministerpräsident Michael Kretschmer geworben, ließ er vor der finalen Entscheidung seine Ämter als CDU-Stadt- und Kreisvorsitz ruhen. Jetzt, nach der Wahl, will er sie ganz aufgeben. Ein Zugeständnis an jene, die die CDU als politischen Gegner sehen. Einige von ihnen sind am Sonntagabend auch zur Wahlparty von Octavian Ursu ins Stadtzentrum gekommen. Die Erleichterung über das Ergebnis hat sie hierhergetrieben.

"Hauptsache gewonnen!"

Jana Lübeck stellt sich neben Octavian Ursu. Sie möchte, dass ein Freund ein Foto von ihnen macht. Lübeck trägt das T-Shirt einer Punk-Band. "Attack the Killercherries" steht darauf. Ursu trägt Anzug und Krawatte. Beide lächeln. Klick. "Jetzt brauche ich erst mal was zu trinken", sagt die 34-Jährige und nimmt einen Schluck aus ihrem Bierglas. Lübeck hatte im ersten Wahlgang für die Linke als Oberbürgermeisterin kandidiert. Künftig wird sie für ihre Partei im neuen Stadtrat sitzen. "Ich habe Ursu gewählt", sagt sie. Schwergefallen sei ihr das nicht. Es gebe durchaus Parallelen - etwa beim Thema Weltoffenheit, bessere Mitbestimmung durch die Bevölkerung sowie Gleichberechtigung.

Bei Ursus Ansichten zum Thema Sicherheit sieht es anders aus. "Das fuchst mich natürlich als Linke", sagt sie. Der CDU-Politiker hatte recht früh im Wahlkampf Videoüberwachung an der Altstadtbrücke versprochen. Die Kameras sollen Ende Juli geliefert werden. Darüber will Lübeck erst mal nicht nachdenken. Für den Moment gilt: "Wir Demokraten müssen zusammenhalten." Eine andere Besucherin der Wahlparty drückt es so aus: "Hauptsache gewonnen!"

Doch die Freude über Ursus Sieg dürfte nur kurz währen. Bei der Oberbürgermeisterwahl stand nicht nur das Image der Stadt auf dem Spiel. Görlitz ist die Heimat von Ministerpräsident Michael Kretschmer. Bereits zur Bundestagswahl 2017 holte die AfD im Wahlkreis Görlitz das Direktmandat. Sebastian Wippel erlitt nun zwar eine Niederlage. Seine Partei konnte jedoch deutlich machen, dass sie in der Region eine Stammwählerschaft aufgebaut hat, die zum Problem für die CDU geworden ist. Der bei den Bürgern recht beliebte Wippel könnte zur Landtagswahl als Direktkandidat der AfD gegen Kretschmer antreten. Und ihm und dessen Partei eine Niederlage zufügen, die schwerer wiegt als ein Sieg bei den Oberbürgermeisterwahlen.

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