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Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo:Geburtswehen in Oslo - Zorn in Peking

Nach den eher opportunen Entscheidungen der vergangenen Jahre besinnt sich das Nobelpreis-Komitee auf seine kontroverse Tradition: Trotz chinesischer Drohungen fällt die Jury die umstrittene Entscheidung für Liu Xiaobo. Für das Gremium ist es nicht immer leicht, seine Unabhängigkeit zu wahren.

Er ist schon lange unter den Favoriten gewesen, und den Wettquoten der Buchmacher zufolge war er in diesem Jahr ein besonders heißer Kandidat. Insofern war es also keine Überraschung, als Thorbjörn Jagland, Sprecher des norwegischen Nobelkomitees, am Freitag den chinesischen Oppositionellen Liu Xiaobo als Preisträger präsentierte. Allerdings hat das Komitee ähnliche Erwartungen in den vergangenen Jahren schon öfter enttäuscht. Und die Entscheidung für den 54-jährigen Dissidenten aus China war, wenn auch naheliegend, so doch mit Sicherheit umstritten. Schließlich war klar, dass man damit den Zorn Pekings auf Norwegen lenken würde.

Friedensnobelpreis 2010: Reaktionen

"Eine schallende Ohrfeige"

Der chinesischen Regierung war es schon im Vorfeld unangenehm aufgefallen, dass einer ihrer politischen Häftlinge für den renommiertesten Menschenrechtspreis der Welt im Gespräch ist. Im Sommer hatte Chinas Vize-Außenministerin Fu Ying deshalb bei einem Besuch in Oslo mit Geir Lundestad, dem Direktor des Nobelinstituts, gesprochen. Bei einem Treffen in der chinesischen Botschaft soll die Diplomatin recht deutlich gesagt haben, dass ein Nobelpreis für Liu die norwegisch-chinesischen Beziehungen schwer belasten würde. Wie Lundestad später dem norwegischen Fernsehen berichtete, soll Fu Ying gedroht haben, ein Friedenspreis für einen Dissidenten werde man als "unfreundlichen Akt" betrachten.

Thorbjörn Jagland, der Vorsitzende des Komitees, wollte am Freitag bei der Pressekonferenz nicht näher auf den Vorfall eingehen. Er bestätigte allerdings, dass chinesische Diplomaten versucht hätten, Einfluss zu nehmen. "Das ist aber überhaupt nichts Ungewöhnliches", sagte Jagland. Das Nobelkomitee sei schließlich in jedem Jahr Druck von irgendwem ausgesetzt. Gebeugt habe man sich aber noch nie, man sei allein dem Testament Alfred Nobels verpflichtet.

Das fünfköpfige Preiskomitee wird nach dem Willen Alfred Nobels vom norwegischen Parlament, dem Storting, besetzt, meist erhalten verdiente Politiker den Auftrag. Die Mitglieder des Gremiums sind den Statuten zufolge unabhängig von Parlament und Regierung. Dies betonten am Freitag auch hohe Kabinettsmitglieder, unter ihnen der Außenminister Jonas Gahr Störe. "Wir werden für die Arbeit des Komitees nicht um Entschuldigung bitten, sondern dessen Integrität in Schutz nehmen." Liu Xiaobo sei ein "würdiger Preisträger", erklärte er.

Posten für verdiente Politiker

Natürlich fragen sich trotz all der schönen Worte Beobachter immer wieder, ob bei den Debatten im Nobelkomitee tatsächlich nur der Letzte Wille des toten schwedischen Industriellen im Mittelpunkt steht. Oder ob nicht das eine oder andere Komiteemitglied doch auch die Interessen lebender Wirtschaftsbosse im Auge hat - auch für Norwegen ist China ein wichtiger Handelspartner. Ganz genau wird man das jedoch erst im Jahr 2060 sagen können, denn dann, 50 Jahre nach der Preisverleihung, werden die Unterlagen des Verfahrens veröffentlicht.

Man sollte den Eindruck, den Drohgebärden ausländischer Regime auf die Preisrichter in Oslo machen, allerdings nicht überbewerten. Das Nobelkomitee kann schließlich auf eine stolze Tradition von Entscheidungen zurückblicken, mit denen es in den 109 Jahren seines Wirkens die Diktatoren der Welt herausgefordert hat. Am bekanntesten ist wohl der Preis von 1935, der allen Warnungen aus Berlin zum Trotz an Carl von Ossietzky vergeben wurde, der damals im Konzentrationslager saß. Die Nationalsozialisten hinderten daraufhin den Publizisten nicht nur an der Reise zur Preisverleihung nach Oslo. Sie verboten außerdem per Gesetz allen Reichsdeutschen die Annahme des Nobelpreises und versuchten mit dem Deutschen Nationalpreis eine Art Gegenveranstaltung zu etablieren. Komiteesprecher Jagland selbst erinnerte bei der Pressekonferenz am Freitag an die Auszeichnung für den russischen Oppositionellen Andrei Sacharow, der 1975 den Friedensnobelpreis für sein Menschenrechts-Engagement in der Sowjetunion bekam, was den Kreml damals sehr verärgerte.

Die Rückbesinnung auf diese Traditionen war in den Augen vieler Beobachter überfällig. Nach dem Preis für den finnischen Diplomaten Martti Ahtisaari im Jahr 2008 und vor allem nach der Auszeichnung des US-Präsidenten Barack Obama im vorigen Jahr hatte man dem Osloer Nobelkomitee vorgeworfen, es sei konfliktscheu und opportunistisch geworden. Diese Art von Vorwürfe dürfte in diesem Jahr wohl kaum jemand äußern.

Friedensnobelpreis

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