Frankreichs Marschall Philippe Pétain Pétain ließ Englandflüchtling de Gaulle zum Tode verurteilen

Der Waffenstillstand von 1940 steht auch nach 70 Jahren noch im Zentrum der Pétain-Kontroverse. Hätte der Marschall den Krieg damals nicht von einem "Réduit" in der Bretagne oder von Nordafrika aus fortsetzen müssen? Oder war der Waffenstillstand unausweichlich, wie Pétain und seine Anhänger glaubten, weil Frankreich sonst von den Deutschen verheert ("polonisiert", wie sie es nannten) worden wäre?

Und war es nicht vielmehr klug, nach der Niederlage und vor dem erwarteten baldigen Einlenken Englands sich durch Kollaboration mit dem Sieger einigermaßen glimpfliche Überlebensbedingungen in einem von Deutschland beherrschten Europa zu sichern?

Kaum jemand glaubte damals, dass England durchhalten könnte, nachdem Hitler seinen Nichtangriffspakt mit Stalin geschlossen hatte, Frankreich besiegt war und die USA ein pathetisches Hilfeersuchen der französischen Regierung abgelehnt hatten. Als Schreckgespenst geisterte gar die Vorstellung durch die Pariser Ministerien, England könne sich schließlich mit Hitler auf dem Rücken Frankreichs vergleichen.

Paris nach der Befreiung 1944: Zwei halbnackte Frauen, die der Kollaboration mit den deutschen Besatzern beschuldigt wurden, werden barfuß und im Büßergewand durch die Straßen von Paris geführt. Man hatten ihnen zuvor die Köpfe kahlgeschoren und ihre Gesichter mit Hakenkreuzen bemalt.

(Foto: US-ARMY)

Dass ein einfacher Brigadegeneral "à titre temporaire" mit lediglich zwei Sternen an der Uniform, Charles de Gaulle, damals weitsichtiger war als der Marschall mit seinen sieben Sternen, mochte kaum jemand glauben. De Gaulles historischer Radio-Appell, am 18. Juni vom Londoner Exil aus über BBC gesendet, dass dieser Krieg ein Weltkrieg und mit der Niederlage Frankreichs keineswegs verloren sei, schien illusionär und wurde außerdem kaum gehört.

Pétain ließ den Englandflüchtling zum Tode verurteilen - dabei waren die beiden alte Kameraden, die einander einst sehr geschätzt hatten. Der Oberst Pétain kommandierte das 33. Infanterieregiment in Arras, in das der Leutnant de Gaulle 1912 eintrat. Der als Autor militärtheoretischer Schriften bald bekannte Offizier widmete zwei seiner Bücher dem Marschall, der übernahm die Patenschaft für eines der de Gaulle-Kinder. 1925 stieg de Gaulle zum Attaché im Kabinett des Vizepräsidenten des Obersten Kriegsrates Pétain auf.

1940, de Gaulle war inzwischen Unterstaatssekretär im Kriegsministerium geworden, erfasste eine latent immer vorhanden gewesene Anglophobie weite Kreise der Franzosen, vor allem der Militärs. Denn aus deren Sicht hatten die Briten beim deutschen Vormarsch in Frankreich nicht mit dem gleichen Einsatz gekämpft wie 1914 und sich anschließend auf ihre Insel in Sicherheit gebracht.

Britische Bomben auf Frankreichs Flotte

Für die armen Franzosen kam aus London ein etwas extravaganter, weltfremder Trost: der Vorschlag einer totalen staatsrechtlichen Verschmelzung Englands mit Frankreich. Jeder Brite sollte künftig auch Franzose sein, jeder Franzose auch Brite. Pariser Ministern erschien das als ein tückischer Versuch, Frankreich, vor allem das von Niederlage und Kapitulation nicht berührte französische Kolonialreich, dem britischen Empire einzuverleiben. Empört lehnten sie ab.

Und dann begingen die Briten noch, was die Franzosen als schändlichen Bruch des Bündnisses mit ihnen empfanden: In Mers-el-Kebir, dem Hafen des algerischen Oran, schoss ein englisches Geschwader die wehrlos vor Anker liegende französische Schlachtflotte zusammen, 1380 französische Seeleute starben.

Franzosen, die sich bei der Legion des Volontaires Francais gemeldet haben, im einem Zug auf dem Weg zu ihrer Einheit. Am Waggon stehen antisemitische ('abas le juif') und antikommunistische Parolen, sie lassen Marschall Petain und Hitler hochleben. Die Legion wurde in Polen uniformiert und ausgebildet. 1944 wurde sie mit einer anderen Einheit in die Waffen-SS eingegliedert und zur SS-Division Charlemagne umgebildet.

(Foto: SZ Photo)

Großbritanniens Premier Winston Churchill hatte der Zusicherung der Franzosen nicht getraut, dass sie ihre Schlachtschiffe nicht in die Hände der Deutschen fallen lassen würden. Doch nach dem Überfall den Briten an der Seite Deutschlands den Krieg zu erklären, wie die Deutschen gehofft hatten, kam für Pétain nicht in Frage.

Vom Parlament ließ er sich zum Chef eines "Etat Français" wählen, der an die Stelle der "République Française" trat, so wie die republikanische Devise "Liberté, Egalité, Fraternité" durch das bukolische "Famille, Travail, Patrie" ersetzt wurde. Die Worte bezeichneten ein umstürzendes Programm: Eine "Nationale Revolution" sollte die große französische Revolution von 1789 überwinden. Umfassende Vollmachten, von dem noch vor dem Krieg gewählten Parlament mit 569 gegen 80 Stimmen in Vichy beschlossen, machten Pétain zum allmächtigen, nur von den Deutschen abhängigen Diktator.

Eine weitgehend ständestaatliche Organisation statt des republikanischen Zentralismus rückte den Staat von Vichy in die Nähe der faschistischen Regime Italiens und Portugals - mit einigen Ähnlichkeiten, etwa einem mystisch verklärten Bodenkult ("Die Erde lügt nicht", so Pétain), aber auch mit zumindest einem gewichtigen Unter-schied: So sehr Pétain und die Seinen den Parteienwirrwarr der als links verschrienen Dritten Republik und den Parlamentarismus überhaupt verachteten, eine Einheitspartei zu gründen, lehnte der Marschall entgegen den Wünschen prominenter französischer Faschisten stets ab.

Zweiter Weltkrieg

D-Day - der Tag des Chaos und der Angst

Historiker Ferro ist sich sicher: "Ein Faschist war Pétain nicht." Pétains neueste Biografin, die Historikerin Bénédicte Verges-Chignon, nennt den Staat von Vichy deshalb "eine pluralistische Diktatur". Die neue ideologische Richtung gab weniger Pétain vor als sein Regierungschef Pierre Laval, ein radikaler Befürworter der Kollaboration mit den Deutschen.

Allerdings - die Einstellung Pétains zum Faschismus ist, wie vieles an ihm, widersprüchlich. Schon im Juli 1940 billigte er, angeblich widerstrebend, ein erstes antisemitisches Gesetz, das alle Juden vom öffentlichen Dienst ausschloss, ohne dass die deutschen Besatzer das verlangt hatten.