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Coronakrise:Die Pflege-Berufe brauchen mehr als Respekt

Coronavirus · Köln

Kölner klatschen vom Balkon für die Pflegekräfte

(Foto: dpa)

Gut, dass Pflegekräfte, Erzieherinnen oder Verkäufer in der Krise endlich anerkannt werden. Sie verdienen aber mehr: Angemessene Bezahlung, Altersabsicherung und bessere Arbeitsbedingungen. Politik und Gesellschaft sollten sich darum jetzt kümmern.

Zu Beginn der Krise durften sich Kranken- und Altenpflegekräfte angesichts ihres geradezu inflationär gebrauchten neuen Titels "systemrelevant" verwundert die müden Augen reiben. Unter dem anerkennenden Applaus von den Balkonen der Mitbürger fiel das Scheinwerferlicht plötzlich auf Berufe der Gesundheits- und Pflegebranche; mittlerweile vermissen Familien und Alleinerziehende im Alltagswahn zwischen Home-Office und Kinderbetreuung auch die Arbeit der pädagogischen Berufsgruppen in Kita und Schule schmerzhaft. Unsere hochzivilisierte Wohlstandsgesellschaft wird nicht allein durch Finanz- und Wirtschaftssektor, sondern in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, Lagerhallen, an Supermarktkassen und auch im Bereich der Kinderbetreuung und Bildung am Leben gehalten. Soll sie nicht kollabieren, braucht es nicht nur Masken, sondern Menschen, die sich um andere kümmern.

Diese SAHGE-Berufsgruppen (sozial, haushaltsnah, gesundheitlich, erziehend), die und nun als systemrelevant klassifiziert wurden, sind seit Jahren mit geringer Wertschätzung und vielen unbezahlten Überstunden, einem unterdurchschnittlichen Lohnniveau und einem hohen Risiko für Altersarmut verbunden. Sie leiden deswegen seit Jahren unter Fachkräftemangel. Und sie werden zu mehr als 80 Prozent von Frauen erfüllt, die darüber hinaus schon zu normalen Zeiten in der Familie tagtäglich und unentgeltlich viele Stunden für andere sorgen. Noch fehlt uns die statistische Datenlage, aber schon jetzt lässt sich eine neue Dimension von Corona-Care erahnen: Frauen, die familiäre Sorgearbeit zusätzlich zur Erwerbsarbeit ausführen, neben Home-Office nun auch noch Homeschooling und Ganztagsbetreuung der Kinder übernehmen - oftmals um den langfristigen Preis befristeter Arbeitsverhältnisse, Teilzeitjobs, finanzieller Einbußen, Abhängigkeit und Altersarmut.

Wo ist die Schutzpatronin der helfenden Berufe?

Und während der Applaus von den Balkonen langsam verhallt und die Pflegekräfte trotz mangelhafter Schutzausrüstung unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen ihren Dienst verrichten, drohen die an sich schon unwürdigen Bonuszahlungen für ihre Berufsgruppe an den noch unwürdigeren Diskussionen über deren Refinanzierung zu scheitern. Wenn wegen geschlossener innereuropäischer Grenzen die geschätzt 200 000 osteuropäischen, weiblichen billigen Pflegekräfte für die Versorgung von Oma und Opa zu Hause - im Gegensatz zu den Erntehelfern - nicht zurück nach Deutschland kommen, wird der systemrelevante teure Spargel auch keine Care-Arbeit ersetzen.

Welche Ironie, dass uns der Heiligenkalender der katholischen Kirche mit der Heiligen Corona eine frühchristliche Märtyrerin aus dem 2. Jahrhundert nach Christus bereithält, die sich als Patronin des Geldes und der Schatzgräber etablierte. Während derzeit milliardenschwere Rettungsschirme für Industriezweige wie die Auto- oder Reisebranche gespannt werden, wünscht man sich mehr denn je eine Patronin für SAHGE-Berufe mit einem Schutzschirm, der für angemessene Brutto-Löhne sorgt. Unter diesem Schirm sollte nicht nur Geld ausgeschüttet werden, sondern sollten endlich Konzepte gegen Altersarmut und befristete Arbeitsverhältnisse und für familienfreundliche Arbeitsbedingungen umgesetzt werden. Neben all den Respektsbekundungen ist ein echter und nachhaltiger Schulterschluss mit denen fällig, die aus Solidarität mit den Kranken und Pflegebedürftigen, Alten und Kindern unter schwierigen Bedingungen und schlechter Bezahlung weiterarbeiten; in guten wie in schlechten Zeiten.

Machen wir uns nichts vor: Die finanziellen Folgen der Corona-Krise werden ebenso immens sein wie die gesellschaftlichen Umwälzungen. In den nächsten zehn Jahren wird eher weniger als mehr Geld in den Kassen der Sozial- und Gesundheitssysteme sein, die Gefahr der Altersarmut von Frauen ebenso steigen wie das Renteneintrittsalter für Berufsgruppen, die schon jetzt eine hohe gesundheitliche Belastung aufweisen. Jetzt gerade gilt es, die Krise in unserem Land gemeinsam zu meistern. Doch es muss auch gelingen, gemeinsam die Krise der SAHGE-Berufe durch nachhaltige Reformen anzugehen. Damit auch nachfolgende Generationen der Post-Corona-Ära - Frauen und Männer - sich noch mit Überzeugung für Care-Arbeit entscheiden können.

Professor Julia Seiderer-Nack lehrt an der Katholischen Stiftungshochschule München.

© SZ vom 02.05.2020

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