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Flüchtlinge:Das Vermächtnis des Aylan Kurdi

Turkey Migrants

Ein Mann geht mit seinen Kindern an der türkischen Mittelmeerküste bei Bodrum im Sonnenuntergang spazieren. An diesem Strand wurde vor drei Monaten der ertrunkene Flüchtlingsjunge Aylan Kurdi gefunden.

(Foto: picture alliance / AP Photo)

Vor drei Monaten ertrank der Dreijährige. Das Foto des toten Jungen ging um die Welt. Hat es sie auch verändert?

Wer dieses Bild gesehen hat, wird denen, die hier Schutz vor dem Krieg suchen, nie mehr mitleidlos gegenübertreten.

Dieses Bild macht bequemes Verdrängen und rechtspopulistische Hetze unmöglich.

Wenn dieses Bild unsere Einstellung gegenüber Flüchtlingen nicht verändert, dann werden wir sie nicht verändern.

Der kleine Körper liegt am Strand in der Türkei, äußerlich nicht verwundet, das rote T-Shirt wie im Schlaf verrutscht.

Als das Foto des dreijährigen Aylan Kurdi, der bei der Flucht vor dem Krieg in Syrien ertrank, Anfang September um die Welt ging, war das Entsetzen groß. So groß wie die Erwartungen an die Wirkung des Bildes.

Im Advent 2015, ein Vierteljahr nachdem Aylan Kurdi starb, ertrinken immer noch Kinder im Mittelmeer. Doch in Deutschland ist das Mitleid für die Hunderttausenden, das noch im Sommer für alle Welt sichtbar den Schutzsuchenden entgegengebracht wurde, vielerorts erkaltet. Angriffe auf Flüchtlingsheime werden - vor einem Jahr noch unvorstellbar - zur schrecklichen Normalität. Tausende Fälle von Volksverhetzung, Gewalt, Drohungen, Beleidigungen. Die Politik reagiert mit Härte. Sie verschärft Asylgesetze, diskutiert über Transitzonen und Massenabschiebungen. Rechtspopulistische Hetze wird Bestandteil des Diskurses. Mehrere Regierungen in Europa verweigern sich komplett der Hilfe für Flüchtlinge.

Hat das Bild nichts geändert? Das Bild, dem man sich nicht entziehen konnte? (Auch wenn es einige Medien nicht gezeigt haben, so auch die Süddeutsche Zeitung. Warum, erklärt Chefredakteur Stefan Plöchinger in diesem Text.) Hat es nicht mehr bewirkt als ein kurzes Erschaudern? Ist es das, was Kurt Tucholsky einmal "Erfolg, aber keine Wirkung" genannt hat? Nur ein Hype, der dazu führte, dass Politik und Medien die Probleme, die mit den vielen schutzsuchenden Menschen auftauchten, vernachlässigen konnten?

Kommentar
Foto eines Flüchtlingskinds

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Ein Bild aus der Türkei entsetzt die Welt: Ein Kleinkind liegt leblos im Sand - gestorben auf der Flucht nach Europa. Man muss dieses Foto nicht sehen, um zu verstehen, was sich ändern muss.   Kommentar von Stefan Plöchinger

Wo ist sie geblieben, die vielbeschworene Kraft des Bildes?

Es gibt viele historische Beispiele, die zeigen, welch gewaltigen Effekt Bilder haben können. Eines der bekanntesten ist das von Kim Phuc, dem Mädchen aus Vietnam, das nach einem Napalmangriff nackt auf die Straße läuft. Dieses Bild hat 1972 eine Diskussion über den Vietnam-Krieg in Gang gesetzt, die Geschichte verändert. Bei Veröffentlichung wurde es als entwürdigend oder sensationslüstern kritisiert. Und tatsächlich ist alle Bildwirkung pornographisch. Es soll ein bestimmter Impuls vermittelt werden. Im Fall von Aylan Kurdi: Du sollst Mitleid haben, Empathie. Den Schmerz des anderen nachempfinden. Und: helfen.

In Großbritannien hat das Foto die Politik tatsächlich verändert. Angesichts des Bildes entdeckte die Bevölkerung ihre Menschlichkeit. Und Premierminister Cameron erklärte: "Als Vater bin ich tief bewegt von dem Foto des kleinen, an den Strand gespülten Jungen." Cameron verpflichtete sich, Syrer zusätzlich aufzunehmen. Ein paar Tausend, nicht mehr.

Weltweit, wie hier auf einem Grafitti in Brasilien, zollten Menschen dem bei der Flucht ertrunkenen Flüchtlingskind Aylan Kurdi Respekt.

(Foto: AFP)

Ein Bild, eine Wahrheit

Und Deutschland? Hätten die Menschen hierzulande, wo an einigen Tagen mehr Flüchtlinge angekommen sind, als Großbritannien insgesamt aufgenommen hat, ohne das Bild weniger geholfen, weniger gespendet, weniger Mitgefühl aufgebracht?

