G-20-Gipfel:Merkels großes Lächeln

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Die Kanzlerin begrüßt auch die schwierigen Gäste des G-20-Gipfels freundlich und zugewandt. Als Gastgeberin ist das zwingend. Für den Menschen Angela Merkel aber ist es ein großes Schauspiel.

Von Stefan Braun

Nein, dafür ist Angela Merkel nicht Kanzlerin geworden. Als sie 2005 deutsche Regierungschefin wurde, gab es etwas, was sie an diesem Job überhaupt nicht mochte. Es war die ihr furchtbar unangenehme Pflicht, auch wildfremden Menschen die Hand zu schütteln. Der Stress im Amt, die tausend schwierigen Themen, die Duelle mit Freunden und Gegnern. Das schien in den ersten Jahren alles halb so schlimm im Vergleich zu den direkten Begegnungen: Hände schütteln, ins Gesicht lächeln, freundliche Miene für die Kameras machen.

Man muss das wissen, um auf dem G-20-Gipfel von Hamburg die ganze Tragweite der Veränderung zu erkennen. Keine Scheu mehr, nirgends. Stattdessen legt die gleiche Angela Merkel nach zwölf Jahren Kanzlerschaft ein Lächeln hin, das manchen Schauspieler neidisch machen dürfte.

Ausgerechnet diese Frau, der man so lange und so deutlich jede Stimmung im Gesicht ablesen konnte, lächelt einem Recep Tayyip Erdoğan ins Gesicht, ergreift fröhlich die Hand von Donald Trump und ist dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping so zugewandt, als ob die beiden vor Jahrzehnten gemeinsam im Sandkasten gespielt hätten. Da haben amerikanische Medien sie gegen diese Herren zur letzten Kämpferin für die Freiheit auserkoren. Und was macht Angela Merkel? Sie gibt eine lächelnde Conférencière für ziemlich autokratisch regierende Herren.

Nun ist das keine Kritik, es ist eine Würdigung ihrer Künste. Als Gastgeberin dieses G-20-Gipfels bleibt ihr gar nichts anderes übrig. Schon im Vorfeld hatte sie erklärt, dass sie keinen ausgrenzen wolle, dass es um Gemeinsamkeiten gehe im Kampf gegen die Krisen der Erde. Deshalb ist es nur konsequent, dass sie betont freundlich auftritt. Will sie aus der heterogenen Truppe Gemeinsamkeiten rausholen, klappt das wohl nur, wenn sie dabei jeden Einzelnen zwischendurch anlächelt.

Und so ist dann auch der Start in diese Mammut-Begegnung ausgefallen. Die Kanzlerin trifft fast jeden der 19 Staats- und Regierungschefs extra, bevor es überhaupt losgeht. Am Donnerstagabend gab es im Hotel Atlantik gleich zwei Treffen besonderer Güte; erst mit Donald Trump, von dem unmittelbar davor bekannt wurde, dass er sich ausgerechnet während der G-20-Klima-Sitzung ausklinken und Wladimir Putin treffen werde. Danach folgte am gleichen Ort der türkische Präsident Erdoğan. Und der hatte kurz zuvor erklärt, er habe von seinen Nazi-Vergleichen nichts zurückzunehmen.

Es hätte also viele Gründe gegeben, die beiden mürrisch in Hamburg zu begrüßen. Merkel aber - lächelte. Es wirkte wie eine paradoxe Intervention, bei der man genau das tut, was dem eigentlichen Ziel entgegenläuft.

Am Freitagmorgen dann geht es weiter, allerdings mit deutlich freundlicheren Zeitgenossen. So unter anderem mit Justin Trudeau, dem Kanadier, den die Kanzlerin in Hamburg fest an ihrer Seite weiß. Und mit dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus. Er hofft natürlich auf weitere Hilfe. Kein Wunder, dass er mindestens genauso freundlich strahlend zur Begrüßung kommt wie die Kanzlerin selber.

Gegen kurz vor elf beginnt das Treffen schließlich. Erster Tagesordnungspunkt: der internationale Kampf gegen den Terror. Das Thema ist keines mehr zum Lächeln. Dafür aber könnte es sein, dass sich dabei die größten Gemeinsamkeiten ergeben. Im Anschluss folgt das Gruppenfoto, gerne auch Familienfoto genannt. Was dem Wort Familienbande noch mal eine ganz neue Interpretation gibt.

Danach folgt ein "Arbeitsmittagessen", anschließend eine zweite Sitzung, die sich mit dem Klima beschäftigen wird. Und im Anschluss daran ziehen alle um in die Elbphilharmonie, um der Neunten Symphonie von Beethoven zu lauschen. Auch da wird Merkel freundlich dreinschauen. Das Lächeln der Musikliebhaberin wird garantiert echt sein.

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