Krieg in der Ukraine:Russische Verzweiflungstaten

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Krieg in der Ukraine: Nach dem Angriff am Morgen steigt über Kiew Rauch auf.

Nach dem Angriff am Morgen steigt über Kiew Rauch auf.

(Foto: Gleb Garanich/Reuters)

Raketenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur, das Getreideabkommen ausgesetzt: Weil an der Front die Ukraine die Initiative übernommen hat, versucht Moskau auf anderen Wegen Druck auszuüben. Mehrere Frachter setzen ihre Fahrt trotzdem fort.

Von Nicolas Freund

Der Strom fiel aus, als sie die Kaffeemaschine einschalten wollte, schrieb die ukrainische Politikerin Inna Sowsun auf Twitter. Drei Minuten später folgten die Explosionen. Die russische Armee hat am Montagmorgen Städte in der ganzen Ukraine mit Raketen angegriffen. Detonationen wurden unter anderem aus Charkiw und Saporischschja gemeldet. Ziel der Angriffe war erneut vor allem die zivile Infrastruktur. Der Bürgermeister von Charkiw schrieb auf Telegram, Straßenbahnen sowie die U-Bahn fielen aus und die Wasserversorgung sei beeinträchtigt. Vitali Klitschko, der Bürgermeister von Kiew, schrieb ebenfalls auf Telegram, es werde daran gearbeitet, in der ganzen Hauptstadt die Stromversorgung wiederherzustellen. Auch in Kiew soll die Wasserversorgung in einem Großteil des Stadtgebiets ausgefallen sein, die Bürger wurden dazu aufgerufen, sich an öffentlichen Brunnen zu versorgen.

Viele Menschen hatten den Montagmorgen in der U-Bahn verbracht, um sich vor den Angriffen zu schützen. Es wurden auch einzelne Tote gemeldet, aber genau Opferzahlen der Angriffe sind bislang noch nicht bekannt. Der russische Beschuss hätte leicht noch mehr Schaden verursachen können: So sollen von russischen Truppen mehr als 50 Raketen abgefeuert worden sein, 44 hätte aber die ukrainische Flugabwehr abgefangen. Einzelne Trümmer sollen sogar in der Republik Moldau niedergegangen sein.

Krieg in der Ukraine: Viele Menschen hatten vor den Raketenangriffen Schutz in der U-Bahn gesucht.

Viele Menschen hatten vor den Raketenangriffen Schutz in der U-Bahn gesucht.

(Foto: Reuters)

Weil die russischen Truppen in der Ukraine derzeit zu nicht mehr als der Verteidigung der besetzten Gebiete in der Lage zu sein scheinen, lässt Moskau nichts unversucht, um weiter Druck auf Kiew und den Westen auszuüben. Erst am Wochenende hatte Russland angekündigt, das im Juli geschlossene Abkommen, das den sicheren Export von Getreide und anderen Nahrungsmitteln aus der Ukraine garantiert, auf unbestimmte Zeit aussetzen zu wollen. Moskau hatte zuvor immer wieder mit diesem Schritt gedroht. Als Begründung wurde ein Drohnenangriff auf den Stützpunkt der Schwarzmeerflotte in Sewastopol auf der Krim angegeben. Die in der Nähe von Odessa gestarteten Wasserdrohnen hätten laut russischen Angaben den für die Getreidetransporte vereinbarten Seefahrtskorridor genutzt, bevor sie den Kurs in Richtung Sewastopol geändert hätten. Mindestens eine der Drohnen soll auch von einem der Getreidetransporter aus gestartet worden sein. Für diese Vorwürfe gibt es keine Beweise.

Ungeachtet der Aufkündigung des Abkommens von russischer Seite sollen am Montag mehrere Frachter ihre Fahrten fortgesetzt haben. Zwölf Schiffe sollen sich derzeit auf dem Weg nach Istanbul befinden, mindestens vier auf dem Weg in die Ukraine. Hunderte weitere Schiffe warten auf ihre Inspektionen und die Freigabe für die Weiterfahrt, sowohl in die Ukraine als auch zu ihren Zielhäfen. Am Montag hatte sich auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan für eine Fortsetzung des unter seiner Vermittlung geschlossenen Getreideabkommens eingesetzt. "Auch wenn Russland sich zögerlich verhält, weil es nicht die gleichen Vorteile erhalten hat, werden wir unsere Bemühungen im Dienste der Menschheit entschlossen fortsetzen", sagte er. Am Wochenende war die Aufkündigung Russlands international scharf kritisiert worden. Die Raketenangriffe auf zivile Einrichtungen und die praktisch grundlose Kündigung des Getreideabkommens zeugen von einer gewissen Ratlosigkeit im Kreml, wie der Krieg noch gewendet werden könnte.

Krieg in der Ukraine: Schiffe mit Getreide und anderen Nahrungsmitteln aus der Ukraine warten bei Istanbul auf die Freigabe für ihre Weiterfahrt.

Schiffe mit Getreide und anderen Nahrungsmitteln aus der Ukraine warten bei Istanbul auf die Freigabe für ihre Weiterfahrt.

(Foto: Umit Bektas/Reuters)

Die am Montag anscheinend fortgesetzten Transporte werfen nun die Frage auf, ob der Export von Nahrungsmitteln aus der Ukraine auch ohne das Getreideabkommen und eine russische Zustimmung möglich wäre. Das Abkommen diente im Sommer vor allem dazu, die russische Blockade der ukrainischen Häfen aufzuheben und Minenfelder zu räumen. Es ist fraglich, ob die von mehreren Angriffen getroffene russische Schwarzmeerflotte überhaupt wieder zu einer Blockade in der Lage wäre. Der Vorwurf Moskaus, es seien auch Drohnen von Frachtern aus gestartet worden, lässt sich indessen als Warnung verstehen, dass Russland auch Transportschiffe als Gefahr identifizieren und diese angreifen könnte. Die Frachter fahren allerdings nicht ausschließlich unter ukrainischer Flagge und viele haben eine internationale Besatzung, dazu wird ihre Fracht auf dem Weltmarkt dringend benötigt. Ein Angriff auf die Schiffe oder nur eine versuchte Blockade wäre ein weiterer internationaler Affront auch gegenüber Ländern in Afrika und Asien, den sich Russland derzeit wohl nicht leisten kann.

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