100 Jahre Frauenwahlrecht "Uns steht die Hälfte der Macht zu"

Seit 100 Jahren gleichberechtigt: Ein Paar in traditioneller Tracht bei der Stimmabgabe zu einer Landtagswahl in Baden-Württemberg (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor hundert Jahren fanden die ersten Wahlen für und mit Frauen statt. Die Bundestagsabgeordnete Josephine Ortleb feiert das Jubiläum und plant schon mal die nächste Revolution.

Interview von Jana Anzlinger

Am 19. Januar 1919 waren die Wahllokale deutschlandweit erstmals für Frauen geöffnet. Die Wahl zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung war die erste, bei der Männer und Frauen ihre Stimme in allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen abgeben durften. Seitdem können sich Frauen auch zur Wahl stellen. Das heißt aber nicht, dass seit hundert Jahren Gleichstellung herrscht. Die Bundestagsabgeordnete Josephine Ortleb (SPD) findet, dass sich noch einiges ändern muss. Feiern will sie trotzdem.

SZ.de: Frau Ortleb, am heutigen Donnerstag zelebriert der Bundestag in einer Feierstunde das Frauenwahlrecht. Gehen Sie hin?

Josephine Ortleb: Selbstverständlich. Das ist wirklich ein Anlass zum Feiern. Ich finde, wir dürfen diese Sternstunde der Demokratie noch mal in Erinnerung rufen.

Interview am Morgen

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Sie haben bei der Jubiläumskampagne "100 Jahre Frauenwahlrecht" mitgemacht. Sie selbst sind 32 Jahre alt und erst seit wenigen Jahren in der Politik. Was haben Sie denn mit dem hundert Jahre alten Thema noch am Hut?

Gerade, weil ich eine junge Frau bin, bewegt mich dieses Thema so sehr. Wer heute ins Arbeitsleben eintritt oder eine Familie gründet, bekommt die fehlende Gleichstellung zu spüren: Frauen verdienen immer noch weniger als Männer. Kinderbetreuung ist immer noch wahnsinnig teuer, und das hindert Mütter am Arbeiten. Bei Führungspositionen stoßen Kandidatinnen immer noch an die gläserne Decke. Immer noch ist der Frauenanteil in der Politik zu niedrig. Im Bundestag liegt er bei nur 31 Prozent. Und auch sonst werden Frauen in der Politik auch nach hundert Jahren noch strukturell benachteiligt.

Bekommen Sie solche Strukturen persönlich zu spüren?

Ich habe in der Kommunalpolitik angefangen, da war ich in vielen Runden die einzige Frau. Und übrigens auch der einzige junge Mensch. Allgemein gelten unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe: Bei Frauen geht es oft ums Äußere, das spürt man schon. Im Bundestag fällt mir auf, dass die Hintergrundlautstärke höher ist, wenn weibliche Abgeordnete reden. Einer Frau am Rednerpult hören die Abgeordneten weniger aufmerksam zu. Das ist ein typisches Beispiel dafür, dass Frauen lauter sein müssen als Männer, um wahrgenommen zu werden.

Diese Faktoren lassen sich schwer ändern.

Wir müssen weg von der männlich dominierten Debattenkultur. Die Hälfte der Bundestagsabgeordneten müssen Frauen sein. Wir brauchen dringend gesetzliche Regelungen, um diese Parität zu gewährleisten. Das Wahlrecht muss ohnehin reformiert werden. Es gibt verschiedene Modelle für ein Parité-Gesetz, das einen Frauenanteil von 50 Prozent im Bundestag vorschreibt.

Josephine Ortleb, 32, sitzt seit 2017 für die SPD im Bundestag. Die gelernte Restaurantfachfrau ist Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

(Foto: OH)

Wo sollen die Abgeordneten denn alle herkommen, es gibt doch viel weniger Kandidatinnen als Kandidaten?

Früher haben die Unternehmen immer behauptet: Es gibt nicht genug Frauen für Aufsichtsratspositionen. Dann wurde die Quote gesetzlich vorgeschrieben und es stellte sich heraus: Es gibt sie doch. Ich glaube, dass es in der Politik ähnlich verlaufen wird. Bislang ist es häufig so, dass Wahlversammlungen eher männlich geprägt sind und sich deshalb für männliche Kandidaten entscheiden. Wenn sie gezwungen sind, Kandidatinnen zu finden, laufen die Nominierungsprozesse innerhalb der Parteien anders ab.

Hinzu kommt, dass solche gesetzlichen Regelungen die Kultur verändern. Ein Parité-Gesetz verankert in den Köpfen: Wir Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, und uns steht die Hälfte der Macht zu. Für mich ist echte Gleichstellung erst dann erreicht, wenn wir über alle Ebenen hinweg gleiche Teilhabe von Frauen und Männern haben: vom Ortsrat bis zum Europäischen Parlament, vom Bürgermeisteramt bis zum Bundesministerium.

Werden Sie das während Ihrer politischen Karriere noch erleben?

Ich bin da optimistisch, ja. Die Wahlrechtsreform bietet uns eine historische Chance. Ich finde, wir sollten solche Anlässe wie die Jubiläumsfeier nutzen, um für die nächste Revolution der politischen Teilhabe zu kämpfen. Dann gibt es eine neue Sternstunde zu feiern.

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