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Gerüchte:Oft drehen sich die Gerüchte um Vergewaltigungen

Die meisten Gerüchte betreffen Sexualdelikte. Man könnte eine Deutschlandkarte zeichnen mit Orten, an denen angeblich Frauen und Mädchen von Asylbewerbern vergewaltigt wurden. In Oberbayern und Niedersachsen, in Detmold, Dresden, Nordhausen, Kleve, Stuttgart, Gießen, Berlin. Mal ist ein junges Mädchen das Opfer, mal eine Mutter, mal findet die Vergewaltigung auf dem Schulweg, mal in einer Tiefgarage oder in einem Schuhgeschäft statt. Oft sind es mehrere Täter, einem Opfer wurden die Ohren abgeschnitten, eine Fünfjährige von Flüchtlingen gegessen.

Oder die Putzfrau aus Hannover. "Meine Cousine erzählte mir, dass ihre Kollegin aufgeregt in die Arbeit kam, weil ihre Freundin, die als Reinigungskraft in einem Flüchtlingsheim gearbeitet hat, mehrfach vergewaltigt und getötet auf dem Klo gefunden wurde." Ein typischer Eintrag in sozialen Medien.

Warum entstehen solche Geschichten? Sie kommen auf, wenn ein Thema relevant ist oder etwas bedrohlich wirkt, sagt Matthias Kohring, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. Gerüchte hätten eine soziale Funktion, mit denen sich eine Gemeinschaft gegen jene abgrenze, die sie als unberechenbar, als Gefahr wahrnimmt. Und das waren und sind meistens Fremde, die in den Gerüchten das angreifen, was für eine Gesellschaft am schützenswertesten ist: Kinder und Frauen. Deshalb könnten Geschichten über Vergewaltigungen so groß werden und Leute auf die Straße bringen.

Dementis allein reichen nicht, es braucht Information

Was kann man dagegen tun? Wenig, sagt der Kommunikationswissenschaftler. Gerüchte wird man nicht ausrotten, das war schon in der antiken Sage so, wo sich Fama, die Gottheit des Gerüchts, schneller als Wasser, Wind und die Vögel bewegen konnte. Mit Dementis allein habe man keine Chance, sagt Kohring. Bei jedem, der eine Geschichte richtigstellen wolle, werde sofort nach dessen Absicht gefragt.

Was helfe, sagt Kohring, sei Transparenz. Also dort, wo Gerüchte entstehen, Informationen verbreiten. Das allerdings ist in diesem Fall das Tückische. Polizei und Staatsanwaltschaft sind verpflichtet, Minderjährige zu schützen. Jugendstrafverfahren finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Details aus dem Intimleben eines Opfers dürfen nicht weitergegeben werden. "Das Kind steht für uns im Vordergrund", sagt Martin Steltner von der Berliner Staatsanwaltschaft.

Der Pressesprecher der Berliner Polizei, Stefan Redlich, hat die Beobachtung gemacht, dass sich Offenheit eigentlich auszahlt. Wenn die Polizei transparent kommuniziere, werde das angenommen, sagt er. "Ich merke, dass uns deshalb auch Menschen weitgehend glauben, die der Polizei kritisch gegenüberstehen", sagt er. "Dieser Fall ist aber eine Besonderheit." Hier könne die Polizei aus Rücksicht auf die Persönlichkeit des Kindes nicht alles offen sagen. "Das führt zu Interpretationsspielräumen, die von anderer Seite für ihre Zwecke instrumentalisiert werden." So erschweren ausgerechnet die respektablen Maßstäbe der Behörden im Umgang mit der Öffentlichkeit, dass diese Öffentlichkeit sich das richtige Bild macht.

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