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Kritik an der Frauenquote:"Übermotiviert und unrealistisch"

Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates der CDU

Unter Männern: Die Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrats, Astrid Hamker, zwischen Friedrich Merz (links), Roland Koch und Wolfgang Schäuble (vorne).

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Warum die Vorsitzende des Wirtschaftsrats der CDU, Astrid Hamker, die Frauenquote strikt ablehnt - und wie ihre Partei mehr weibliche Mitglieder anziehen könnte.

Interview von Cerstin Gammelin

Astrid Hamker, 53, ist seit 2019 Präsidentin des CDU-nahen Wirtschaftsrats. Die Unternehmerin ist Gegnerin der Frauenquote.

Frau Präsidentin, Sie sind die erste Frau an der Spitze des Wirtschaftsrates, die Mitglieder sind aber überwiegend Männer. Wie arbeitet es sich in einem solchen Gremium?

Das Geschlecht spielt im Wirtschaftsrat keine Rolle. Ich weiß es zu schätzen, dass ich mit verschiedenen Persönlichkeiten zu tun habe. Diese Diversität empfinde ich als bereichernd, es sind unterschiedliche Charaktere aus unterschiedlichen Branchen mit anderen Erfahrungen.

Im Bundestag sind unter den Abgeordneten der Union nur rund 20 Prozent Frauen. Spiegelt das die gesellschaftliche Realität wider?

Die CDU hat ja schon Fortschritte gemacht, sie stellt eine Kanzlerin, eine Parteivorsitzende und eine Kommissionspräsidentin. Die sind Vorbilder für junge Frauen. Da sieht man, dass Frauen weit kommen können.

Bei jeder der drei Vorzeigefrauen war es eine große Krise, die den entscheidenden Schub nach ganz oben brachte; der CDU-Spendenskandal, dramatische Niederlagen in Landtagswahlen, Streitigkeiten um Posten. Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel hören nun bald auf. Droht da ein großer Rückschritt?

Nein. Übrigens sind alle durch Kompetenz aufgestiegen. Sie haben sich das erkämpft. Warum muss man das jetzt kleinmachen?

Würden Sie Frauen in der CDU ermutigen, sich um den frei werdenden Parteivorsitz zu bewerben? Bisher gibt es offiziell drei männliche Kandidaten.

Wenn eine Frau aus den Reihen der CDU bereit ist zu kandidieren, dann sollte sie das tun. Die CDU zeigt ja, dass sie die Kandidatenfrage transparent und demokratisch angeht und die Kandidaten nicht im Hinterzimmerchen festgelegt werden.

Hätten Sie einen Vorschlag?

Der Wirtschaftsrat ist nicht der Personalrat der CDU, ich mache keinen Vorschlag.

Der Parteirat hat vorgeschlagen, eine Frauenquote von 50 Prozent bis 2025 einzuführen, darüber soll der Parteitag im Dezember in Stuttgart befinden. Stimmen Sie zu?

Nein. Dieser Vorstoß ist genauso übermotiviert und unrealistisch wie Quoten für die Wirtschaft vorzuschreiben. Für junge Frauen ist Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit. Da braucht es keine Quoten. Ich weiß nicht, ob die CDU als bürgerliche Partei sich damit einen Gefallen tut, sich mit immer mehr Geboten und Verboten dem linken Zeitgeist anzupassen. Und inwieweit die Parteibasis es begrüßt, dass sich die Parteispitze hier in die innerparteiliche Demokratie einmischt und Vorschriften macht.

Sie halten die Quote, die für gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft sorgen soll, für linken Zeitgeist? Ist dieses Ziel nicht zutiefst bürgerlich?

Ich empfinde die Quote als Maßregelung und Gängelung - und nicht als bürgerlich und freiheitlich. Weil ich denke, dass man gleichberechtigte Teilhabe auch über eine Selbstverpflichtung erreichen kann, wenn Frauen zur Verfügung stehen, die qualifiziert sind und das auch wollen.

Die jahrelang praktizierte Selbstverpflichtung hat aber in vielen Gremien dazu geführt, dass der Frauenanteil gesunken ist. An diesem Mittwoch hat das Bundeskabinett nun erstmals eine Gleichstellungsstrategie beschlossen, die unter anderem für gleiche Repräsentation in Gremien und gleiche Verdienste sorgen soll. Was bedeutet das für den Wirtschaftsrat?

Für die Wirtschaft bestreite ich den sinkenden Frauenanteil, weil wir uns sehr gezielt um junge Frauen und auch eine größere Familienfreundlichkeit bemühen. Wir sind in der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit, da müssen wir jede Gängelung, Auflagen und Bürokratie vermeiden.

Sie meinen, mehr Frauen, die mitentscheiden, schaden eher?

Natürlich nicht. Ein Unternehmen ist nicht der öffentliche Dienst oder eine Partei. Die CDU muss sich die Frage stellen, wenn sie nur 26 Prozent Anteil an Frauen in der Mitgliedschaft hat, inwieweit sie ein attraktives Programm vorzuweisen hat für jüngere Menschen, solche aus urbanen Gegenden und für Frauen. Wenn sie wieder Mitglieder anzieht, wird es leichter, Frauen zu begeistern.

Könnte eine Quote da Ansporn sein?

Ich selbst hätte mich dagegen gewehrt, wenn man mir gesagt hätte, Sie sind in dieses Amt gekommen, weil Sie eine Quotenfrau sind. Viele Frauen empfinden es als Abwertung, wenn man ihnen unterstellt, sie seien nur wegen des Geschlechts ins Amt gekommen. Moderne Frauen wollen sich nicht abstempeln lassen.

© SZ vom 09.07.2020/fie
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