Zuwanderungspolitik Aufgewühlt - wie Spanien mit der "afrikanischen Welle" umgeht

"Die meisten von ihnen würden glücklicher, wenn sie zu Hause blieben", sagt eine Helferin der Caritas über die afrikanischen Flüchtlinge, die über die Straße von Gibraltar nach Spanien kommen - hier ein Boot, das im Hafen von Tarifa anlegt.

(Foto: Jorge Geurrero/AFP)
  • Von Januar bis Juli haben mehr Afrikaner spanisches Staatsgebiet erreicht als im ganzen Jahr 2017.
  • Die Regierung in Madrid reagiert darauf relativ gelassen: In Aufnahmezentren in Algeciras werden die Menschen versorgt, doch die wenigsten werden als Flüchtlinge anerkannt.
  • Statistiken belegen: Fast alle der Migranten kommen aus der Mittelschicht und sind nach ihrer Ankunft erst einmal enttäuscht.
Von Thomas Urban, Ceuta

Nebel liegt am Freitagvormittag über der Straße von Gibraltar. Die trutzige Festung über Ceuta, der seit fünf Jahrhunderten zu Spanien gehörenden Handelsstadt in Nordafrika, ist in Wolken gehüllt. Die Sicht beträgt nur wenige Hundert Meter. Eigentlich wären dies ideale Voraussetzungen für die Subsaharianos, die Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara, die mit kleinen Booten von Marokko aus die südspanischen Atlantikstrände nordwestlich von Tarifa erreichen wollen. Weiter östlich ist die Küste zu steil zum Anlegen, das wissen sie. Bei klarer Sicht ist von Ceuta aus der Affenfelsen von Gibraltar gut zu sehen. Es sind ganze 21 Kilometer Luftlinie.

"Das Wetter ist tückisch", sagt Adolfo Serrano, Chef der Leitstelle der Seerettung in Tarifa, der südlichsten Stadt Spaniens. Denn es herrscht in diesen Tagen Levante, ein heftiger und heißer Wind von Süden, der das Meer aufwühlt. Hinzu kommt die Strömung vom Mittelmeer in den Atlantik. "Im Nebel verliert hier jeder, der sich nicht mit dem Meer auskennt, leicht die Orientierung", sagt Serrano. Hinzu kommt, dass die Menschen in den kleinen Booten in Gefahr geraten, von großen Schiffen gerammt zu werden. Die Straße von Gibraltar ist eine der am dichtesten befahrenen Seewege der Erde. Bei Nebel können auch die Patrouillenflugzeuge keine Boote ausmachen, die in Seenot geraten sind.

Die Opposition wollte den "Angriff auf die Grenze" für sich nutzen

Wegen der hohen Wellen in dem Gebiet, in dem die Mittelmeerströmung auf den Atlantik trifft, gilt Tarifa als Surferparadies. Doch in diesen Tagen bläst der Levante so stark, dass sich kaum jemand auf das Meer hinaustraut. Der breite Strand ist menschenleer. Wegen des Levante hat die "afrikanische Welle", wie die spanische Presse es nennt, jetzt erst einmal nachgelassen.

Doch der Juli war auch für erfahrene Retter extrem. "Das habe ich noch nie erlebt", sagt Serrano, der hier seit mehr als zwei Jahrzehnten im Einsatz ist. Täglich stachen Dutzende kleine Boote an den marokkanischen Küstenorten um Tanger in See. An manchen Tagen retteten die spanische Küstenwache oder Handelsschiffe mehr als 500 Menschen vor dem Ertrinken. Von Januar bis Ende Juli sind etwa 22 000 "Personen beim illegalen Grenzübertritt", wie es amtlich heißt, registriert worden. Das sind mehr Menschen als im gesamten Jahr 2017. Einem Teil war der "Sprung über den Zaun" gelungen, die Überwindung der sechs Meter hohen Grenzanlagen um Ceuta und Melilla, die 300 Kilometer weiter östlich gelegene zweite spanische Exklave.

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Zwei spektakuläre Fälle haben Schlagzeilen gemacht und aufregende Fernsehbilder produziert: Ein großes Holzboot fährt, von Schiffen der Küstenwache verfolgt, unweit des berühmten Leuchtturms von Trafalgar etwa 45 Kilometer nordwestlich von Tarifa direkt auf den Strand. Etwa 60 junge Männer springen aus dem Boot und laufen schnell in das angrenzende Wäldchen. Dass sie sich sofort abgesetzt haben und nicht registrieren lassen wollten, ist für die Presse ein Beleg, dass es sich nicht um politisch Verfolgte handelt.

