Feminismus Notorious RBG: Wie eine Richterin zur liberalen Ikone wurde

Ruth Bader Ginsburg bei einer Gala-Veranstaltung in Washington im Dezember 2015.

(Foto: AP)

Schwärmen junge Feministinnen für Hillary Clinton? Noch nicht wirklich. Gefeiert wird die 82-jährige Richterin Ruth Bader Ginsburg - im Internet und in der Realität.

Von Matthias Kolb, Washington

Ruth Bader Ginsburg ist es gewohnt, Widerstände zu überwinden. Als sie 1956 ihr Jurastudium an der Harvard Law School als eine von neun Frauen beginnt, stellt ihnen der Dekan nur eine Frage: "Warum nehmen Sie einem Mann den Platz weg?" Ginsburg, damals 23, antwortet: "Damit ich meinen Ehemann besser verstehe." Ihr Studium beendet Ginsburg als Jahrgangsbeste - und darf trotzdem nicht zum Supreme Court, weil die Obersten Richter keine Frauen als Assistenten wollen.

Wenn die 82-Jährige heute diese Anekdoten mit trockenem Humor erzählt, dann scheinen diese Zeiten lange vorbei. Denn seit 1993 ist Ruth Bader Ginsburg eine von neun Richtern des Obersten Gerichtshofs in Washington. Weil sie stets für Gleichberechtigung gekämpft hat, wird sie von vielen jungen Frauen verehrt, berichtet Irin Carmon: "Die Leute suchen nach Inspiration und Vorbildern. Richterin Ginsburg hat sich als Anwältin, Aktivistin und Professorin immer für Minderheiten eingesetzt. Bis heute nutzt sie ihre Macht, anderen Frauen zu helfen."

Wie begeistert die MSNBC-Reporterin Carmon von Ginsburg ist, merkt man im Gespräch mit ihr - und an dem Buch, das sie gerade mit Shana Knizhnik über die Richterin veröffentlicht hat. Die Jurastudentin Knizhnik startete aus Frust im Juni 2013 einen Tumblr und nannte ihn "Notorious RBG" - eine Mischung aus dem Kürzel der Richterin und dem Namen des Rappers Biggie Smalls alias Notorious BIG.

Ginsburg wird als liberale Ikone gefeiert - von Amy Schumer und Lena Dunham

Knizhnik war wütend auf die konservative Mehrheit des Gerichts, die gerade eine wichtige Rassismus-Schutzklausel im Wahlrecht gekippt hatte. Doch zugleich war sie begeistert von Ruth Bader Ginsburg, die die Entscheidung in unerhört scharfer Form kritisierte. Der Supreme Court hatte entschieden, dass besonderer Schutz für Afroamerikaner in Texas und anderen Südstaaten nicht mehr nötig sei (Details hier).

Ginsburg schäumte und schrieb in ihrer Minderheitsmeinung zum Voting Rights Act: "Wenn man dem Argument der Mehrheit folgt, kann man auch mitten in einem Unwetter den Regenschirm wegwerfen, weil man zuvor nicht nass geworden ist." Ihr Argument: Das Gesetz habe vor Diskriminierung geschützt, doch es sei "Hybris" zu denken, dass der Rassismus in der US-Gesellschaft verschwunden sei.

In ihrer Bewunderung war Khnizhnik nicht allein: Tausende Amerikaner posteten per Photoshop bearbeitete Bilder von der heute 82-Jährigen, die sie mit einer Krone zeigten.

Andere posten im Tumblr Fotos von sich, wie sie sich an Halloween als Richterin Ginsburg verkleiden. Mittlerweile gibt es "Notorious RBG"-T-Shirts und Tassen mit Sprüchen wie "You can't spell Truth without Ruth". Manche tragen das Gesicht der Richterin sogar als Tattoo - oder teilen Bilder mit Zitaten der Richterin - und auch Stars wie Lena Dunham und Amy Schumer sind bekennende Fans von "Notorious RBG".

Populär sind auch Bader Ginsburgs Lebensweisheiten für den Alltag. "Manchmal ist es gut, ein bisschen taub zu sein", das ist ihr Geheimnis für eine glückliche Ehe. Irin Carmon findet, dass der Hip-Hop-Name gut zu Ginsburg passt: "Notorious BIG war ein legendärer Rapper, der vor seinem 25. Geburtstag ermordet wurde. Natürlich gibt es viele Unterschiede: Sie ist winzig und weiß, er wog mehr als 150 Kilo und war schwarz. Aber sie kommen beide aus Brooklyn und können gut mit Worten umgehen. Und Hiphop begann ja als Musik derer, die alle ignoriert haben."