Frankreich Macron macht sich den Ton der Gilets jaunes zu eigen

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während seiner Rede an die Nation nach dem Brand von Notre-Dame.

(Foto: REUTERS)

Frankreichs Präsident will die Elite-Hochschule ENA abschaffen. Er sollte besser Politik, Verwaltung und Kultur öffnen, damit das Land nicht von den immer gleichen Männern aus gutem Hause dominiert wird.

Kommentar von Nadia Pantel

Um kurz vor acht am Montagabend versuchte Emmanuel Macron, auf den Pauseknopf zu drücken. Eine Stunde bevor Frankreichs Präsident seine aufgezeichnete Rede zum Ausgang des Grand débat senden wollte, seiner großen Debatte mit dem Volk nach dem Aufstand der Gilets jaunes, war Notre-Dame in Flammen aufgegangen. Macron verordnete der Tagespolitik eine Pause, Zeit für Trauer statt Reformpläne.

Doch Frankreichs Medien weigern sich mitzumachen. Sie veröffentlichten die Informationen, die der Élysée-Palast vorab zur Verfügung gestellt hatte. Nun kursieren Gerüchte, deren Ursprung jeder kennt, und die der Präsident weder kommentiert noch dementiert. Eine Situation, die symptomatisch ist für das von Misstrauen und Aversionen geprägte Verhältnis zwischen Präsident und Medien. Auf der einen Seite die Journalisten, die offen die Wünsche des Präsidenten torpedieren. Auf der anderen Seite Macron, der in seinem Drang, jede Form seiner Kommunikation zu kontrollieren, die Arbeit der Berichterstatter seit nun bald zwei Jahren erheblich erschwert.

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Eines der Gerüchte, über die Frankreich nun diskutiert, besagt, dass Macron die Elite-Hochschule ENA abschaffen möchte, die Kaderschmiede, die Premierminister und Präsidenten in Serie produziert. Die Anti-ENA-Ankündigung fügt sich in das Bild, das auch der Konflikt mit der Presse illustriert: Macron plante für Montag den großen Knalleffekt. Er setzte dafür mehr auf große Symbole als auf eine sachliche Debatte.

Macron sollte sich auf sein Wahlversprechen besinnen

"ENA abschaffen!" - das ist nicht nur eine Forderung des Präsidenten, sondern auch derer, die ihn leidenschaftlich hassen: die Gilets jaunes. Indem Macron erklärt, die ENA nicht nur reformieren zu wollen, sondern sie zur Abwicklung freigibt, macht er sich denselben lauten Ton zu eigen, mit dem auch die Gilets jaunes auf die Straße gehen. Weg mit den Eliten, und zwar schnell!

Macrons Polemik gegen die ENA ist nicht neu. Doch während die Gilets jaunes zu Recht kritisieren, dass Macht und Einfluss in Frankreich oft in einem sehr kleinen Kreis herumgereicht werden, richtet sich Macron als ENA-Absolvent gegen die Hochschule. Sie war ihm schon als Student schlicht nicht effizient genug, das verkündete er bereits 2004.

Es ist dringend nötig, dass Macron sich auf das Versprechen besinnt, mit dem er 2017 zum Präsidenten gewählt wurde: Politik, Verwaltung und Kultur öffnen, damit Frankreich nicht länger von den immer gleichen Männern aus gutem Hause dominiert wird. Seine Pläne für die ENA können diese Debatte nun neu anstoßen. Doch wäre es noch ein wenig sinnvoller, wenn Macron sich nicht nur an Symbolen abarbeiten, sondern auch sein eigenes Team betrachten würde. Die Macron-Boys, sein Fanclub, sind alle Absolventen der besten Schulen. Nathalie Loiseau, die für Macrons Partei La République en Marche den Europawahlkampf führt, war Direktorin der ENA. Macron bewegt sich in einem homogenen Umfeld, das seinen Blick auf sein Land einengt, statt ihn zu weiten.

Frankreich kann stolz sein auf seine vielen herausragenden Universitäten. Der bildungshungrige Macron weiß das. Er weiß auch, dass die Zugangsverfahren ungerecht sind. Darum muss es gehen, nicht um Polemik gegen Eliten.

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