Noch größere Emotionen löste der "Angriff auf die Grenze" in Ceuta am letzten Donnerstag im Juli aus; der 24 Kilometer lange Dreifachzaun ist am oberen Ende mit scharfen Klingen bewehrt. Etwa tausend junge Afrikaner haben an einer Ecke, die nicht von den Überwachungskameras erfasst ist, versucht, über die Zäune zu klettern, ausgerüstet mit Steigeisen und Holzbrettern, die über die Klingen gelegt werden sollten. Die Aktion war gut vorbereitet: Als Grenzschützer eintrafen, ging auf sie ein Hagel aus Molotowcocktails und Steinen nieder. Auch hatten mehrere der jungen Afrikaner Flammenwerfer gebastelt. 600 von ihnen gelang es, auf der spanischen Seite abzuspringen, anschließend führten sie Freudentänze auf. Mehr als 100 mussten allerdings mit Schnittwunden in Krankenhäusern behandelt werden.

In den folgenden Tagen wurde Ceuta zum beliebten Ziel von Oppositionspolitikern, die bemüht sind, die neue Regierung in der Flüchtlingsfrage schlecht aussehen zu lassen. Erst kam Albert Rivera, der junge, alerte Chef der rechtsliberalen Bürgerpartei (Ciudadanos), und lobte die Grenztruppe für ihren Einsatz bei der Verteidigung des Vaterlands. Unmittelbar darauf folgte Pablo Casado, der ebenfalls junge und alerte neue Chef der konservativen Volkspartei (PP). Er attackierte den sozialistischen Premierminister in Madrid, Pedro Sánchez: "Das ist das Ergebnis des Gutmenschentums." Sánchez hatte eine "humane Flüchtlingspolitik" versprochen. Als Beleg für den neuen Kurs hatte Madrid im Juni dem Seerettungsschiff Aquarius erlaubt, 600 afrikanische Migranten nach Valencia zu bringen, nachdem das Boot zuvor keine Genehmigung für die Häfen Italiens und Maltas bekommen hatte. Zudem kündigte Innenminister Fernando Grande-Marlaska an: "Die Klingen an den Zäunen um Ceuta und Melilla werden abgebaut."

"Sie werden unglücklich, sie sind in der Sackgasse."

Casado erklärte dazu: "Sánchez und Grande-Marlaska haben für Millionen Afrikaner eine Einladung nach Spanien ausgesprochen." Die beiden Lokalzeitungen jubelten: El Faro berichtete auf den ersten fünf Seiten über den Besuch Casados und druckte dabei elf Fotos ab, die ihn am Grenzzaun und im Gespräch mit Grenzschützern zeigen. Das Konkurrenzblatt El Pueblo de Ceuta brachte auf acht Seiten sogar 13 Casado-Fotos unter.

Im Rathaus von Ceuta schaltet und waltet seit anderthalb Jahrzehnten die PP mit absoluter Mehrheit. Auch Algeciras, der große Containerhafen auf der anderen Seite der Meerenge, ist in den Händen der PP. Dort schlägt Oberbürgermeister José Ignacio Landaluce Alarm: "Wenn wir nicht aufpassen, wird unsere Stadt das neue Lampedusa." Die italienische Insel vor der libyschen Küste war in den vergangenen beiden Jahren wichtigster Anlaufpunkt der Migranten aus Afrika. Landaluce ist gelernter Chirurg, er bezeichnet sich als Humanist und sagt: "Wer nehmen jeden auf, der wirklich unsere Hilfe braucht!"

Allerdings herrscht unter den großen Parteien in Spanien, von der linksalternativen Gruppierung Podemos abgesehen, Einigkeit darüber, dass es sich bei der überwältigenden Mehrheit der jungen Afrikaner, die über die "Maghreb-Route" kommen, nicht um Menschen in Not handelt. Die Experten der Caritas, die sich um Ankömmlinge kümmern, bestätigen dies. In Ceuta sagt Schwester Teresa, seit drei Jahrzehnten für Hilfesuchende im Einsatz, unverblümt: "Die meisten von ihnen würden glücklicher, wenn sie zu Hause blieben." Die Statistiken der Einwanderungsbehörde belegen: Fast alle der neuen Migranten kommen aus der Mittelschicht, sie träumen von Wohlstand, manche von Karrieren als Musiker oder Fußballer. Sie verehren Kylian Mbappé und Paul Pogba, Stars der französischen Fußballweltmeister, deren Eltern einst aus Afrika eingewandert sind. "Fast alle erleben in Europa einen krassen sozialen Abstieg", sagt Schwester Teresa. "Sie werden unglücklich, sie sind in der Sackgasse."