Folgen des Bebens:Japan - erstarrt in Depression

Lesezeit: 3 min

Disziplin und Geschlossenheit sind Japans Kapital in der Krise. Doch jetzt muss das Land die Schattenseite seiner politischen und gesellschaftlichen Ordnung analysieren - der Schock über die Katastrophe ist zu groß.

Stefan Kornelius

Kontinuität ist ein Schlüsselbegriff zum Verständnis von Gesellschaft und Politik in Japan. Nirgendwo ist sie stärker zu beobachten als beim Kaiserhaus, das in seiner ganzen symbolischen Kraft für die Einheit und Geschlossenheit des Landes steht. Das Kaiserhaus blieb der Form halber bestehen, als die Schogune ihre Feudalherrschaft ausübten, als das Land im 19. Jahrhundert tiefgreifende Reformen durchschritt und als die Nation aus dem Desaster des Zweiten Weltkriegs auferstand - immer garantierte das Herrscherhaus die Bewahrung der Errungenschaften und symbolisierte die behutsame Hinführung an die Moderne.

Folgen des Bebens: Angesichts der Katastrophe zeigen die Japaner beinahe stoisch anmutende Duldsamkeit: Helfer bergen eine Leiche in der Präfektur Iwate.

Angesichts der Katastrophe zeigen die Japaner beinahe stoisch anmutende Duldsamkeit: Helfer bergen eine Leiche in der Präfektur Iwate.

(Foto: AFP)

Kontinuität und Geschlossenheit sind auch jetzt wieder die Begriffe, die mitten in der Krise den Japanern Hoffnung geben sollen. Ministerpräsident Naoto Kan wollte dieses Wir-Gefühl befördern, als er den Landsleuten die Dramatik des Augenblicks verdeutlichte und von der schwersten Krise des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg sprach.

Dieser japanische Gesellschaftsvertrag, diese fast schon stoisch anmutende Duldsamkeit, die starke innere Einheit der Menschen - sie sind Japans stärkstes Kapital in der Zeit der Krise. Der japanische Gesellschaftskleber war es, der das Land im späten 19. Jahrhundert zum ersten asiatischen Nationalstaat werden ließ, und der die nun so augenfälligen Charakteristika einer ganzen Nation hervortreten lässt: Rücksicht, Unterordnung, Selbstkontrolle. Selbst der Regierungschef trägt die hellblaue Weste der Arbeiter, weil er einer von allen sein möchte, weil in der Krise alle gleich sind im Staat.

Diese unzerbrüchliche Solidarität zwischen Bürger und Staat ist in kaum einem zweiten Land der Erde so stark ausgeprägt. Das mag aufgeklärten, liberalen Völkern befremdlich erscheinen, entwickelt nun aber erst einmal eine beruhigende Wirkung in der Katastrophe. Gesellschaftliche Regeln, nicht einfach nur Gesetze, entfalten in Japan eine stabilisierende Kraft - Regeln über den Umgang miteinander, die Hierarchisierung der Gesellschaft, die disziplinierte Zurückhaltung in der Masse.

All dies kann die bemerkenswerte Überlegtheit erklären, mit der die meisten Japaner - zumindest bis jetzt - auf das Beben, den Tsunami und die mögliche Nuklear-Katastrophe reagiert haben. Während in Deutschland, 8900 Kilometer entfernt, eine in Anbetracht der vielen Tausend Opfer merkwürdig selbstbezogene Aufgeregtheit um die Atompolitik herrscht, erduldet die drittmächtigste Wirtschaftsnation der Erde ihr Schicksal - und versucht es zu wenden. Japan hat viele Naturkatastrophen erlitten und ist mit seinem Technik-Glauben auch immer wieder an ihnen gewachsen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB