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Gerüchte:Gerüchte über Flüchtlinge: Wut sucht Wahrheit

Lesezeit: 4 min

Ermordete Putzfrauen und ein aufgegessenes Kind: Im Internet kursieren die wildesten Geschichten. Welche Macht sie entfalten - und wie schwer sie zu bekämpfen sind.

Von Verena Mayer und Jens Schneider

Diese Geschichte spielt in zwei Welten, in der virtuellen und in der realen, und es scheint dieser Tage vielen schwerzufallen, diese Welten auseinanderzuhalten. Einem 13-jährigen Mädchen soll Schlimmes widerfahren sein, in Berlin-Marzahn, Anfang Januar. Das Mädchen aus einer russlanddeutschen Familie wurde im Internet schnell unter seinem Namen bekannt, ein Symbol gar. Am 11. Januar wurde es als vermisst gemeldet. Nach 30 Stunden tauchte es wieder auf.

So weit folgen beide Geschichten demselben Strang. Doch seit zwei Wochen entwickeln sie sich immer weiter auseinander. Im Internet und in russischen Medien wird berichtet, dass es entführt und von mehreren Flüchtlingen 30 Stunden lang vergewaltigt worden sei. So, als handele es sich um eine Tatsache.

"Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte"

Die Berliner Polizei erklärte bereits kurz nach den ersten Gerüchten ganz klar, dass es keine Vergewaltigung gab, auch keine Entführung. Auch diesen Mittwoch wiederholt Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft Berlin wie schon seit Tagen gebetsmühlenartig, was Sache ist. Das Mädchen sei medizinisch untersucht worden, es gebe keinen Hinweis auf eine Vergewaltigung. Es sei "in die falschen Kreise" geraten und habe Sexualkontakte gehabt. Allerdings einvernehmlich und vor seinem Verschwinden. Deswegen werde gegen zwei Verdächtige ermittelt, die aber keine Asylbewerber seien. Wegen Kindesmissbrauchs.

Doch die andere Geschichte bleibt davon unberührt, sie wird immer mächtiger. Dass die Polizei dem Gerücht widerspricht, wird als Zeichen gesehen, dass die Wahrheit nicht ans Licht solle. Der russische Außenminister Sergej Lawrow wirft den Behörden Vertuschung vor. In Berlin, aber auch in Baden-Württemberg oder Bayern, sind Hunderte losgezogen, um auf das Schicksal des Mädchens aufmerksam zu machen. Die NPD rief dazu auf, auch ein "Internationaler Konvent Russlanddeutscher". Man sah junge Männer auf der Straße und ältere Damen, hörte Eltern, die ihre Kinder nicht mehr unbegleitet aus dem Haus lassen. Alle waren sich einig, dass sie den Behörden nicht trauen. Eine Frau sagte einem NDR-Reporter: "Ob Wahrheit oder nicht, ich glaube die Geschichte."

Überall kursieren momentan Gerüchte über kriminelle Flüchtlinge

Die Bereitschaft ist derzeit groß, Geschichten über vermeintlich kriminelle Ausländer zu glauben und weiterzutragen, zumal in der Nachbarschaft von Flüchtlingsunterkünften. Sie werden im Internet kolportiert, als handele es sich um unterdrückte Wahrheiten.

Verbunden damit ist das Misstrauen, dass die Polizei die Wahrheit ohnehin nicht zulasse, weil sie das politisch nicht dürfe. Seit der Silvesternacht von Köln verpuffen ihre Richtigstellungen oft gegen die Macht der Gerüchte. So überleben mit großer Vitalität düstere Geschichten wie jene von einem Supermarkt aus dem baden-württembergischen Meßstetten, der angeblich von Flüchtlingen geplündert wurde und seither geschlossen sei. Tatsächlich blieb er unbehelligt und ist weiterhin geöffnet.

