Flut im Ahrtal:Menschen, die um Hilfe leuchten

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Flut im Ahrtal: Die Katastrophe, noch am Abend festgehalten auf Videos: Solche Aufnahmen machten Hubschrauber in der Flutnacht am 14. Juli 2021 im Ahrtal.

Die Katastrophe, noch am Abend festgehalten auf Videos: Solche Aufnahmen machten Hubschrauber in der Flutnacht am 14. Juli 2021 im Ahrtal.

(Foto: DPA)

In Rheinland-Pfalz sind Polizeivideos aus der Flutnacht im Ahrtal aufgetaucht. Sie zeigen das Ausmaß der Katastrophe - aber Innenminister Lewentz will sie erst jetzt gesehen haben. Die CDU fordert seinen Rücktritt.

Von Gianna Niewel, Frankfurt

Die Videos zeigen Dörfer, die unter Wasser stehen. Von Häusern sind nur Giebel zu sehen, von Fabrikhallen nur Dächer. Von einer Garage leuchten Lichter in die Nacht. Es sind Menschen, sie leuchten um Hilfe. Ein Polizeihubschrauber hat die Videos am 14. Juli 2021 aufgenommen, dem Abend der Flutkatastrophe im Ahrtal. Laut Polizei zeigen sie Orte auf der Strecke von Mayschoß bis Schuld zwischen 22.14 Uhr und 22.42 Uhr.

Erst Ende September dieses Jahres aber will der Innenminister von Rheinland-Pfalz sie gesehen haben. Erst jetzt wurden sie auch öffentlich, Videos, die das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigen. Bleibt die Frage: Wieso nicht früher?

Im vergangenen Juli starben im Ahrtal 134 Menschen, 700 wurden verletzt, und das obwohl bereits am Nachmittag Prognosen vorlagen, dass der Pegel höher steigen könnte als beim "Jahrhunderthochwasser" 2016. Obwohl bereits am frühen Abend an der oberen Ahr Häuser weggeschwemmt wurden. Noch nach 23 Uhr ertranken an der unteren Ahr Menschen - darunter allein zwölf im Haus der Lebenshilfe in Sinzig -, weil sie nicht gewarnt worden sind.

"Lewentz hat alles Vertrauen verspielt"

Wegen der ausgebliebenden Warnungen wächst die Kritik am rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD). Er hatte Ende September vor dem Untersuchungsausschuss gesagt, ihm habe am Abend der Flut "kein vollständiges Lagebild" vorgelegen, dabei hatte das Lagezentrum seines Ministeriums die Aufnahme der Videos angeregt. Beim Innenministerium sind sie aber offenbar nicht angekommen. Vor dem Untersuchungsausschuss sagte Lewentz, er habe sie an diesem Tag zum ersten Mal gesehen. Mehr als ein Jahr nach der Flutkatastrophe.

Nun, da die Videos öffentlich sind, ergänzte Lewentz, die "hauptausschlaggebenden Elemente für diese Katastrophe" sehe er darauf nicht. So seien keine toten Menschen zu sehen. Am Verlauf der Ereignisse hätte sich nicht viel verändert, wenn er die Videos schon in der Flutnacht gekannt hätte.

Warum wurden sie überhaupt erst so spät weitergegeben? Der Chef des Polizeipräsidiums Einsatz, Logistik und Technik - zu dem gehört die Hubschrauberstaffel - sowie der Koblenzer Polizeipräsident erklärten das mit einem Dokumentationsfehler und einem Missverständnis. Die Videos seien erst kürzlich auf der externen Festplatte eines Mitarbeiters der Hubschrauberstaffel gefunden worden. Es habe nie die Absicht gegeben, die Aufzeichnungen unzugänglich zu machen.

Die CDU wiederholte daraufhin ihre Kritik am Innenminister, er habe Hinweise auf die sich anbahnende Katastrophe ignoriert. "Wer solche Videos nicht als Handlungsaufforderung begreift, ist fehl am Platz. Lewentz hat alles Vertrauen verspielt", sagte der Fraktionsvorsitzende Christian Baldauf. Er forderte Lewentz' Rücktritt. Wenn er nicht von sich aus zurücktrete, müsse Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ihn entlassen. Die lehnte das am Mittwochabend ab.

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