Süddeutsche Zeitung

Gewalt gegen Frauen:Unter Männern

Die Angst der Frauen vor Übergriffen ist allgegenwärtig. Nach den Vorfällen von Köln wird sie politisch instrumentalisiert. Doch das Interesse an diesem Thema wird sofort wieder verschwinden, sobald es nicht mehr um arabisch aussehende Männer geht.

Von Vera Schroeder

Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man als Frau nachts ohne Begleitung über eine Innenstadtbrücke schlendern oder die Töchter alleine mit dem Bus von einer Party nach Hause schicken kann. Es ist nicht selbstverständlich und auch nur in wenigen Ländern der Welt so problemlos möglich wie in Deutschland. Und auch hier ist es noch gar nicht lange so. Es ist die Errungenschaft mutiger Frauen, die nach allem, was sich in der Silvesternacht wohl in Köln ereignet hat, noch etwas weniger selbstverständlich erscheint.

Man will es sich lieber nicht vorstellen, wie es sich angefühlt haben mag, als Frau im Mob an diesem Bahnhof. Dabei kann man es sich gerade als Frau doch recht einfach vorstellen. Erniedrigung unter der Bedingung physischer Unterlegenheit, Ohnmacht und Hilflosigkeit, brennt sich ins Hirn. Sie nährt ein tief sitzendes Depot weiblicher Grunderfahrungen. Und kann panische Angst machen.

Man muss dafür nicht einmal selbst schon begrapscht worden sein oder Schlimmeres erlebt haben. Es reicht, irgendwann einmal darüber nachgedacht zu haben, dass Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland bis 1997 kein Straftatbestand war. Auch Angela Merkel kennt es: "Das Gefühl, von Frauen in diesem Fall, sich völlig schutzlos ausgeliefert zu fühlen, ist auch für mich persönlich unerträglich", sagte sie am Donnerstag. Es reicht auch, aktuelle Zahlen zu kennen. 58 Prozent der Befragten geben in einer Studie des Familienministeriums an, nach ihrem 16. Lebensjahr schon einmal sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Die größte Gefahr für sexualisierte Gewalt droht in den eigenen vier Wänden.

Das Interesse am Thema wird schwinden, wenn es nicht mehr um arabisch aussehende Männer geht

Bis zu dieser Silvesternacht konnten sich Frauen mit etwas Hilfe ihres gesunden Menschenverstandes auch nach 22 Uhr an den meisten öffentlichen Orten sicher fühlen. Der Grund dafür aber war nicht etwa, dass das Problem sexualisierter Gewalt in Deutschland bereits gelöst wäre. Natürlich sind Rape Culture und Gang-Bang-Fantasien auch hier kein neues Phänomen. Aber es war doch weitgehend aus dem Bewusstsein verbannt, dass einem sexualisierte Gewalt in diesem Ausmaß an einem polizeilich überwachten Hauptbahnhof begegnen kann.

Insofern ist es richtig, wenn Feministinnen jetzt beklagen, dass die Übergriffe in der öffentlichen Debatte vor allem politisch instrumentalisiert werden. Und zu wenig über die Opfer gesprochen wird und die Mechanismen sexualisierter Gewalt. Dass sich jetzt oft genau die Kommentatoren, die das Thema über Jahre lächerlich gemacht haben, zu Beschützern von Frauenrechten erklären, wäre fast schon lustig, wenn es nicht so schrecklich wäre. Und natürlich wird das Interesse am Thema sofort wieder hinter genervtem Augenrollen verschwinden, sobald es nicht mehr in den unmittelbaren Zusammenhang mit "nordafrikanisch oder arabisch aussehenden" Männer gebracht oder für die Forderungen nach Grenzzäunen in Stellung gebracht werden kann.

Und doch greift der feministische Reflex, nun ausschließlich über sexualisierte Gewalt in Deutschland sprechen zu wollen, zu kurz. Denn es ist eben nicht nur Gewalt gegen Frauen gewesen - und das "nur" ist in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht relativierend gemeint.

Angst darf nicht als hysterisch abgetan werden

Über alle Probleme muss geredet werden, über Sicherheit, Polizei und Integration. Über Flüchtlinge, Vorurteile, Begegnungen, Rassismus und Religion. Über Jugend, Armut, Arbeit. Und über Ängste. Mit vielen Männern teilen viele Frauen die Angst, dass sich die Lage nach solchen Ereignissen nicht mehr zuverlässig einschätzen lässt. Was natürlich schon vorher eine Illusion war. Man kennt dieses Gefühl nun schon, zuletzt von den Anschlägen in Paris und den ersten Terrordrohungen in Deutschland. Doch während die Terrorangst neu ist, ist die Angst vor Gewalt gegen das eigene Geschlecht bei Frauen tief verankert. Sie geht mit der Panik einher, weibliche Freiheiten (wieder) zu verlieren. Sowie mit der alltäglichen Erfahrung, wie schnell gerade weibliche Angst ins Lächerliche gezogen werden kann.

Natürlich können die meisten Männer aktuell nachvollziehen, dass ihre Frauen plötzlich darauf dringen, die Teenagertochter nicht um Mitternacht alleine heimradeln zu lassen. Viele Männer dringen jetzt sogar selbst darauf. Doch es ist nicht unwahrscheinlich, dass denselben Männern schon in wenigen Wochen das Wort "übervorsichtig" über die Lippen kommt, im weniger netten Fall heißt es "hysterisch". Und da ist man, ganz im Kleinen, wieder an diesem Punkt angelangt, an dem sich das innere Sensibilisierungsdepot in Geschlechterfragen füllt. Es ist nichts anderes als Bevormundung, Angst als hysterisch abzutun oder den Zeitpunkt vorgeben zu wollen, ab wann sie so zu beurteilen ist.

Und es ist die gleiche Art der Bevormundung, die dafür sorgt, dass die Verbesserung der Frauenrechte nur schleppend vorankommt. Die dazu führt, dass die Frage nicht verschwindet, ob ein kurzer Rock (Armlänge) nicht doch eine Aufforderung ist. Oder schmatzende Schnalzgeräusche von einer pubertierenden Jungsgruppe an der Bushaltestelle denn nun wirklich so ein großes Drama sind. Sind sie nicht. Das Drama steckt dahinter. Es ist die fehlende Aufklärung in Familien und an Schulen, die es versäumen, den Zusammenhang zu erklären zwischen Schnalzgeräuschen, Gewalt und Frauenrechten. Der Zusammenhang besteht selbstverständlich nicht darin, dass jeder Schnalzer ein potenzieller Vergewaltiger ist. Der Zusammenhang besteht in der Erniedrigung - und der Angst, die Erniedrigung in Menschen auslöst. Angst, die sie zur schwächeren Hälfte machen kann. Und gegen die mit Frauenrechten gekämpft wird.

Es ist eine schöne, aber überhaupt nicht zwingende Idee, nach einem Anschlag wie in Paris "Jetzt erst recht!" zu rufen, sich ins Fußballstadion zu setzen und laut darüber nachzudenken, dass man ja immer noch eher an Hodenkrebs sterben werde als durch eine Terrorbombe. Allein: Genau weiß man es nicht. Angst ist nur bedingt ein rationales Gefühl. Es reicht die Wirkung der emotionalen Bedrohung, der man in Tagen wie diesen nicht entkommt. Ganz besonders als Frau.

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Quelle:
SZ vom 09.01.2016/fran
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