Oft entstehen solche Geschichten rund um Flüchtlingsheime. In Meßstetten, wo 3000 Menschen in einem Erstaufnahmelager untergebracht sind, wurden angeblich Schafe gestohlen und geschächtet. Auf einem Bauernhof fand sich angeblich ein abgeschlagener menschlicher Kopf, der in anderen Geschichten in einer Mülltonne oder auf dem Parkplatz des - angeblich wegen Flüchtlingen geschlossenen - Supermarkts auftaucht. Nichts davon stimmt.

Die meisten Gerüchte betreffen Sexualdelikte. Man könnte eine Deutschlandkarte zeichnen mit Orten, an denen angeblich Frauen und Mädchen von Asylbewerbern vergewaltigt wurden. In Oberbayern und Niedersachsen, in Detmold, Dresden, Nordhausen, Kleve, Stuttgart, Gießen, Berlin. Mal ist ein junges Mädchen das Opfer, mal eine Mutter, mal findet die Vergewaltigung auf dem Schulweg, mal in einer Tiefgarage oder in einem Schuhgeschäft statt. Oft sind es mehrere Täter, einem Opfer wurden die Ohren abgeschnitten, eine Fünfjährige von Flüchtlingen gegessen.

Oder die Putzfrau aus Hannover. "Meine Cousine erzählte mir, dass ihre Kollegin aufgeregt in die Arbeit kam, weil ihre Freundin, die als Reinigungskraft in einem Flüchtlingsheim gearbeitet hat, mehrfach vergewaltigt und getötet auf dem Klo gefunden wurde." Ein typischer Eintrag in sozialen Medien.

Warum entstehen solche Geschichten? Sie kommen auf, wenn ein Thema relevant ist oder etwas bedrohlich wirkt, sagt Matthias Kohring, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. Gerüchte hätten eine soziale Funktion, mit denen sich eine Gemeinschaft gegen jene abgrenze, die sie als unberechenbar, als Gefahr wahrnimmt. Und das waren und sind meistens Fremde, die in den Gerüchten das angreifen, was für eine Gesellschaft am schützenswertesten ist: Kinder und Frauen. Deshalb könnten Geschichten über Vergewaltigungen so groß werden und Leute auf die Straße bringen.

Dementis allein reichen nicht, es braucht Information

Was kann man dagegen tun? Wenig, sagt der Kommunikationswissenschaftler. Gerüchte wird man nicht ausrotten, das war schon in der antiken Sage so, wo sich Fama, die Gottheit des Gerüchts, schneller als Wasser, Wind und die Vögel bewegen konnte. Mit Dementis allein habe man keine Chance, sagt Kohring. Bei jedem, der eine Geschichte richtigstellen wolle, werde sofort nach dessen Absicht gefragt.

Was helfe, sagt Kohring, sei Transparenz. Also dort, wo Gerüchte entstehen, Informationen verbreiten. Das allerdings ist in diesem Fall das Tückische. Polizei und Staatsanwaltschaft sind verpflichtet, Minderjährige zu schützen. Jugendstrafverfahren finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Details aus dem Intimleben eines Opfers dürfen nicht weitergegeben werden. "Das Kind steht für uns im Vordergrund", sagt Martin Steltner von der Berliner Staatsanwaltschaft.

Der Pressesprecher der Berliner Polizei, Stefan Redlich, hat die Beobachtung gemacht, dass sich Offenheit eigentlich auszahlt. Wenn die Polizei transparent kommuniziere, werde das angenommen, sagt er. "Ich merke, dass uns deshalb auch Menschen weitgehend glauben, die der Polizei kritisch gegenüberstehen", sagt er. "Dieser Fall ist aber eine Besonderheit." Hier könne die Polizei aus Rücksicht auf die Persönlichkeit des Kindes nicht alles offen sagen. "Das führt zu Interpretationsspielräumen, die von anderer Seite für ihre Zwecke instrumentalisiert werden." So erschweren ausgerechnet die respektablen Maßstäbe der Behörden im Umgang mit der Öffentlichkeit, dass diese Öffentlichkeit sich das richtige Bild macht.

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Quelle:
SZ vom 28.01.2016
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