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Frauen in der deutschen Politik:"Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett?"

Elisabeth Schwarzhaupt wird vereidigt

Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) wurde 1961 als erste Ressortchefin der Republik vereidigt. Sie war für Gesundheit zuständig. Unten links Kanzler Konrad Adenauer.

(Foto: DPA)
  • Torsten Körner hat das Bonner Macho-Politiker-Biotop in seinem Buch "Männerrepublik" unter die Lupe genommen.
  • Über Jahrzehnte hinweg wucherten Sexismus und Diskriminierung in allerfeinster "Me Too"-Manier - kultiviert von Saubermännern jeder Couleur.

Im November 1966 betanzt die Bonner Politprominenz das Parkett des Bundespresseballs. Es sind harte Zeiten, zumindest für Kanzler Ludwig Erhard: Gerade erst hat die FDP die schwarz-gelbe Koalition platzen lassen.

Das tut dem Amüsement in Robe und Frack zwar keinen Abbruch. Aber natürlich liefert das Regierungsdebakel jede Menge Gesprächsstoff, der "bei Sekt und heißen Rhythmen" durchgehechelt wird. So vermeldet es wenig später die Wochenschau und zeigt dazu Aufnahmen von debattierenden Herrenzirkeln - keine Frau weit und breit.

Nur Sekunden später gleitet das Kameraauge an weiblichen Hälsen hinunter, bis in die Tiefe der Dekolletés. Ob Gattin, ob Politikerin - die Bestimmung des Weibes ist es nun mal, dem starken Geschlecht den Steigbügel zu halten. Daran haben weder die grundgesetzlich verbriefte Gleichberechtigung noch die Parlamentarierinnen etwas geändert, die mal mehr, mal weniger streitbar in den Bundestagsdebatten ihre Stimmen erheben. Was sowieso nur denen gelingt, die einen sehr langen Atem, diplomatisches Geschick und eine dicke Haut ihr eigen nennen.

Davon zeugt Torsten Körners fabelhaftes Kollektivporträt "In der Männerrepublik", das Werden und Wirken westdeutscher Politikerinnen nachzeichnet. Lektürefazit nach mehr als dreihundert Seiten: Im Biotop des Bonner Plenarsaals wucherten über Jahrzehnte hinweg Sexismus, Machismo und Diskriminierung in allerfeinster "Me Too"-Manier, gezüchtet und kultiviert von Saubermännern jeder Couleur. Deren Namen sind häufig in Erinnerung geblieben.

Wer aber kennt noch Aenne Brauksiepe, Elinor Hubert oder Margot Kalinke? Selbst die wortgewaltige Marie-Elisabeth Lüders, die dem Hohen Haus mehr als einmal die Leviten las und 1954 (!) am Beispiel der Kellner und Kellnerinnen des Bundeshausrestaurants gegen ungleiche Bezahlung Front machte - selbst Lüders wäre garantiert vergessen, stünde nicht im Berliner Regierungsviertel ein nach ihr benanntes Gebäude.

Torsten Körner: In der Männerrepublik. Wie Frauen die Politik eroberten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 368 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

So wie viele Kolleginnen gehört die FDP-Frau zur "unsichtbaren Generation" (Körner) jener Nachkriegspolitikerinnen, die am liebsten kleingehalten wurden. Auch von den eigenen Fraktionsfreunden. Die misogyne Betriebstemperatur befeuerte Konrad Adenauer, der vom Kanzleramt aus wissen ließ: "Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett? Dann können wir nicht mehr so offen reden."

Als Lenelotte von Bothmer im Hosenanzug ans Pult trat, war das einigen Politikern zu viel

Was in der Politik geschah, bestimmte auch andernorts die Routinen. Beim Fernsehen beispielsweise, wo Werner Höfer allsonntäglich zum "Internationalen Frühschoppen" lud, einer Journalistenrunde mit weiblicher Minderheitsbeteiligung, die der Gastgeber mit altväterlichen Monologen ein- und auszuleiten pflegte.

Als das ZDF 1971 mit Wibke Bruhns die erste Frontfrau der "heute"-Nachrichten kürte, stand die Männerrepublik kopf: "Unmögliche Frisur! Schließen Sie die Bluse!" Ähnliche Invektiven bekamen auch Politikerinnen wie Lenelotte von Bothmer zu hören, die im Hosenanzug am Rednerpult erschien und dafür Kommentare weit unterhalb der Gürtellinie kassierte: "Sie sind ein unanständiges, würdeloses Weib."

Vollends die Fassung verloren Vertreter der Volksparteien, als die Grünen auf der Bildfläche erschienen - und mit ihnen eine ganze Armada angriffslustiger Feministinnen. Die Schmähungen, die sie sich anhören mussten, nehmen den Ton heutiger Shitstorms vorweg. "Die ist auch besser im Bett als hier im Parlament," schallte es etwa 1984 Gabriele Potthast von der Regierungsbank entgegen.

Allerdings taten sich auch die Grünen-Granden schwer mit der paritätischen Teilung der Macht. So zog sich der überparteilich fraternisierende Joschka Fischer mehr als einmal den Unmut selbst der allerfriedfertigsten Frauen zu, allen voran Antje Vollmer.

Eine Klasse für sich und zugleich ein Psycho-Problemfall erster Ordnung war Petra Kelly: Galionsfigur des Öko-Aufbruchs, die ihre Lebensdramen und -traumata in der Öffentlichkeit verhandelte und dennoch charismatisch glänzte.

Zwischen der grünen Vorkämpferin und dem Patriarchenprimus Helmut Kohl macht Torsten Körner eine interessante Wahlverwandtschaft aus: Beide setzten ihre Körper als Herrschaftsinstrumente ein.

Hannelore Kohls Untergang rekonstruiert

Hier die zusehends ausgezehrte Aktivistin mit den dunklen Schatten unter den Augen, dort der beleibte Riese, der jede Szene im Handumdrehen dirigieren, jeden Auftritt allein dank seines Umfangs dominieren konnte - ihre Dünnhäutigkeit und seine Dickfelligkeit waren Elemente persönlicher Inszenierungen, Markenzeichen sozusagen.

Dass Körner auch Hannelore Kohls Untergang rekonstruiert und als Tragödie einer begabten, aber allzu bescheidenen Frau beschreibt, ist insofern nur folgerichtig.

Mit Angela Merkel als vorerst letztem Eintrag endet diese aufschlussreiche Genealogie der bundesdeutschen Politfrauen. Noch aufschlussreicher fiele sie aus, wenn der Autor zumindest ein, zwei Mal einen Blick hinter die DDR-Kulissen gewagt hätte, wo Genossinnen wie Margot Honecker die Fäden zogen.

Haben sie die gleichen Chauvi-Sprüche einstecken müssen wie Potthast & Co. und ebenso wenig Fair Play erlebt? Fragen, die Torsten Körner vielleicht schon auf seiner Agenda hat. Schön wär's!

© SZ vom 23.03.2020
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