Ukraine:"Moralisch und emotional schwierige Phase"

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Ukraine: Zerstörtes Wohnhaus in Kiew.

Zerstörtes Wohnhaus in Kiew.

(Foto: Nariman El-Mofty/dpa)

Russland bombardiert wieder Kiew und andere Städte im ganzen Land. Dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij zufolge ist das Putins Botschaft an den G-7-Gipfel.

Von Florian Hassel, Warschau

Mit Dutzenden Marschflugkörpern und Raketen hat Russland am Wochenende die Zerstörung von Infrastruktur und militärischen Zielen in der ganzen Ukraine verstärkt. Dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij zufolge sendete es damit eine Botschaft der Eskalation zum G-7-Gipfel in Deutschland und dem folgenden Nato-Gipfel. Allein am Samstag schoss Russland dem ukrainischen Militär zufolge mindestens 50 Marschflugkörper und Raketen von Langstreckenbombern, Schiffen der russischen Schwarzmeerflotte und landgestützten Raketenabschussbasen auf die Ukraine ab - am Sonntag folgten Dutzende weitere.

"Es ist eine moralisch und emotional schwierige Phase des Krieges", gab Selenskij in seiner Videobotschaft an die Nation zu. "Wir fühlen nicht, wie viele weitere Treffer, Verluste, Anstrengungen es geben wird, bevor wir sehen, dass der Sieg am Horizont zu sehen ist." Ziel der intensiven Angriffswelle durch die Marschflugkörper sei "nicht nur die Zerstörung unserer Infrastruktur; es ist auch sehr zynischer, kalkulierter Druck auf die Gefühle unseres Volkes".

Selenskij wiederholte vor seiner am Montag anstehenden Videobotschaft beim G-7-Gipfel und dem folgenden Nato-Gipfel seine Forderung nach modernen Luftverteidigungssystemen. "Die Ukraine braucht mehr bewaffnete Assistenz, und diese Luftverteidigungssysteme - die modernen Systeme, die unsere Partner haben", sagte er. Diese sollten in der Ukraine sein, "wo sie mehr als irgendwo sonst auf der Welt gebraucht werden". Der ukrainische Präsident spielte damit offenbar etwa auf das Raketenabwehrsystem Patriot an, das als eines der besten Systeme gilt. Bisher aber hat Washington die Lieferung von Patriot-Raketen offiziell ausgeschlossen, weil dafür angeblich die Anwesenheit von US-Personal erforderlich sei.

Die Angriffe erfolgten auf Ziele unter anderem in den Regionen Sumy, Dnipropetrowsk, Charkiw, Mykolajiw, Tschernihiw, Lwiw, Chmelnyzkyj und Schytomyr: Allein diese Stadt westlich von Kiew, die Militärschulen, militärische Reparaturwerke und Armeebasen beherbergt, wurde von 24 Raketen getroffen. Am Sonntagmorgen erschütterten Explosionen auch Kiew. Dort schlugen zwei Raketen im zentralen Stadtteil Schewtschenkiwskyj ein: Eine zerstörte einen Kindergarten, die andere die oberen drei Etagen eines neunstöckigen Wohnhauses.

Ziele im ganzen Land

Ein Mann starb, seine Frau und ihre sieben Jahre alte Tochter wurden nach mehrstündigen Bergungsarbeiten aus den Trümmern gezogen, informierten Bürgermeister Vitali Klitschko und Anton Heraschtschenko, Ratgeber des Innenministers. Reporter des Kyiv Independent meldeten weitere Explosionen. Auch in der Region Tscherkassy kam mindestens ein Mensch ums Leben, so der dortige Militärgouverneur.

Der intensive Raketenbeschuss zeigt, dass Russland immer noch über ein reichhaltiges Arsenal zur Zerstörung ukrainischer Ziele verfügt. Die Abschüsse der Marschflugkörper unter anderem durch Bomber vom Typ Tupolew-22, Tupolew-95 und Tupolew-160 erfolgten nach Angaben des ukrainischen Militärs und der Monitoringgruppe "Belarussischer Gujun" sowohl aus belarussischem Luftraum wie von Positionen über dem Kaspischen Meer. Russland setzte von See Kalibr-Raketen gegen Ziele in der Westukraine ein; die Nordukraine wurde unter anderem mit landgestützten Iskander- und Totschka-U-Raketen beschossen, die Südukraine mit sogenannten Onyx-Raketen und Bastion-Raketen, fasste das Washingtoner Institut für Kriegsstudien (ISW) zusammen.

Die Offensive der Raketenangriffe auf Ziele im ganzen Land erfolgt parallel mit der Fortführung russischer Angriffe in der Ostukraine. Bereits am Freitag gaben die letzten ukrainischen Einheiten die in den letzten Wochen weitgehend zerstörte Stadt Sjewjerodonezk in der Region Luhansk auf. Jetzt steht die Zwillingsstadt Lyssytschansk möglicherweise vor der Einkreisung durch russische Truppen.

Allein beim Kampf um Sjewjerodonezk kamen in den vergangenen Wochen Berichten zufolge Tausende Soldaten beider Seiten ums Leben. Nachdem Kiew bereits am 1. Juni offenbar einen Rückzug aus Sjewjerodonezk befohlen hatte, schwenkten der Generalstab und Präsident Selenskij dann um - und befahlen die weitere, verlustreiche Verteidigung der strategisch zweitrangigen Stadt.

Militäranalysten sind sich über den Wert dieser Entscheidung uneinig: Im besten Fall wurden russische Einheiten gehindert, andernorts anzugreifen, und Zeit für Training und Lieferung westlicher Artillerie gekauft, im schlechtesten Fall hat die Ukraine Tausende ihrer besten Soldaten in einem von vornherein aussichtslosen Kampf um eine wenig bedeutsame Stadt verloren.

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