Flutkatastrophe:Nach der Flut kommt die Wut

Flooding at Erftstadt-Blessem

Erftstadts Ortsteil Blessem traf das Hochwasser besonders schwer.

(Foto: Rhein-Erft-Kreis/via REUTERS)

In Erftstadt fragen sich viele Bewohner immer noch, warum sie nicht vor der Katastrophe gewarnt wurden.

Von Elisa Schwarz, Erftstadt

Die Wut ist schon da, als Carolin Weitzel mit ihrer Rede beginnt, oben auf der Bühne, wo die Luft stickig ist und die Aussicht eher mittelgut. Vor ihr in der Aula in Erftstadt sitzen Bürgerinnen und Bürger, fächeln sich Luft zu, klicken mit Kulis, starren sie an, ihre Bürgermeisterin. Schlimm sei die Katastrophe, sagt Carolin Weitzel, schaut auf ihr Skript, hält inne, nur sei es so: "Die Information, dass ein hundertjährliches Hochwasser bevorsteht, lag der Stadt nicht vor." Da geht ein Raunen durch die Reihen, "Wie kann das sein", ruft eine Frau, breitet die Arme aus, "Wie kann das sein?"

Ratssitzung in Lechenich, sechs Wochen nach der Flut. Die Bürger wollen wissen, warum sie nicht gewarnt wurden. Warum niemand die Sirene hörte, die angeblich am Abend des 14. Juli eingeschaltet wurde. Es habe einen "stadtweiten Sirenenalarm" gegeben, beteuert Weitzel. "Gelogen!", ruft eine Frau im Karohemd, "lügen Sie doch nicht!" Am Ende wird die Frage nach der Sirene offenbleiben - wie so viele an diesem Abend.

Am Montag hatte der WDR einen Bericht veröffentlicht, worin der Freiwilligen Feuerwehr Erftstadt vorgeworfen wird, die Menschen nicht rechtzeitig informiert zu haben. Dabei habe der Deutsche Wetterdienst schon am Mittag des 14. Juli vor Überschwemmungen gewarnt, 20 Stunden vor der Flut. Die Frage ist also, ob die Katastrophe zur Katastrophe wurde, weil keiner reagiert hat.

Die Pegelstände? Sind Aufgabe des Erftverbandes, nicht der Feuerwehr

Im Schulzentrum geht jetzt Jörg Breetzmann auf die Bühne, erster Beigeordneter und Verantwortlicher der Freiwilligen Feuerwehr, er trägt Brille und Anzug. Dass die Feuerwehr tagelang Informationen zurückgehalten habe, könne er nicht bestätigen. Am 13. Juli meldete das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz, dass das Wasser in der Erft steigen könnte wegen starker Regenfälle. Wie stark? Das stand nicht in der Prognose. Außerdem, sagt Breetzmann, könne die Feuerwehr die Pegelstände gar nicht bewerten. Das sei Aufgabe des Erftverbands, und von dem sei erst mal keine Nachricht eingegangen. Ansonsten blieben die Pegel in Bliesheim, das später besonders schwer von der Flut getroffen wurde, konstant. Man wartete also ab.

Auch am Morgen des 14. Juli sah die Feuerwehr keinen Anlass, die Stadt zu evakuieren, dabei warnte das Landesamt vor "teilweise extrem ansteigenden Wasserständen". Im Hintergrund habe man die Koordinierungsstelle besetzt und abends um halb acht den Sirenenalarm ausgelöst. Warum keine Megafone verwendet wurden, will eine Bürgerin wissen? Flüstertüten? Es hätte schlicht keine Übersicht über die Mittel gegeben, sagt Breetzmann. Weitzel räumt ein, durch den Stromausfall seien wohl auch Sirenen ausgefallen. Keine Warnung also, zumindest keine vollständige. Dabei hatte am Mittag bereits Radio Erft vor einem hundertjährlichen Hochwasser gewarnt und sich dabei auf Informationen des Erftverbands berufen. Warum der Stadt diese Information nicht vorlag, wissen weder Breetzmann noch Weitzel.

Nur: Der Erftverband ist nicht dafür zuständig, die einzelnen Städte zu warnen. Bei 40 Kommunen im Verband, wie soll das gehen, fragt Vorstand Bernd Bucher am Telefon. Stattdessen schickt der Verband gebündelt Informationen über Pegelstände und Rückhaltebecken an den Hochwassermeldedienst in Köln. Von dort werden dann die Kreisleitstellen der Kommunen informiert - im Fall von Erftstadt war das am 15. Juli um 8.10 Uhr: Der Damm des Beckens in Horchheim drohe zu brechen.

Da habe man dann gleich mit der Evakuierung begonnen, sagt Jörg Breetzmann, und ja, weil der Strom ausfiel, der Mobilfunk, das Netz, waren die Einsatzkräfte tatsächlich blind, als sie mit den Rettungsbooten zu den Menschen fuhren. Viele hatten da bereits vollgelaufene Keller, zerstörte Wohnungen, in Blessem stürzten Häuser ein.

Wer also trägt die Verantwortung? Am Ende der Sitzung verliert sich die Antwort in den Schuldzuweisungen zwischen den Behörden. Man müsse jetzt überlegen, wie man künftige Katastrophen verhindert, sagt Weitzel. Sie wolle Stromaggregate anschaffen, damit die Server nicht ausfallen, die Sirenen, es müsse Katastrophenübungen geben. Den Bürgerinnen und Bürgern bringt das wenig, sie hätten gerne Antworten gehabt, auf die Frage, wie es weitergeht, wer sich kümmert, um die zerstörten Vereine, die Häuser in Blessem, um sie und ihre Wut.

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