Gauck zu deutschen Militäreinsätzen:Sprengstoff aus Bellevue

Joachim Gauck

"Den Einsatz militärischer Mittel nicht von vorneherein verwerfen": Bundespräsident Gauck sorgt für Diskussionen.

(Foto: dpa)

Pickelhaube auf - und an die Front? Nein, so hat es Joachim Gauck nicht gemeint. Und doch schwingt in dem, was der Bundespräsident zu deutschen Militäreinsätzen sagt, eine gefährliche Botschaft mit.

Ein Kommentar von Constanze von Bullion

Bundespräsident Joachim Gauck gehört zu der Sorte Mensch, die gern mal etwas Salz in die Suppe streuen, bei Bedarf auch in Wunden der deutschen Gesellschaft, die irgendwie nicht verheilen wollen. Bei seinem Staatsbesuch in Norwegen hat er das jetzt getan.

Da wurde Gauck immer wieder von Norwegern gefragt, wie er die internationale Rolle seines Landes versteht. Gauck versteht sie so, dass das gewachsene und wirtschaftlich prosperierende Deutschland mehr außenpolitisches Selbstbewusstsein entwickeln, sich stärker einmischen soll in Konflikte in aller Welt, notfalls auch militärisch.

Hurra, Pickelhaube auf, jetzt geht es an die Front, höhnt schon die Linke im Bundestag. Und bei denen, die Gauck ohnehin für einen Konservativen uralter Schule halten, dem das Nationale deutlich näher am Herzen liegt als Pazifismus à la 1968 oder die historisch bedingte Zurückhaltung in Sachen Krieg, sehen sich jetzt in ihren schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Der Präsident ruft zu den Waffen.

In Gaucks Worten klingt mit: Irgendwann muss Schluss sein

So einfach aber ist es nicht, und es lohnt sich, das Interview genauer zu lesen, das der Mann aus Schloss Bellevue zum Abschluss seiner Norwegenreise gegeben hat. Darin wünscht er sich mehr Einmischung der Deutschen - sowohl in Menschenrechts- und Friedensfragen in aller Welt, als auch gegenüber Mörderregimen, denen notfalls auch mit Waffengewalt Einhalt zu gebieten sei.

Es geht da also, das sei Gauck zugestanden, nicht nur um Militäreinsätze, sondern um ein Bündel internationaler Maßnahmen, bei denen die Deutschen sich die Hände künftig schmutziger machen müssten, wie er findet. Wenn damit mehr Engagement im Vorfeld eines Krieges gemeint ist, stimmt das sicherlich.

Es stellt sich aber die Frage, was Gauck eigentlich meint, wenn er sagt, die Deutschen sollten "den Einsatz militärischer Mittel nicht von vornherein verwerfen". Das tun sie doch sowieso nicht, von Fans der Linkspartei und ein paar Rest-Grünen abgesehen. Die Bundeswehr war in Bosnien und Kuwait, sie kämpft mit in Afghanistan. Ein Tabu gibt es da nicht, und wenn Gauck vorgibt, eines brechen zu müssen, lenkt er vom eigentlichen Ziel ab.

Natürlich geht es ihm im Kern nicht um mehr Akzeptanz für diplomatische Missionen. Daran fehlt es in Deutschland nicht. Was er will, ist Bereitschaft zu Kampf und Blutvergießen, die Deutschen sollen da draußen nicht nur andere sterben lassen. Dann soll er das auch so klar benennen.

Problematischer als das Drumherumgerede ist Gaucks Vision vom Anbrechen einer neuen Zeit. Es habe "früher eine gut begründete Zurückhaltung" gegen Militäreinsätze gegeben, die könnten die Deutschen jetzt "vielleicht ablegen". Warum jetzt? Weil wir einen stabilen Rechtsstaat haben? Das war vor zehn Jahren nicht anders. Weil das Trauma von Schuld und "Nie wieder Krieg" ins Geschichtsbuch gehört? Gauck sagt es nicht, aber es klingt bei seinen Worten mit: dass irgendwann mal Schluss ist. Das ist der eigentliche Sprengstoff seiner Botschaft. Er sollte ihn schleunigst unschädlich machen.

© SZ vom 16.06.2014/fued
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