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Gegen Rechts in Russland:"Nationalismus aus Enttäuschung"

Der Regisseur Pawel Lungin sagte nach Angaben der Seite Kasparov.ru: "Für die Regierung sind das schwierige Zeiten, sie hat weder Ziele noch Ideen, das bringt die Menschen auf": Russlands Jugend habe keine Zukunft, der wachsende Nationalismus sei ein "Nationalismus aus Enttäuschung". Seit Jahren warnen Soziologen davor, dass sich politische Ohnmacht und wirtschaftliche Frustration in einer rassistischen Explosion entladen könnten.

Unterdessen hatte Präsident Dmitrij Medwedjew unlängst in einem Fernsehinterview gewarnt, jedes Schüren von Hass "aus rassistischen, ethnischen oder religiösen Gründen" bedrohe die "Stabilität" des Staates. Und Premierminister Wladimir Putin hatte zwar am Grab des ermordeten Spartak-Fans Blumen niedergelegt und die Fußball-Fans aufgerufen, die Tat als "Attacke auf euch alle" zu betrachten, "unabhängig von Wohnort, Nationalität und Glaubensbekenntnis". Doch auch er bemerkte, Russland sei immer tolerant gewesen, aber nun verliere es seine "Immunität" gegen Nationalismus und Fremdenhass.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Wziom betrachtet gut ein Drittel der Russen die Ausschreitungen als Tat von Hooligans, knapp ein Drittel aber als Ausdruck von Protest. Jeder Zehnte könnte sich vorstellen, selbst an einer solchen Aktion teilzunehmen. Besonders groß war dabei die Zustimmung unter den Anhängern des nationalpopulistischen LDPR-Führers Wladimir Schirinowskij, unter Jugendlichen und Menschen aus dem Kaukasus.

In einem Zeitungsartikel warnte der Leiter des analytischen Zentrums Sova, Alexander Werchowskij davor, dass unter Kaukasiern die Xenophobie mindestens so groß sei wie unter den Moskowitern, auch wenn den Migranten bislang das ideologische Fundament fehle. Sollten sie dies finden oder bei russischen Ultras abschauen, dann könnte der bislang eher theoretisch erörterte "Konflikt zwischen den Nationen" alles bisherige in den Schatten stellen.

© SZ vom 27.12.2010/ehr

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