100 Jahre Frauenwahlrecht "Müssen aufpassen, dass der Zug nicht rückwärts fährt"

Rita Süssmuth im Bundestag: "Wer heute annimmt, er könne ohne Frauen in der Welt etwas bewirken, der irrt sich."

(Foto: AFP)
  • Mit Forderungen nach einer echten Gleichberechtigung von Frauen hat der Bundestag an die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren erinnert.
  • Man dürfe sich nicht auf scheinbar Erreichtem ausruhen, machten die Ex-Spitzenpolitikerinnen Süssmuth und Bergmann deutlich.
  • Bundestagspräsident Schäuble richtete mahnende Worte an seine Geschlechtsgenossen, sich stärker an Kindererziehung und Hausarbeit zu beteiligen.
Von Jasmin Siebert, Berlin

Die SPD-Frauen sind mit weißen Blusen im Bundestag erschienen. So hielten es auch die ersten gewählten Sozialdemokratinnen vor hundert Jahren in Anlehnung an die weißen Kleider der Suffragetten in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Am 19. Februar 1919 trat die Genossin Marie Juchacz als erste weibliche Volksvertreterin ans Rednerpult im deutschen Reichstag. "Meine Herren und Damen" begrüßte sie die Anwesenden, es klingt heute selbstverständlich und war doch revolutionär, denn zuvor hatte es ja keine Damen gegeben, die man ansprechen konnte. Einen Monat zuvor hatten sich Frauen zum ersten Mal an der Wahl zur Nationalversammlung beteiligen und selbst kandidieren können.

"Wir feiern heute etwas Selbstverständliches", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) zur Begrüßung. Er erinnerte aber auch daran, dass die Gleichberechtigung noch immer nicht in allen Bereichen selbstverständlich sei. Schäuble richtete mahnende Worte an seine Geschlechtsgenossen, sich stärker an Kindererziehung, Hausarbeit und Pflege zu beteiligen. Diese seien "für unsere Gesellschaft unverzichtbare Tätigkeiten, die heute noch ganz überwiegend Frauen unbezahlt verrichten".

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Seit hundert Jahren haben Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht inne. Dass die Erinnerung daran zugleich eine Mahnung ist, sich nicht auf scheinbar Erreichtem auszuruhen, machten die beiden früheren Spitzenpolitikerinnen Rita Süssmuth (CDU) und Christine Bergmann (SPD) in ihren Reden deutlich. Einen festlichen Rahmen gab der Feierstunde ein Klaviertrio, das Werke der Komponistinnen Emilie Mayer und Lera Auerbach interpretierte. "Eine schöne, kämpferische Musik", wie Bergmann bemerkte.

Süssmuth, ehemalige Familienministerin und Präsidentin des Deutschen Bundestages, erntete viel Beifall und Gelächter für ihre Bemerkung, dass es nicht selbstverständlich gewesen sei, dass die Feier überhaupt zustande gekommen ist. Ihr Augenmerk gilt den gegenwärtig niedrigen Frauenanteilen in der Politik auf allen Ebenen. Sie forderte mehr aktive Beteiligung von Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft, "es ist ein verfassungsmäßiger Auftrag", erinnerte sie. Sie warnte davor, Frauen zu unterschätzen. Diese würden wichtige Entwicklungen in Wissenschaft und Kommunikation vorantreiben und hätten dafür den gleichen Lohn verdient. "Wer heute annimmt, er könne ohne Frauen in der Welt etwas bewirken, der irrt sich", sagte sie.

Die SPD-Frauen sind mit weißen Blusen im Bundestag erschienen - in Anlehnung an die weißen Kleider der Suffragetten.

(Foto: AFP)

Bergmann, frühere Berliner Bürgermeisterin und Senatorin sowie Bundesfamilienministerin, machte sich für Parität bei Listenaufstellungen und bei der Vergabe von Posten stark. Sie forderte eine verbindliche Frauenquote, verbunden mit Sanktionen. Nur das bringe den gewünschten Erfolg. Bergmann erwähnte namentlich einige der Vorkämpferinnen "mit den langen Röcken und den großen Hüten", die sich für die Verbesserung der Situation der Frauen einsetzten. Sie kritisierte, dass Aktivistinnen wie Louise Otto-Peters, Minna Cauer oder Hedwig Dohm "heute sehr spärlich in den Geschichtsbüchern und Ehrengalerien zu finden sind, wo sie eigentlich hingehören".

Bei ihrem Rückblick auf den Kampf der Frauen für ihre Rechte brachte die in der DDR aufgewachsene Pharmazeutin auch die ostdeutsche Sichtweise ein. Diese fehle oft in der Debatte. Während zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung in der BRD nur etwa die Hälfte der Frauen in Teilzeit tätig gewesen sei, arbeiteten damals mehr als 90 Prozent der ostdeutschen Frauen Vollzeit. Und obwohl sie fast alle Kinder gehabt hätten, seien sie nicht als Rabenmütter bezeichnet worden. Wie auch ihre Vorrednerin mahnte Bergmann, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen. "Die Sehnsucht nach den guten alten Rollenbildern lebt ja wieder auf - und leider nicht nur bei Männern", sagte sie und mahnte: "Wir müssen aber aufpassen, dass der Zug nicht rückwärts fährt und mühsam Errungenes wieder heimlich verloren geht." Bergmann endete mit dem Appell, der in verkürzter Form auf den Grabstein der Frauenrechtlerin und Pazifistin Minna Cauer graviert wurde: "Nicht auszuruhen, denn es ist noch nicht vollendet, was wir begonnen haben."

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