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Gezi-Proteste in Istanbul:Eine Stadt sieht grau

Zensur mit Pinsel und Farbe: In Istanbul lässt die Stadtverwaltung regierungskritische Graffiti überdecken. Die Wände der Stadt sind nun voller übermalter Flächen. Student Felix Huesmann hat sie in einer Fotoserie dokumentiert.

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Istanbul - shades of grey

Quelle: Felix Huesmann

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Zensur mit Pinsel und Farbe: In Istanbul lässt die Stadtverwaltung regierungskritische Graffiti überdecken. Die Wände der Stadt sind nun voller übermalter Flächen. Student Felix Huesmann hat sie in einer Fotoserie dokumentiert.

Am Abend sind sie meist noch da, die bunten Slogans und Graffiti, die Botschaften der Aktivisten und Erdoğan-Gegner. Am Morgen ist alles grau, spätestens. "Manchmal dauert es keine zwei Stunden", sagt Felix Huesmann. Der Student und Hobbyfotograf aus Dortmund war im März in Istanbul, um Türkisch zu lernen. Das Grau an den Wänden fiel ihm auf. Er schoss einige Fotos, am Ende entstand eine ganze Serie. "Die soziale Bewegung in der Türkei hat mich beindruckt", sagt der 22-Jährige.

Von Beginn an waren Graffiti Teil der Gezi-Park-Proteste des vergangenen Sommers. Die Demonstranten zeichnen Pinguine, als der Fernsehsender CNN Türk statt der Proteste eine Dokumentation über Pinguine zeigt. Sie schreiben IP-Adressen auf die Wände, mit denen sich die Twitter-Zensur umgehen lässt. Die Graffiti zeigen die Wut der Menschen, aber auch ihren Humor. Jeden Morgen sind neue Botschaften zu lesen - bis heute.

Istanbul - shades of grey

Quelle: Felix Huesmann

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Es ist eine Art Wettkampf: Auf der einen Seite die Streetart-Künstler, auf der anderen die Maler-Kolonnen der Stadtverwaltung. Während die einen noch übermalen, sprayen die anderen längst eine Straßenecke weiter. Wie hilflos und ineffektiv die Graffiti-Zensur durch die Behörden erscheint, zeigt dieses Bild. Trotz Übermalung schimmert die Botschaft lesbar durch: "Berkin Elvan yaşıyor", Berkin Elvan lebt.

Der 15-jährige Berkin Elvan wurde im vergangenen Juni von einem Tränengasgeschoss der Polizei am Kopf getroffen. Nach Darstellung seiner Familie war er gerade unterwegs, um Brot zu holen. Elvan fiel ins Koma und starb neun Monate später. Wenige Tage danach macht Huesmann diese Aufnahme.

Istanbul - shades of grey

Quelle: Felix Huesmann

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Die grauen Rechtecke auf der Mauer vor dem Galatasaray-Gymnasium sind Huesmanns Lieblingsmotiv. Die Schule gilt als eine der prestigeträchtigsten des Landes. "Alle Schüler sind sehr schick angezogen", sagt Huesmann. Das schäbige Grau passe nicht zum repräsentativen Charakter des Schulgebäudes. "Es wirkt sehr irritierend."

Das Elite-Gymnasium liegt mitten im Stadtteil Beyoğlu, dem Zentrum des westlich geprägten Istanbul auf der europäischen Seite der Stadt. Es ist nicht weit bis zum Gezi-Park, viele Touristen sind in diesem Viertel unterwegs. Auch deshalb, sagt Huesmann, sei das Bild so aussagekräftig: "Istanbul gibt sich hier weltoffen und international, doch die Unterdrückung durch Erdoğan ist überall zu sehen."

Istanbul - shades of grey

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An manchen Stellen fügt sich das Grau fast unbemerkt in das Stadtbild ein. Doch die Menschen sehen es jeden Tag. Huesmann ist daher überrascht, als er seine Bilder einigen Bekannten in Istanbul zeigt. "Ich hatte das Gefühl, dass viele sich noch nicht richtig damit beschäftigt haben." Die wichtigste Frage würde meist nicht diskutiert: Warum ist das Grau da?

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Quelle: Felix Huesmann

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Meist fotografierte Huesmann im Zentrum von Beyoğlu, selten weiter als zehn Gehminuten vom Gezi-Park entfernt. Nur dieses Bild ist im Süden des Stadtteils entstanden, in der Nähe der Fährstation in Karaköy. Während dort die ohnehin graue Mauer einen neuen Anstrich erhalten hat, werden auch politische Graffiti an historischen Gebäuden oft übermalt statt entfernt. "Es wird überhaupt nicht versucht, das Stadtbild wieder herzurichten", sagt Huesmann.

© Süddeutsche.de//beitz/rus

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