Flüchtlinge in der Westukraine:Im Existenzkampf

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Ukrainians Prepare Go To the Polls In The Latest General Election

Menschen, die ihre Heimat im Osten verlassen haben, warten in Kiew auf die Vergabe von Spenden.

(Foto: Getty Images)

Tausende Krimtataren und Ostukrainer sind vor Krieg und Besatzung geflohen. Manche haben versucht, sich im Westen des Landes ein neues Leben aufzubauen. Doch die Kiewer Regierung ist auf die Neuankömmlinge schlecht vorbereitet.

Von Frank Nienhuysen, Lwiw

Dutzende Bratpfannen sind an die Wand gemalt, aber das war nicht seine Idee. Schewket Jusbaschew hat alles so übernommen, die Bratpfannen an der Wand, acht hellbraune Tische, die Lampen mit Korbschirmen, die eingetöpferten Grünpflanzen am Fenster. Nichts in dem Café deutet auf seine Herkunft hin, auf die ukrainische Sonnenhalbinsel Krim, auf Feodosia. Von dort ist er geflüchtet. Es war nicht die Zeit, um wählerisch zu sein beim Interieur, um dem Raum eine persönliche, eine tatarische Note zu geben. Außer bei der Speisekarte natürlich.

apo 15.11.

Nicht die Zeit, um wählerisch zu sein: Schewket Jusbaschew fängt wieder ganz unten an.

(Foto: Frank Nienhuysen)

Aishe, so heißt Jusbaschews Frau, und nun auch sein Café im Zentrum von Lwiw (Lemberg), im Westen der Ukraine. Hier fühlt er sich noch nicht zu Hause, aber hier hat er immerhin Bekannte, die ihm helfen beim Schritt in ein neues Leben. Auf der Krim hatte er auch ein Café-Restaurant, doch dass sich die Zeiten ändern könnten, dieses eigenartige Gefühl beschlich ihn schon vor fast einem Jahr, als auf dem Maidan in Kiew die Proteste in der Ukraine begannen, und damit auch die Spannungen.

Tausende muslimische Tataren sind von der Krim geflohen

"Ich ahnte, dass irgendwann auch die Krim betroffen sein würde", sagt er. Im März eskalierte die Lage. In Feodosia stürmten russische Soldaten die Militärbasis. Jusbaschew, 44 Jahre alt, drei Kinder, entschied mit seiner Familie, die Krim zu verlassen. "Wir fuhren den ganzen Weg mit dem Zug, wie Touristen", sagt er. Aber das waren sie natürlich nicht. "30 Tage arbeite ich seitdem im Monat, ich lebe, und ich arbeite, das ist das Wichtigste." Geld hatte er kaum. "Die Kreditkarten von der Bank auf der Krim waren blockiert, und vom Staat habe ich bis jetzt keine Hrywna bekommen, keine einzige", sagt er.

Seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel durch Russland haben Tausende muslimische Tataren die Krim verlassen, viele von ihnen sind gleich in den Westen des Landes geflüchtet. Dann kamen die Flüchtlinge aus dem Osten hinzu, aus den umkämpften Gebieten Donezk und Luhansk. Lwiw ist etwa tausend Kilometer von dem Konflikt entfernt. Jusbaschew war früher immer wieder mal in der Stadt. Es ist in der Regel das persönliche Netzwerk, das den Flüchtlingen hilft. Vom Staat rollt die Hilfe erst an.

Ausgaben von bis zu 3000 Dollar werden den Flüchtlingen erstattet

Ein kleiner Innenhof in Lwiw, ein unscheinbarer Eingang zwischen einem Irish Pub und einem ukrainischen Restaurant, ohne Hinweisschild an der Tür - das ist für viele Flüchtlinge die erste Anlaufstelle. Krim-SOS heißt die nicht-staatliche Organisation, doch nur um die Krim allein geht es schon lange nicht mehr. Acht Mitarbeiter kümmern sich um die Flüchtlinge, die nun vor allem aus der Ostukraine stammen und in dem kargen Raum von einem Bild mit Wald und einer großen Ukraine-Karte begrüßt werden. Und von Anna Krawtschenko. "Noch immer kommen jeden Tag Neue zu uns", sagt die Sozialarbeiterin. Sie erhalten psychologische und juristische Hilfe, dazu werden Ausgaben von bis zu 3000 Dollar für Handwerker, Medizin oder Lebensmittel erstattet.

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