Diese Frage lässt sich nicht mit Statistiken oder Paragrafen beantworten. Trotzdem spielt das Bild in der aktuellen Diskussion eine wichtige Rolle. Es stellt nämlich eine Wahrheit dar.

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Deutschland profitiert von den Flüchtlingen. Na und? Spielt das eine Rolle, wenn es um die Grenze der Belastbarkeit geht?   Ein Kommentar von Sebastian Gierke

Eine Wahrheit in einer Situation, in der es kaum Wahrheiten gibt. In einer Situation, die an die Legende von den Blinden erinnert, die einen Elefanten untersuchen. Jeder ertastet zufällig ein Körperteil und zieht seine Schlüsse daraus: Der, der den Fuß erwischt, sagt: Baum. Den Rüssel in der Hand behauptet ein anderer: Schlange. Und beim Befühlen des Stoßzahns fällt dem Dritten ein Speer ein.

In der Flüchtlingskrise sind wir die Blinden. Wir wissen nicht, wie sich die Krise entwickelt, welche Probleme noch auf uns zu kommen. Zu groß, zu verändernd ist das, was da gerade geschieht. Egal was wir tun, das Ergebnis unseres Tuns ist unsicher.

Das Bild als welterschließende Kraft

Wahrheiten, wie die, die das Bild des toten syrischen Jungen erzeugt, sind genau deshalb so wichtig. Sie bilden eine Art Urgedächtnis, eine kollektive Erinnerung der Menschheit. Sie sind Warnung, Mahnung, Erkenntnis. Und Hoffnung im Schrecken. Die Bilder drücken eine von denen, die sie gesehen haben, schreckliche und tief empfundene Gewissheit aus.

Gerade weil wir unsere Wahrnehmung auf einen kleinen wahren Kern beschränken, um bei großen Umwälzungen wie der Flüchtlingskrise an der Komplexität nicht zu verzweifeln, brauchen wir diese schreckliche Wahrheit. Sie wird Teil dieses Kerns. Mitleid ist auf unbezweifelbare Sicherheiten angewiesen, oft auch einfache Wahrheiten, die kollektive Rührung hervorrufen. Gerade in einer Situation wie der Flüchtlingskrise, in der universelle Aussagen unmöglich sind, Wahrheit zu einem Prozess wird und oft genug die Mehrheit darüber entscheidet, was als wahr angesehen wird.

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Lässt sich das Sterben auf dem Mittelmeer denn gar nicht verhindern? Ansätze, das Problem zumindest zu lindern, gibt es sehr wohl.   Von Ruth Eisenreich

Das ist ein großes Problem. Denn plötzlich scheint für viele die beste Zukunft diejenige zu sein, die ihnen erspart bleibt. Sie sehen nur noch Gefahren, keine Chancen mehr. Die Pegida-Aufmärsche in Dresden und die guten Umfragewerte der AfD sind dafür das im Moment sichtbarste Beispiel. Was nicht sein darf, wird aus dem eigenen Denken ausgesperrt. Falsche Konstruktionen produzieren echte Gefühle. Flüchtlinge werden zur scheinbar unerträglichen Daseinszumutung, die bestenfalls aus dem eigenen Bewusstsein verdrängt, schlimmstenfalls angezündet werden.

Wenn Menschen sich aber in ihren ganz eigenen, von keinen Fakten berührten Kategorien zu verschanzen drohen, dann braucht es etwas, das diese Kategorien durcheinanderzubringen vermag. Die eigene kleine Welt demontiert.

Das Bild von Aylan Kurdi hat diese Kraft. Wie wenig anderes kann es uns glauben lassen, dass es einen Sinn gibt. Einen, der sich kaum mit Worten beschreiben lässt, der sich aber doch zeigen wird. Es ist dies eine welterschließende Kraft, eine weltverändernde Kraft.

Das zeigt auch die angstverfüllte Reaktion derer, die nach nach der Veröffentlichung des Fotos versuchten, den Vater des Jungen mit Verleumdungen zu diskreditieren. "Vater von Aylan Kurdi war Schlepper", titelte ein islamfeindliches Blog. Diese Menschen, mit ihrer zubetonierten Seele, verändern sich nicht durch ein solches Bild. Aber auch sie spüren seine Kraft.

"Nach der ersten Hilfe - wie sich Deutschland durch die Flüchtlinge verändert": Diesem Thema widmen sich namhafte Politiker und Experten am 9. Dezember bei einer gemeinsamen Konferenz der Körber-Stiftung und der Süddeutschen Zeitung in Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Rundfunk in Hamburg. Den Livestream zur Veranstaltung finden Sie auf SZ.de. In unserem Dossier haben wir für Sie besondere Beiträge rund um das Thema "Flucht nach Deutschland" zusammengestellt - hier mehr lesen.