Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa Niemand hilft - 170 Migranten ertrinken vor Libyens Küste

Flüchtlinge und Migranten warten darauf, von Hilfsorganisationen 60 Meilen nördlich von Al-Chums an der libyschen Küste gerettet zu werden. (Archivbild vom 18. Februar 2018)

(Foto: dpa)
  • Im Mittelmeer sind zwei Boote mit Migranten auf dem Weg nach Europa untergegangen, 170 Menschen ertranken.
  • Das UN-Flüchtlingshilfswerk ist besorgt, dass die europäischen Staaten die NGOs immer stärker hinderten, Flüchtlinge in Not zu retten.
  • Italiens Innenminister beschuldigt Hilfsorganisationen, das Geschäft der Schlepper zu unterstützen.
Von Oliver Meiler, Rom

Zwei Schiffbrüche mit insgesamt wohl 170 Todesopfern rücken das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer wieder in den europäischen Fokus. Ein Boot mit 53 Menschen ging zwischen Marokko und Spanien unter. Ein weiteres mit 120 Migranten aus Afrika sank 50 Seemeilen entfernt von der libyschen Küste, auf der zentralen Mittelmeerroute. Nur drei Passagiere konnten lebend geborgen und mit einem Hubschrauber der italienischen Marine nach Lampedusa gebracht werden. Die stark unterkühlten Überlebenden erzählten unabhängig voneinander dieselbe Geschichte des Unglücks. Sie nannten auch dieselbe Passagierzahl. Ihr Schlauchboot hatte im libyschen Garabulli abgelegt und geriet nach elf Stunden in Not, füllte sich mit Wasser und ging langsam unter.

Die Rekonstruktion der Hilfsoperation gibt nun viel zu reden. Die deutsche Hilfsorganisation Sea Watch, die mit ihrem Schiff Sea Watch 3 nunmehr einzige Hilfsorganisation (NGO) vor Ort ist, erfuhr über einen Funkaustausch zwischen italienischer Marine und der Koordinationsstelle in Rom von der Tragödie in dem Schlauchboot. Rom richtete aus, Libyens Küstenwache sei zuständig und kümmere sich um die Rettung. Die Libyer schickten ein Schnellboot, das aber nie am Unfallort ankam: Der Motor ging offenbar kaputt unterwegs. Darauf wurde die Crew eines libanesischen Frachters angewiesen, den Schiffbrüchigen zu Hilfe zu eilen. Es kam zu spät.

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Die 49 Migranten an Bord der beiden Schiffe "Professor Albrecht Penck" und "Sea-Watch 3" sollen auf mehrere EU-Länder verteilt werden. Die Lage auf den Schiffen war zuletzt sehr angespannt.

Italiens Innenminister: "Und der Böse soll ich sein?"

Allein in den ersten drei Wochen dieses Jahres sind im Mittelmeer mehr als 200 Menschen umgekommen beim Versuch, nach Europa zu fliehen. Die Route von Libyen nach Italien, auf der man 2018 viel weniger Überfahrten registrierte als in den Vorjahren, wird seit einigen Tagen wieder stark genutzt. In Italien wird das erklärt mit den politischen Wirren in Libyen und der Ineffizienz der dortigen Küstenwache, die mit europäischer Hilfe aufgerüstet wurde. Offenbar antworten libysche Küstenwächter oft gar nicht auf Notrufe.

Italiens Innenminister lastet dennoch alle Verantwortung den Helfern an. "Die NGOs kehren zurück, die Schlepper haben wieder ihr schmutziges Geschäft", sagte Matteo Salvini von der rechten Lega in einer Liveschaltung auf Facebook. "Und der Böse soll ich sein?" Der Hohe Flüchtlingskommissar der UN deutet die Situation ganz anders: "Wir können die Augen nicht verschließen vor der hohen Zahl von Menschen, die ihr Leben lassen vor den Toren Europas", sagte der Italiener Filippo Grandi. Das UNHCR sei besorgt, dass die europäischen Staaten die NGOs immer stärker hinderten, Flüchtlinge in Not zu retten.

Die Sea Watch 3 nahm am Wochenende bei einer weiteren Rettungsaktion 47 Migranten an Bord und kontaktierte mehrere Länder für einen sicheren Hafen, auch Italien. Salvini richtete aus, die italienischen Häfen seien geschlossen und würden auch geschlossen bleiben; das Schiff könne ja die große Runde machen und in Rotterdam oder Hamburg anlegen. Laut dem privaten Seenotruf "Watch the Med Alarm Phone" befanden sich am Sonntag erneut rund 100 Migranten vor Libyen auf dem Meer in Gefahr.

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