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Zeitgeschichte:Alles, was da ist, wird irgendwann kippen

Als sich in der Türkei 1980 eine Militärjunta an die Macht geputscht hatte und die Bürgerrechte mit Füßen trat, fanden westdeutsche Diplomaten das "akzeptabel". Noch 1984 nannte Kanzler Helmut Kohl El Salvadors widerlichen Diktator José Napoléon Duarte seinen "langjährigen Freund". Jimmy Carter, der sein Präsidentenamt 1981 abgab, hatte aber auf die Menschenrechte gepocht und half so dabei, dass die waltende Nonchalance beim Umgang mit Autokraten abebbte. Und die Bundesrepublik, ein treuer Vasall der USA, machte das dann allmählich mit.

Carter gilt als eher erfolgloser Präsident, aber er war auf der Höhe der Zeit: Menschenfreundlich wie er dachten auch viele junge Leute. In Westdeutschland hatte das marxistische Herumtheoretisieren sich Ende der 70er Jahre totgelaufen. Nach der Revolution in Nicaragua wollten die Linken in dem bitterarmen Land anpacken: Kaffeebohnen pflücken, Schulen bauen, praktisch helfen.

Das Politische Buch Kohls "vulkanischer Charakter"
Deutsche Kanzler

Kohls "vulkanischer Charakter"

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Eine der wenigen komischen Bemerkungen in Böschs Buch ist die Beobachtung, bis 1980 seien so viele Helfer ins Land gekommen, "dass die Sandinisten darum baten, von weiteren Reisen abzusehen". Immerhin: Zuhause konnte man solidarisch den Kaffee aus Nicaragua kaufen, die fair gehandelte "Sandino-Dröhnung", die ausgesprochen bitter schmeckte und nicht eben magenfreundlich war.

Bösch meint, dass die Architektur des Kalten Krieges Ende der 1970er Jahre hier und da zu kippen begonnen habe. Als ein Beispiel dafür nennt er Nicaragua, das gern Hilfe aus Ost und West annahm, weshalb weder Ost noch West den Sandinisten so recht trauten. Die BRD und die DDR gaben viel Geld. Die Sowjetunion indes blieb distanziert: Für sie war das Land zu klein, zu unbedeutend, als dass ihre Oberen an seiner Zukunft hätten mitbauen wollen.

Frank Bösch: Zeitenwende 1979

Frank Bösch: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann. Verlag C.H. Beck, München 2019. 512 Seiten, 28 Euro.

Alles, was da ist, wird irgendwann kippen, damit hat Bösch schon recht. Vorerst aber befand sich die Welt noch im Kalten Krieg. Kambodschas frühere grausame Führung von Pol Pot galt 1979 bei der US-Regierung als legitim - und so dann eben auch in der BRD. Der Grund war einfach: Pol Pots Herrschaft wurde nach wie vor anerkannt, weil, so Bösch, "das sowjetisch gestützte Vietnam ihn gestürzt hatte".

Nach dem Motto "der Feind meines Gegners ist mein Freund" unterstützten die USA die Islamisten in Afghanistan mit Leidenschaft. Der Einmarsch der Sowjets dort kam so: Die kommunistische Khalq-Partei hatte 1978 (übrigens zur Verblüffung der Sowjets) die Regierung in diesem von Stammesdenken bestimmten, patriarchalischen Land usurpiert. Der neue Ministerpräsident Mohammad Taraki machte sich allgleich unbeliebt. Alphabetisierungskurse auch für Frauen zum Beispiel kamen nicht gut an. Islamistischer Widerstand kam auf. Die Geheimdienste der USA waren darüber informiert. In Washington brach Frohlocken aus - einerseits.

Wo die USA der Sowjetunion ihr "Vietnam" bereiten wollten

Andererseits fürchtete man in den USA, bei dem Bemühen der Sowjetunion, die kommunistische Regierung in Kabul zu stützen, werde es nicht bleiben: Im Falle eines Einmarsches würden die Sowjets in Kabul nicht Halt machen, sondern weiter vordringen wollen, zu den an Öl reichen Regionen, ja bis zum Indischen Ozean.

Der Einmarsch erfolgte Ende 1979. Die USA waren vorbereitet. Von 1979 an gaben sie den Islamisten jede Menge Geld und Waffen. (Sie gaben das Menschenmördern, Leuten wie Gulbuddin Hekmatyār, auch bekannt als "Schlächter von Kabul", der später zum Kampf gegen die USA aufrief.)

1979 sah man die Dinge im Kreml anders: Man wollte nicht an die Ölquellen oder an den Pazifik. Man wollte vielmehr keine Destabilisierung der südlichen Sowjet-Republiken durch islamistische Aufrührer. Bösch hat ein gewisses Verständnis dafür, dass sowjetische Soldaten nach Afghanistan entsandt wurden.

Der Fehler sei gewesen, nach der Installierung eines Moskau-freundlichen Regimes in Kabul nicht sofort wieder abzuziehen. Derweil rieb man sich in Washington die Hände. Im amerikanischen Außenministerium wurde vermerkt, man werde die Mudschaheddin eifrig weiter stärken, mit dem Ziel, der Sowjetunion in Afghanistan "ein Vietnam" zu bereiten.

Frank Böschs Buch ist ein wunderbarer Brunnen, aus dem man gar nicht genug schöpfen kann. Es enthält eine Fülle von Erkenntnissen, deren viele auch Kenner der Zeitgeschichte packen werden.

Sein Fazit, 1979 sei das Jahr gewesen, als die Welt von heute begann: Er hat es gut belegt.

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