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Gedenkstunde für NS-Opfer:Holocaust-Überlebende rührt den Bundestag

80 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers hält Schriftstellerin Inge Deutschkron eine bewegende Rede im Bundestag. Eindringlich schildert die Jüdin den Beginn der Tyrannei und den Alltagsterror, dem Juden im nationalsozialistischen Berlin ausgesetzt waren. Dabei verschont sie auch CDU-Kanzler Konrad Adenauer nicht vor Kritik. Und Parlamentspräsident Norbert Lammert stichelt gegen ARD und ZDF.

Von Oliver Das Gupta

Bundestag in Berlin, 12.01 Uhr. "Nehmen Sie bitte Platz", sagt Parlamentspräsident Norbert Lammert von seinem erhöhten Podium aus und schaut zu zwei Personen hinüber, die längst sitzen. Bundespräsident Joachim Gauck und Inge Deutschkron haben sich auf zwei Stühlen vor den dicht besetzten Fraktionsbänken niedergelassen. Die betagte Schriftstellerin ist Gastrednerin an diesem Tag, an dem das deutsche Parlament der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedenkt. Deutschkron wird 20 Minuten später voller Würde und Emotion sprechen, viele der Zuhörer werden sichtlich bewegt sein.

Doch zuvor hat der Hausherr das Wort. Lammert hält eine ebenfalls berührende Rede, in dem er den millionenfachen Mord der Nazis und die Machtergreifung Adolf Hitlers zusammenführt.

Seit 1996 gedenkt das Parlament am 27. Januar der NS-Opfer. Es ist der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahre 1945. Diesmal wurde die Veranstaltung um einige Tage verschoben - sie fällt damit auf den 80. Jahrestag des Machtantritts Hitlers im Jahre 1933.

Manchmal bricht Lammert die Stimme

"Beide Daten trennen nur zwölf Jahre", sagt Lammert in getragenem Ton, "und eine Ewigkeit des Grauens". Der zweite Mann im Staate zählt alle größeren Opfergruppen auf: die Juden, die Sinti und Roma, Homosexuelle und die vielen anderen. Er beschreibt die Implementierung der Diktatur als weder zufällig, noch zwangsläufig und nennt den Reichstag einen "stummen Zeugen der Demontage" der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Mahnend und warnend spricht Lammert. Manchmal bricht ihm die Stimme, etwa wenn er von den noch relativ unerforschten Massenerschießungen im heutigen Weißrussland und der Ukraine spricht. Dort, wo die Menschen verscharrt worden waren, habe sich die Erde manchmal tagelang noch bewegt - "weil manche Opfer noch lebten".

Hochemotional und würdevoll

Lammert lässt es sich nicht nehmen, Kritik in seine Rede zu mischen, es ist ein Appell, eine wirkmächtige Aufforderung. Er fände es gut, dass der Fernsehsender Phoenix diese Gedenkstunde übertrage. "Noch schöner wäre es, wenn ARD und ZDF es wichtig genug fänden, dieses gemeinsame Gedenken...", weiter kommt Lammert nicht, weil breiter Applaus das Plenum erfüllt. Nach einigen Momenten, die sich wie eine Minute anfühlen, fährt er fort: "... dieses gemeinsame jährliche Gedenken einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln."

Der Bundestagspräsident leitet jetzt zu Inge Deutschkron über. Sie sei eine von 1700 jüdischen Berlinern, die der Vernichtung entgehen konnten - durch Zivilcourage. Weil mutige nichtjüdische Bürger getan haben, wozu die Mehrheit nicht willens war. Das beweise, dass es "auch in Zeiten des Terrors" möglich sei, Menschlichkeit zu zeigen, sagt Lammert.

