Süddeutsche Zeitung

Gegen Rechts in Russland:"Russland für alle"

"Den braunen Mist aus den Straßen unserer Städte entfernen": Nach rechtsextremistischen Übergriffen auf Migranten gehen Moskauer Bürger gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit auf die Straße.

Sonja Zekri, Moskau

Demonstrationen sind in Russland risikoreicher als beispielsweise in Deutschland, und am Sonntag kam noch das Wetter hinzu: Gefrierender Regen hatte Autos, Straßen und Bäume mit einer glitzernden Eiskruste überzogen. Eineinhalb Tausend Menschen kamen dennoch auf den Moskauer Puschkinplatz, um gegen Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren, nach Angaben der Veranstalter waren es sogar 4000. Sie hielten Plakate mit den Worten "Russland für alle" hoch, "Der Faschismus kommt nicht durch" und "Wir lassen uns unser Russland nicht zerstören".

Der Satiriker Wiktor Schenderowitsch sagte nach Agenturangaben, das Treffen zeige, dass die Menschen sich nicht mit den Ereignissen Mitte Dezember abfinden wollen. Er hatte gemeinsam mit Künstlern und Bürgerrechtlern zu der Demonstration aufgerufen. "Normale Menschen verschiedener Nationalitäten, Tätigkeiten und politischer Meinungen" gebe es genug, um die radikalen Nationalisten in die Ecke zu drängen, hatte es in dem Aufruf geheißen. "Wir appellieren an die Moskauer, zum Schutz des Lebens und der Menschenwürde aufzustehen".

Am 11. Dezember waren Fußballfans und Rechtsradikale vor den Toren des Kreml aufmarschiert, nachdem vermutlich Kaukasier einen Fan des Fußballclubs "Spartak" erschossen hatten. Anfangs zeigte sich der Moskauer Polizeichef gegenüber den vermummten Ultranationalisten fast skandalös nachsichtig, dabei hatte die Polizei die Kaukasier, die des Mordes an dem Spartak-Fan verdächtig waren, freigelassen und den Rechten so erst einen Vorwand für die Exzesse geliefert. Dann aber kam es zu Schlachten mit der Polizei, anschließend schlugen die Ultranationalisten in der Metro Migranten aus dem Kaukasus und Zentralasien zusammen - und das eine Woche nach der Vergabe der Fußball-WM 2018 an Russland.

An einigen Stellen wie etwa vor dem Kiewer Bahnhof in Moskau kam es zu Schlägereien zwischen Jugendlichen beider Seiten. Erst als der Kreml in den folgenden Tagen das Polizeiaufgebot drastisch erhöhte, rechte Demos auflöste und 2300 rechtsextreme und kaukasische Jugendliche in ganz Russland präventiv festnehmen ließ, beruhigte sich die Lage allmählich. Am Sonntag nun rief der Schauspieler Maxim Witorg in einem Brief dazu auf, "den braunen Mist aus den Straßen unserer Städte zu entfernen": "Leider haben wir der Staatsgewalt erlaubt, die Menschen in ,Unsere' und in ,Fremde' zu unterscheiden." Dennoch seien auch die Teilnehmer der ultranationalistischen Märsche "unsere Kinder, und wir haben sie erzogen".

"Nationalismus aus Enttäuschung"

Der Regisseur Pawel Lungin sagte nach Angaben der Seite Kasparov.ru: "Für die Regierung sind das schwierige Zeiten, sie hat weder Ziele noch Ideen, das bringt die Menschen auf": Russlands Jugend habe keine Zukunft, der wachsende Nationalismus sei ein "Nationalismus aus Enttäuschung". Seit Jahren warnen Soziologen davor, dass sich politische Ohnmacht und wirtschaftliche Frustration in einer rassistischen Explosion entladen könnten.

Unterdessen hatte Präsident Dmitrij Medwedjew unlängst in einem Fernsehinterview gewarnt, jedes Schüren von Hass "aus rassistischen, ethnischen oder religiösen Gründen" bedrohe die "Stabilität" des Staates. Und Premierminister Wladimir Putin hatte zwar am Grab des ermordeten Spartak-Fans Blumen niedergelegt und die Fußball-Fans aufgerufen, die Tat als "Attacke auf euch alle" zu betrachten, "unabhängig von Wohnort, Nationalität und Glaubensbekenntnis". Doch auch er bemerkte, Russland sei immer tolerant gewesen, aber nun verliere es seine "Immunität" gegen Nationalismus und Fremdenhass.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Wziom betrachtet gut ein Drittel der Russen die Ausschreitungen als Tat von Hooligans, knapp ein Drittel aber als Ausdruck von Protest. Jeder Zehnte könnte sich vorstellen, selbst an einer solchen Aktion teilzunehmen. Besonders groß war dabei die Zustimmung unter den Anhängern des nationalpopulistischen LDPR-Führers Wladimir Schirinowskij, unter Jugendlichen und Menschen aus dem Kaukasus.

In einem Zeitungsartikel warnte der Leiter des analytischen Zentrums Sova, Alexander Werchowskij davor, dass unter Kaukasiern die Xenophobie mindestens so groß sei wie unter den Moskowitern, auch wenn den Migranten bislang das ideologische Fundament fehle. Sollten sie dies finden oder bei russischen Ultras abschauen, dann könnte der bislang eher theoretisch erörterte "Konflikt zwischen den Nationen" alles bisherige in den Schatten stellen.

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SZ vom 27.12.2010/ehr
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