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Gewalt gegen Frauen:Angst darf nicht als hysterisch abgetan werden

Über alle Probleme muss geredet werden, über Sicherheit, Polizei und Integration. Über Flüchtlinge, Vorurteile, Begegnungen, Rassismus und Religion. Über Jugend, Armut, Arbeit. Und über Ängste. Mit vielen Männern teilen viele Frauen die Angst, dass sich die Lage nach solchen Ereignissen nicht mehr zuverlässig einschätzen lässt. Was natürlich schon vorher eine Illusion war. Man kennt dieses Gefühl nun schon, zuletzt von den Anschlägen in Paris und den ersten Terrordrohungen in Deutschland. Doch während die Terrorangst neu ist, ist die Angst vor Gewalt gegen das eigene Geschlecht bei Frauen tief verankert. Sie geht mit der Panik einher, weibliche Freiheiten (wieder) zu verlieren. Sowie mit der alltäglichen Erfahrung, wie schnell gerade weibliche Angst ins Lächerliche gezogen werden kann.

Natürlich können die meisten Männer aktuell nachvollziehen, dass ihre Frauen plötzlich darauf dringen, die Teenagertochter nicht um Mitternacht alleine heimradeln zu lassen. Viele Männer dringen jetzt sogar selbst darauf. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass denselben Männern schon in wenigen Wochen das Wort "übervorsichtig" über die Lippen kommt, im weniger netten Fall heißt es "hysterisch". Und da ist man, ganz im Kleinen, wieder an diesem Punkt angelangt, an dem sich das innere Sensibilisierungsdepot in Geschlechterfragen füllt. Es ist nichts anderes als Bevormundung, Angst als hysterisch abzutun oder den Zeitpunkt vorgeben zu wollen, ab wann sie so zu beurteilen ist.

Und es ist die gleiche Art der Bevormundung, die dafür sorgt, dass die Verbesserung der Frauenrechte nur schleppend vorankommt. Die dazu führt, dass die Frage nicht verschwindet, ob ein kurzer Rock (Armlänge) nicht doch eine Aufforderung ist. Oder schmatzende Schnalzgeräusche von einer pubertierenden Jungsgruppe an der Bushaltestelle denn nun wirklich so ein großes Drama sind. Sind sie nicht. Das Drama steckt dahinter. Es ist die fehlende Aufklärung in Familien und an Schulen, die es versäumen, den Zusammenhang zu erklären zwischen Schnalzgeräuschen, Gewalt und Frauenrechten. Der Zusammenhang besteht selbstverständlich nicht darin, dass jeder Schnalzer ein potenzieller Vergewaltiger ist. Der Zusammenhang besteht in der Erniedrigung - und der Angst, die Erniedrigung in Menschen auslöst. Angst, die sie zur schwächeren Hälfte machen kann. Und gegen die mit Frauenrechten gekämpft wird.

Es ist eine schöne, aber überhaupt nicht zwingende Idee, nach einem Anschlag wie in Paris "Jetzt erst recht!" zu rufen, sich ins Fußballstadion zu setzen und laut darüber nachzudenken, dass man ja immer noch eher an Hodenkrebs sterben werde als durch eine Terrorbombe. Allein: Genau weiß man es nicht. Angst ist nur bedingt ein rationales Gefühl. Es reicht die Wirkung der emotionalen Bedrohung, der man in Tagen wie diesen nicht entkommt. Ganz besonders als Frau.

© SZ vom 09.01.2016/fran

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