Nach Synagogalmusik - eine Organistin spielt zum Gesang von vier Frauen und Männern - folgt der Höhepunkt der Gedenkstunde. Inge Deutschkron geht ans Rednerpult, ihre rote Handtasche nimmt sie mit. Deutschkron hat ihre Ansprache akribisch vorbereitet, sie liest sie ab. Und doch lässt sie in den nächsten Minuten eine ergreifende Atmosphäre entstehen, hochemotional, rührend und vor allem: würdevoll. So wie der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der im Vorjahr an derselben Stelle vom Leiden, Sterben und Überleben während des Krieges im Warschauer Ghetto sprach.

Deutschkrons Rede beginnt früher, vor genau 80 Jahren, in Berlin. Der Stadt, wo sie lebt und zur Schule geht. Der Stadt, in der ein greiser Präsident einen erklärten Demokratiefeind zum Regierungschef erhebt. Sie beschreibt, wie es ist, als Zehnjährige zu spüren, dass sich das bis dahin Bekannte rasant verändert. Wie Männer in khakifarbenen Uniformen durch die Straßen ihres Berlins marschieren, zu dröhnender Marschmusik, und davon singen, wie "das Judenblut vom Messer spritzt". Wie normale Bürger am Straßenrand stehen, wie ihre Arme hochfliegen und sie ihre Begeisterung heraus schreien. Wie ein Mädchen nachts wach liegt und horcht, ob Männer in schweren Stiefeln das Treppenhaus hoch trampeln.

Gedenkveranstaltung im Bundestag

Gedenkveranstaltung im Bundestag Inge Deutschkron (M) wird vor Beginn einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus von Bundespräsident Joachim Gauck (v-l), dem Bundesratspräsidenten und Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zu ihrem Platz im Plenarsaal des Deutschen Bundestages geleitet.

(Foto: dpa)

Dabei muss die junge Inge erst einmal lernen, was das ist: eine Jüdin. "Irgendwie schien mir das ein schwieriges Thema zu sein", erzählt die betagte Inge nun im Bundestag. Religion wurde "in meiner Schule nicht gelehrt" und "spielte zu Hause keine Rolle".

Aber wer Hitler war, wusste sie. Und dass die sozialdemokratischen Eltern gegen die Nazis waren. Die Mutter engagierte sich gegen das NS-Regime, vergeblich. Den Vater drängten die Nazis April 1933 aus dem Schuldienst. Dass er im Ersten Weltkrieg für den Kaiser und das Reich bei Verdun sein Leben riskiert hatte, interessierte die neuen Herren ebenso wenig wie das Eiserne Kreuz, dass ihm für Tapferkeit verliehen worden war.

Blick auf die Alltagsfolter

Deutschkron berlinert zeitweise in ihrer Rede, sie ist eben ein echtes Original der Stadt, in der ihr so viel Unrecht geschah. Der Vater emigriert nach Großbritannien, kurz vor dem Krieg. Tochter und Mutter bleiben in Berlin, bald müssen sie den Judenstern tragen, Deutschkron nennt ihn verächtlich "gelben Lappen". Das Mädchen Inge erlebt Hässliches: Bürger, die Fratzen schneiden, Menschen, die so tun, als ob sie durch sie durchsehen. Eine "diskriminierende Isolation" habe der Stern befördert. Den Rest erledigt das Regime mittels Verordnungen und Gesetzen: Juden müssen in Judenhäuser ziehen, die Telefonkabel werden gekappt, Haustiere verboten, Seifenkauf verboten, der Gang zum Friseur verboten, Kuchenkaufen verboten, Eierkaufen auch.

Deutschkron öffnet in ihrer Rede den Blick auf die Alltagsfolter, denen die jüdischen Deutschen ausgesetzt sind in jenen Kriegsjahren. Sie stellt sich damals "eine Riege von Unmenschen im Reichsinnenministerium vor, deren einzige Aufgabe es war, darüber nachzudenken, wie man ein Leben zu Qual macht", sagt sie. Deutschkron erzählt aber auch von Berlinern, die bedauern, die helfen wollen. Die verstohlen etwas in die Manteltasche stecken. Mal einen Apfel, mal eine Fleischmarke - Dinge, die Juden sonst nicht erhalten dürfen.

