Flüchtlinge auf Kos und Lampedusa:Europa muss helfen

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Hundreds Of Migrants Transported From The Greek Islands Arrive In Athens

Hunderte von syrischen Flüchtlingen werden mit den Fähren von Kos zum griechischen Festland transportiert.

(Foto: Getty Images)

Bilder aus Kos und Lampedusa zeigen gestrandete Flüchtlinge und verstörte Inselbewohner. Europa steht in der Verantwortung - und zwar sofort.

Kommentar von Stefan Ulrich

Wer bisher noch glaubte, die Probleme dieser Zeit ließen sich am besten von den Nationalstaaten lösen, der müsste jetzt umdenken. Denn die Flüchtlingskrise - manche sprechen von Völkerwanderung -, mit der Europa konfrontiert ist, überfordert die einzelnen Länder. Die Bilder gestrandeter Flüchtlinge und verstörter Inselbewohner, die Bilder vom italienischen Lampedusa und nun vom griechischen Kos, sie demonstrieren das überdeutlich.

Die Aufnahme der Zehntausende, die übers Meer fahren, weil sie in Europa ihre Zukunft sehen, kann nur von ganz Europa geleistet werden. Es ist ungerecht, dumm und schändlich, einzelne Bürgermeister oder Regierungen damit alleinzulassen.

Ungerecht ist es, weil bestimmte EU-Staaten, ohne etwas dafür zu können, bevorzugte Ziele der Flüchtlingsströme sind. Vergangenes Jahr traf es besonders Italien. Nun, da sich die Nachrichten all der Schiffsunglücke und der verschärften Überwachung der libyschen Küste auch in Syrien herumgesprochen haben, schwenken viele Flüchtlinge über die Türkei zu den griechischen Inseln um. Von dort geht es nach Norden, insbesondere nach Deutschland und Schweden, weil diese Staaten relativ aufnahmewillig sind und deren Regierungen noch keinen zu großen Druck durch ausländerfeindliche Parteien spüren.

Gestern Lampedusa, heute Kos: Die gesamte EU steht in der Pflicht

Dies alles ist kein Grund, Staaten wie Griechenland, Italien, Ungarn, Deutschland oder Schweden die Hauptlasten tragen zu lassen. Diese müssen in der EU fair verteilt werden. Dafür braucht es mehr und nicht weniger Europa in der Flüchtlingspolitik. Darauf will sich die Gesamtheit der EU-Staaten aber nicht verständigen.

Das ist dumm, weil in den Ländern, die sich alleingelassen fühlen, die Stimmung kippen kann. Dies nutzt Parteien wie der Lega Nord in Italien oder der Goldenen Morgenröte in Griechenland. Auch Deutschland ist nicht davor gefeit, dass bislang klägliche Gruppen wie Pegida eines Tages doch noch anschwellen. Erfolge der Radikalen in einigen Ländern destabilisieren die ganze EU. Hinzu kommt: Länder, die sich noch gestern der Solidarität bei der Flüchtlingsaufnahme verweigerten, können sich schon morgen selbst hilfsbedürftig fühlen - wie Großbritannien angesichts der Krise am Ärmelkanal.

Schändlich aber sind die Bilder, weil sie von einer akuten Notlage unzähliger Menschen zeugen, denen nicht angemessen geholfen wird. Wenn in Europa Abertausende, darunter Jugendliche und Kinder, teils über Wochen bei brütender Hitze in kleinen Zelten und unter Bäumen leben und auf Almosen angewiesen sind, weil es an Nahrung und Wasser fehlt, dann ist das nicht zu entschuldigen.

Die Not entstand nicht erst durch das offensichtliche Versagen des griechischen Staates. Und auch nicht durch einen Überraschungseffekt. Experten warnen seit Monaten vor der massenhaften Landung von Flüchtlingen in Griechenland. Nein, Europa selbst steht in der Verantwortung - und zwar sofort.

Dabei reicht es nicht, Geld an Athen oder Rom zu überweisen, damit die Regierungen Mehrjahrespläne abarbeiten können. Es geht um Nothilfe im Hier und Jetzt, wie nach einem Erdbeben, wo die internationale Solidarität oft beeindruckend ist. Warum dann nicht bei gestrandeten Flüchtlingen? Warum gibt es keine europäische Task-Force, die überforderten Gemeinden wie auf Kos mit Beamten, Technikern, Ärzten und Lebensmitteln unverzüglich beispringt? Weil alle Scheu davor haben, das Problem an sich zu ziehen und weitere Menschen zur Flucht zu motivieren?

Ein solches Kalkül wäre zynisch. Es ist legitim, über langfristige Antworten auf die Flüchtlingskrise zu streiten und über die Aufnahmekapazität der Europäer zu diskutieren. Doch es ist nicht legitim, Menschen in Not die Erste Hilfe zu verweigern.

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