Mammut-Projekt Wörterbuch:Warum Menschen Marxisten sind

Karl Marx - 125. Todestag

Marx, Märchen, Marktfrauen: Es wird allerhand analysiert. (Die Zeichnung von Karl Marx ist undatiert)

(Foto: dpa)

Märchen und Maschinenstürmer: Experten schreiben seit mehr als 20 Jahren an einem Wörterbuch zur Kapitalismuskritik, selbstkritisch und fern aller steifen Dogmatik.

Von Oskar Negt

Vom englischen Philosophen Alfred North Whitehead wird berichtet, er habe in einer Mathematik-Vorlesung gesagt: Im Grund bestehe die ganze philosophische Tradition aus Fußnoten zu Platon. Das ist gewiss eine Übertreibung, vielleicht steckt darin aber doch ein Wahrheitsmoment. Es gibt offenbar geschichtliche Situationen, in denen eine Art unbewusst kollektiver Zwang ausgeübt wird, sich mit bestimmten Theorien oder Denkweisen auseinanderzusetzen, ob man das will oder nicht.

Das Whiteheadsche Diktum könnte gelten angesichts des bislang in acht Bänden vorliegenden Werkes mit dem Titel "Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus". Vergegenwärtigt man sich den eindrucksvollen thematischen Umfang, entsteht leicht der Eindruck, dass die Denkgeschichte des 20. Jahrhunderts, die ganze geistesgeschichtliche Landschaft im Wesentlichen aus Fußnoten zu Marx besteht.

Auch das ist sicherlich eine Übertreibung; denn ein Wörterbuch trifft ja immer eine Auswahl, die bewusst Einseitigkeit einschließt. Jüngst ist der zweite Teil von Band 8 dieses in seiner Anlage äußerst anspruchsvollen Werkes erschienen, an dem, wie die Herausgeber stolz verkünden, inzwischen mehr als 800 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Schriftbeiträgen beteiligt waren und Tausende das Projekt mit Spenden unterstützen. Schon das ist ein beachtlicher Tatbestand.

Dem Zufall der Buchstabenfolge ist es nun zu danken, dass gerade dieser achte Band besonderes Gewicht hat; denn er setzt ein mit Erläuterungen der Kampfbegriffe links/rechts und endet mit den Maschinenstürmern, diesen frühen, ohnmächtigen Rebellen gegen das beginnende Industriezeitalter.

Querliegende Themen, marxistisch eingebunden

Auf den Hunderten Seiten, die dazwischen liegen, werden in zum Teil glänzenden Essays Stichworte wie Marxismus-Leninismus, die Mao-Zedong-Ideen, aber auch Begriffe abgehandelt, die zunächst zur Phänomenologie des Marxismus, worauf dieses Wörterbuch hinwill, so direkt nicht richtig passen: wie Märchen, Marktfrauen, Markt und so weiter.

Natürlich ist es einem klugen Kopf möglich, auch querliegende Themen so in marxistische Kategorien einzubinden, dass überraschende Seiten der Dinge erkennbar werden.

Besonders dieser Band zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Themen fern aller steifen Dogmatik im Geist theoretischer Fantasie abgearbeitet werden; dieser fantasiereiche Umgang mit den Themen, dem weitgehend das Belehrende fehlt, mag daher kommen, dass die Schreibenden mit ihren Beiträgen weder politisch noch akademisch auf Karriere angelegt sind. Der Legitimationszwang fehlt selbst bei denjenigen, die es noch mit der Last einer unaufgearbeiteten eigenen Vergangenheit zu tun haben.

Der Marxismusband, der jetzt vorliegt, hat noch in einer anderen Hinsicht eine besondere Bedeutung. Es ist viel Selbstreflexion im Spiel, auch an Selbstkritik fehlt es nicht. In zahlreichen Artikeln wird erkennbar, wie marxistisches Denken einbezogen ist in Theoriemissbrauch und Herrschaftslegitimation. Denn bei der von der Linken zu leistenden Aufarbeitung der Vergangenheit geht es nicht nur um falsche Strategien und irriges Denken.

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