Inge Deutschkron während ihrer Rede im Bundestag

Inge Deutschkron während ihrer Rede

(Foto: dpa)

"Sie müssen doch vergeben können"

Im Oktober 1941 beginnen die Deportationen, die Reichshauptstadt soll endlich "judenrein" werden. Längst wabern Gerüchte umher, dass die Reise Richtung Osten im Grauen endet. 1943 soll auch Inge, wie es im zynischen Nazi-Jargon heißt, "evakuiert" werden, doch sie und ihre Mutter tauchen unter. Der Unternehmer Otto Weidt hat Courage, er hält seine schützenden Hände über die Frauen. Frühmorgens oder abends werden die anderen Berliner Juden abgeholt, Inge sieht sie vom Fenster aus, sieht "sie noch heute", wie sie von Polizisten in den Wagen gestoßen werden. "Wir haben keinen Schrei gehört", sagt Deutschkron, "sahen kein Aufbegehren. Gehorsam sind sie ihren letzten Weg angetreten".

Sie beginnt sich damals schuldig zu fühlen und fragt sich, "mit welchem Recht sich vor einem Schicksal zu drücken, das auch das meine ist". Nach dem Krieg wird sie sich voll und ganz der Aufarbeitung verschreiben. Die Wahrheit zu verkünden, das "Kämpfen für Freiheit und Recht", wird ihre erklärte Lebensmaxime. Wie enttäuscht sie von der jungen Bundesrepublik ist, zeigt Inge Deutschkron während ihres Auftritts offen. "Sie müssen doch vergeben können", sagt man ihr, und: "Es ist doch schon lange her". Deutschkron scheut sich auch nicht, den Übervater der CDU zu schelten. Der habe mal im Bundestag gesagt, die Mehrheit der Deutschen seien eigentlich Gegner der Nazis gewesen, sie hätten Juden geholfen. "Ach, wäre das nur die Wahrheit gewesen", ruft Deutschkron. Angela Merkel, Adenauers Amtsnachfolgerin in Kanzleramt und Partei, sitzt wenige Meter weiter auf der Regierungsbank und blickt sie reglos an.

An ihrem schönen schwarzen Kleid, das Deutschkron an diesem Tag trägt, ist der Hinweis darauf zu sehen, dass sie Trägerin des Verdienstordens des Landes Berlin ist. Das Bundesverdienstkreuz lehnte sie mehrmals ab - weil in den ersten Nachkriegsjahren auch viele Alt-Nazis mit diesem Orden ausgezeichnet worden waren. Nach dem Krieg arbeitet Deutschkron als Journalistin, Deutschland verlässt sie von 1972 bis 1988, auch wegen antiisraelischen Untertönen der deutschen Linken nach 1968. Inzwischen pendelt sie zwischen Berlin und Tel Aviv. Vor diesem Hintergrund ist es eine große Sache für alle Beteiligten, dass Inge Deutschkron an diesem Tag im Reichstagsgebäude spricht.

Deutschkron beendet ihre Rede mit der Schilderung ihres resignierten Vaters, des Gymnasiallehrers im Exil. In England wartet er nach dem Krieg auf den Ruf aus Deutschland, nach den Nazis brauche man ihn doch sicher in Berlin, ihn, den "nicht ganz unbekannten Pädagogen". Doch der Ruf kommt nicht. Und so nimmt Martin Deutschkron, der stolze Sozialdemokrat und Frontkämpfer des Kaisers eines Tages die britische Staatsbürgerschaft an. Inge Deutschkron beschreibt den Moment, als er aufgibt, Deutscher zu sein und fragt: "Was dachte er wohl in diesem Moment?"

Mehr hat Deutschkron nicht zu sagen, alle Abgeordneten erheben sich und applaudieren. Gauck geht auf sie zu, schüttelt ihr die Hand. Die Musiker werden noch ein kurzes Stück spielen, deshalb geht Deutschkron noch einmal zu ihrem Stuhl. Der Präsident trägt ihr die Handtasche hinterher.

© Süddeutsche.de/olkl/rus

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