bedeckt München 15°
vgwortpixel

Erster Weltkrieg:Strick-Code

Haar, vor dem Rathaus und überall, Zamma-gstrickt und -g'häkelt,

Guerilla-Strickerinnen ummanteln Verkehrsschilder, Baumstämme und geparkte Fahrräder mit farbenfrohen Strickdeckchen.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die Hausarbeit diente vor mehr als 100 Jahren als geheime Methode, um Informationen über das deutsche Militär zu sammeln und weiterzugeben - im Zweiten Weltkrieg wurde Stricken propagandistisch eingesetzt.

Guerilleros sind überall zu finden: Guerilla-Gärtner, die Samenbomben in Grünanlagen werfen, um Blumenwiesen und Bienenparadiese daraus zu machen. Guerilla-Strickerinnen, die Verkehrsschilder, Baumstämme und geparkte Fahrräder mit farbenfrohen Strickdeckchen ummanteln oder mit Verspätungsschals die Unpünktlichkeit der Bahn visualisieren. Dass es echte Untergrundkämpferinnen gab, die mit Stricknadeln gegen das System vorgingen, ist weniger bekannt.

Tatsächlich waren strickende Großmütter und Guerillakämpfer noch nie ein Gegensatz. Am geläufigsten sind wohl die "Tricoteuses" der Französischen Revolution, Frauen, die öffentlich gegen das aristokratische wie patriarchale Herrschaftssystem anstrickten. Indem sie die private Tätigkeit in die Öffentlichkeit trugen, setzten sie ein Zeichen für gesellschaftliche Teilhabe. Ihre unflätigen Zwischenrufe bei den Hinrichtungen sind in zeitgenössischen Aufzeichnungen dokumentiert.

Charles Dickens verewigte die Kampfstrickerinnen im Roman "Eine Geschichte aus zwei Städten" von 1859. Thérèse Defarge ist Tricoteuse und zeichnet sich nicht nur durch Rachgier am Adel aus, sondern strickt die Namen der nächsten Guillotineopfer in codierter Form ins Muster ihrer Handarbeit ein.

Regisseur Christopher Nolan griff das Stricken als Akt der Revolte im Batman-Film "The Dark Knight Rises" auf. Der Bösewicht Bane strickt in einem Schauprozess gegen den Polizisten Commissioner Gordon und beobachtet dabei das rechtswidrige Geschehen genüsslich aus der zweiten Reihe.

Dass sich Stricken ideal zum Codieren eignet, liegt nicht sofort auf der Hand. Doch Stricken ist eine binäre Angelegenheit. Denn neben Farbwechseln, die eine Vielzahl von Kombinationen und Mustern zulassen, gibt es genau zwei Möglichkeiten, Muster oder Struktur in ein Strickstück zu bringen: rechte Maschen und linke.

Während rechte auf der Vorderseite wie kleine "V"s aussehen, erscheinen die linken wie ein Quer- oder Bindestrich. Aus diesen zwei Grundtechniken lassen sich alle Maschenformen und Muster ableiten. Stricken eignet sich also ideal zur Übermittlung binärer Codes - etwa das Morsealphabet, bei dem Vs und Striche den kurzen und langen Signalen entsprechen.

Kein Wunder, dass sich das Stricken bis ins 20. Jahrhundert als unkonventionelles, doch funktionales Medium für Nachrichtendienste hielt. Anders als von den Tricoteuses initiiert, galt es als vornehmlich häusliche Frauenarbeit und war demnach unverdächtig.

Im Ersten Weltkrieg betrieben belgische und französische Agentinnen unter den Augen der Deutschen Untergrundkampf durch Handarbeit. Die französische Spionin Louise de Bettignies, besser bekannt unter dem Tarnnamen Alice Dubois, nutzte im breiten Netzwerk aus Informanten auch Strickerinnen.

Das von Bettignies eingerichtete "Alice Network" bestand aus etwa 100 Agenten und half, den deutschen Vorstoß zu behindern. Bettignies, zweisprachig aufgewachsen, arbeitete von Lille aus für den britischen Geheimdienst.

Sie engagierte Frauen, die in der Nähe von Gleisumschlagplätzen oder Bahnhöfen lebten, um die Gleise beobachten zu lassen - Trainspotting im Wortsinne. Sie sollten alle ein- und ausgehenden Züge notieren. Damit erhoffte sich das Militär, Informationen über geplante Aktionen und Schritte der Deutschen zu erfahren.

Ob Fehler im Strickmuster Krisen ausgelöst haben, ist nicht bekannt

Um keinen Verdacht zu wecken, mussten die Frauen alltäglichen Tätigkeiten nachgehen, während sie die Informationen einsammelten. Stricken lag nahe, denn das lässt sich unauffällig über einen längeren Zeitraum am Fenster sitzend machen. So vermerkten sie alle Züge nicht auf Papier, sondern strickten ihre Notizen. Sie entwickelten einen einfachen Code, um Güterzüge von Personenzügen zu unterscheiden.

Die BBC-Radiosendung "MI6: A Century in the Shadows" vom 27. Juli 2009 berichtet, dass die Strickerinnen eine Fallmasche (eine erweiterte Form der rechten Masche) für Truppenzüge strickten, eine linke Masche für Artilleriezüge und so fort. Die mit heißer Nadel gestrickten Stücke wurden dann in die Zentrale geschmuggelt. Anhand des Musters konnten die Briten die Bewegungen der Deutschen ablesen.

Ironie des Schicksals: Das britische "Office of Censorship", das im Zweiten Weltkrieg zur Geheimhaltung sensibler Informationen gegründet wurde, verbot das Versenden von Strickanleitungen wegen dieser Trainspotting-Offensive. Mit eigenen Mitteln wollten die Briten sich keinesfalls schlagen lassen.

Auch in den USA dient Stricken als Tarnung: Im Unabhängigkeitskrieg wurden auch Frauen mit Strickfähigkeiten als Informantinnen eingesetzt. Molly "Old Mom" Rinker war für George Washington tätig und sollte die Briten ausspionieren.

Sie setzte sich auf einen Hügel, vermeintlich strickend, beobachtete die feindlichen Linien und warf immer wieder in Wollknäuel gewickelte Notizzettel hinunter - in die Hände von unten versteckten amerikanischen Soldaten.

Ob Fehler im Strickmuster letztlich Krisen ausgelöst haben oder ob Handarbeiten heute noch auf dem Lehrplan der Nachrichtendienste steht, ist nicht bekannt.

Doch galt in den USA Stricken bis über den Zweiten Weltkrieg hinaus als Propagandavehikel: Die von First Lady Eleanor Roosevelt 1941 ausgerufene Kampagne "Knit for Defense" - Stricken für die Verteidigung - forderte eine Million Pullover für die Front ein.

Das Life Magazine druckte am 24.11.1941 einen Crashkurs im Stricken. Wohlgemerkt: In den Vierzigerjahren gab es bereits Strickmaschinen, die Mützen, Schals, Pullover industriell herstellen konnten - schneller und günstiger als ein handgestricktes Paar Socken.

Dieser Text erschien erstmals in in der Print-SZ vom 14.09.2019.

© SZ vom 14.09.2019/hij
Geschichte Wie sich Wilhelm II. über Hitlers Erfolge freute

Deutschlands letzter Kaiser

Wie sich Wilhelm II. über Hitlers Erfolge freute

1941 starb Kaiser Wilhelm II. im niederländischen Exil. Zuletzt zeigte er sich als geifernder Antisemit - und frohlockte über die Wehrmachts-Siege.   Von Oliver Das Gupta

Zur SZ-Startseite