Flüchtlingspakt Die große Verschiebung der Flüchtlinge beginnt

  • Von Montag an sollen Flüchtlinge von Griechenland zurück in die Türkei gebracht werden.
  • Die EU-Grenzschutzbehörde Frontex verstärkt ihre Präsenz in der Ägäis.
  • Viele Menschen haben Angst vor den Überführungen. Aus den Auffanglagern sind Hunderte geflohen, die Asylanträge in Griechenland nehmen zu.
  • Im türkischen Dikili protestieren Anwohner gegen die Ankunft der Migranten.
Von Mike Szymanski, Istanbul

Jetzt ist er gekommen, der Tag, der Linderung in der Flüchtlingskrise bringen soll, wenn nicht gar die Lösung. Der Flüchtlingspakt zwischen der Europäischen Union und der Türkei greift, die große Verschiebung von Flüchtlingen soll beginnen. Von einem "Mechanismus" sprechen die Politiker in Brüssel, Berlin und Ankara. Sie reden wie Techniker, die an diesem Montag eine hochkomplizierte Maschine mit wundersamer Wirkung zum Laufen bringen müssen. Dieser Montag steckt voller Unsicherheiten, und vor allem auch voller Angst. Weil es am Ende doch um Menschen geht. Monatelang kannten die Flüchtlinge nur eine Richtung. Nur raus aus dem Bürgerkriegsland Syrien. Nach Europa. Koste diese beschwerliche Reise, die meist über die Türkei führte, was sie wolle - wenn nicht sogar das eigene Leben.

An manchen Tagen haben Dutzende Schlauchboote vor Sonnenaufgang an der türkischen Küste in Richtung griechischer Inseln abgelegt, vollgepfropft mit Flüchtlingen und Hoffnungen. Nicht alle Boote kamen an. Die Ägäis ist in diesen Monaten zu einem gigantischen Friedhof geworden.

Und nun sollen am Montag zwei Schiffe gegen den Strom fahren. Von Europa zurück in die Türkei. Der Katamaran Nazlı Jale und die Lesbos sollen um 10 Uhr vom Hafen in Mitilini ablegen. Das eine Schiff hat Platz für 200, das andere für 100 Personen. Das ist nichts im Vergleich zu den großen Passagierfähren, die sonst von Lesbos aus das griechische Festland angesteuert hatten und täglich viele Hundert Flüchtlinge ihrem Ziel ein Stück näher brachten. Für jeden Flüchtling auch soll ein Mitarbeiter der EU-Grenzschutzagentur Frontex mitreisen - so viel Aufmerksamkeit wird den Verzweifelten ausgerechnet dann zuteil, wenn es darum geht, sie wieder loszuwerden. Der Plan der griechischen Küstenwache und der EU-Grenzschutzagentur sieht vor, dass bis Mittwoch zunächst rund 750 Asylsuchende, die auf die Ägäis-Inseln gekommen sind, in die Türkei zurückgebracht werden.

"Ich werde mich ins Meer werfen", sagt ein junger Migrant im griechischen Fernsehen

Das soll aber nur der Anfang sein. Der im März vereinbarte Flüchtlingspakt mit der Europäischen Union hat zum Ziel, dass die Türkei alle seit dem 20. März in Griechenland angekommenen Migranten zurücknimmt. Für jeden Syrer darunter können die Türken auch einen syrischen Flüchtling in die EU schicken, zunächst bis zu einer Zahl von 72 000 - es gibt mal wieder eine Obergrenze.

Seit sich unter den Flüchtlingen auf den Inseln herumspricht, dass ihre Zeit in Europa nur von kurzer Dauer sein wird, geht dort die Angst um, wieder in die Türkei abgeschoben zu werden. In der Nacht zu Freitag kam es bereits auf der Insel Chios zu schweren Ausschreitungen im Auffanglager. Seither sind mehr als die Hälfte der Flüchtlinge aus der Anlage geflohen. 850 sammelten sich im Inselhafen und weigern sich, zurückgebracht zu werden. "Ich werde mich ins Meer werfen", sagte ein junger Migrant dem griechischen Fernsehen. Viele protestierten gegen die geplanten Rückführungen, sie haben andere Ziele: "Athen, Athen" und "Freiheit, Freiheit", rufen sie. Gerade solche Bilder sollte es nicht geben. Auf Lesbos rüsten der griechische Staat und seine europäischen Helfer auf. Übers Wochenende verstärkte Frontex sein Personal auf der Insel. Zahlreiche Hotelzimmer seien kurzfristig reserviert worden, heißt es.

Es wird schwierig genug, die Abschiebekandidaten in den nächsten Tagen aus der Menge der Flüchtlinge herauszuholen und für den Abtransport vorzubereiten. Der Hotspot Moria - vor dem Abkommen ein Registrierzentrum samt Notunterkunft, ist zur Abschiebe-Anstalt geworden.

Ihr Forum Flüchtlingskrise: Wird das Tauschgeschäft mit der Türkei gut gehen?
Ihr Forum
Ihr Forum

Flüchtlingskrise: Wird das Tauschgeschäft mit der Türkei gut gehen?

Flüchtlinge, die von der Türkei aus nach Griechenland reisen, sollen wieder dorthin zurück gebracht werden. Dafür erhält das Land Geld von der EU. Außerdem hat sich die EU verpflichtet, für jeden Flüchtling, der in die Türkei abgeschoben wird, einen syrischen Flüchtling aufzunehmen. Wird die Abmachung Erfolg haben?   Diskutieren Sie mit uns.