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Femen-Aktivistin als französische Nationalheldin:Marianne, zieh' dich an!

Blanke Brüste als Angriff auf die Souveränität? Die neue Nationalbriefmarke sorgt in Frankreich für heftigen Streit: Dass die Nationalfigur Marianne einer Femen-Aktivistin nachempfunden ist, empört Konservative. Dabei geht es weniger um nackte Haut, als um das Prinzip.

Von Andreas Glas

Am vergangenen Sonntag im Élysée-Palast: Anlässlich des Nationalfeiertags enthüllt Frankreichs Präsident François Hollande die neue Nationalbriefmarke.

(Foto: AFP)

Das mit dem Arschlecken, ja gut, das war ein bisschen viel der Provokation für Christine Boutin. Aber die Assoziation mit den Brüsten müsste doch selbst eine konservative Politikerin wie sie entzücken. Ist es nicht Revolutionskultur par excellence, mit nacktem Busen auf die Barrikaden zu gehen? Frankreichs Nationalheldin Marianne hat genau das getan, vor mehr als 200 Jahren - und wurde so zur Symbolfigur für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Doch Christine Boutin, Präsidentin der Christlich Sozialen Partei, ist alles andere als entzückt. Sie ist außer sich vor Wut.

Doch der Reihe nach. Es begann am Sonntag, als Frankreichs Präsident François Hollande die neue Nationalbriefmarke enthüllte. Das Motiv: Revolutionsheldin Marianne, deren Skulptur in jedem Rathaus steht, egal ob der Bürgermeister Sozialist ist oder Konservativer. Die Ästhetik der Marianne wird von Zeit zu Zeit neu gestaltet, das hat Tradition.

Einst inspirierte Brigitte Bardot die Künstler, später Frauen wie Catherine Deneuve, Laetitia Casta oder Sophie Marceau. Und diesmal? "Marianne ist eine Mischung aus verschiedenen Frauen", twitterte Briefmarken-Designer Olivier Ciappa am Montag. Aber inspiriert habe ihn "vor allem Inna Schewtschenko, die Gründerin von Femen" - jener Frauenrechtsgruppe also, die zum Protest blanke Brüste zeigt.

Kulturkampf im Briefmarkenformat

Die 23-jährige Schewtschenko lebt inzwischen in Frankreich: Sie war im August vergangenen Jahres aus ihrer Heimat geflüchtet, nachdem sie als Unterstützung für die russische Punk-Band Pussy Riot in Kiew ein christliches Kreuz abgesägt hatte.

Ziemlich passend, oder? Ziemlich "abscheulich", findet das Boutin, die frühere Ministerin für Wohnungs- und Städtebau.

Um den Ärger einiger konservativer Politiker zu verstehen, muss man ein paar Monate zurückblicken. Ende des vergangenen Jahres gab es hitzige Debatten um die Homo-Ehe in Frankreich. Das Land war ebenso gespalten wie die Politik: Sozialisten forderten die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Konservative waren dagegen.

Auf Frankreichs Straßen kam es zu Protesten, an denen auch Femen-Aktivistinnen teilnahmen. Verkleidet als Nonnen und - klar - mit freigelegten Brüsten demonstrierten sie für die Einführung der Homo-Ehe - und machten sich so zu Feindinnen der Konservativen. Dass nun ausgerechnet eine Femen-Aktivistin Vorbild für das Gesicht der französischen Nationalheldin sein soll, ist für Boutin ein Angriff "auf die Souveränität Frankreichs". Sie war im Disput um die gleichgeschlechtliche Ehe auch auf die Straße gegangen - aber eben auf der anderen Seite. Nun hat sie zum Boykott der Briefmarke aufgerufen.

Es geht ums Prinzip

Mit ihrer Wut ist Boutin offenbar nicht allein. Auf Facebook berichtet Designer Olivier Ciappa von etlichen Hass-Mails, die er bekommen habe: Manche seien "brutal, manche lustig, so wie Christine Boutins Aufruf, meine Briefmarke zu boykottieren."

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Arschlecken. Marianne-Vorbild Schewtschenko dürfte Boutins Wut noch einmal kräftig befeuert haben, als sie twitterte: "Femen ist auf einer französischen Briefmarke. Jetzt werden alle Homophoben, Extremisten und Faschisten meinen Arsch lecken müssen, wenn sie einen Brief verschicken wollen."

Natürlich ist auf der Rückseite der Briefmarke gar kein Hintern abgebildet, ebenso wenig sind auf der Vorderseite übrigens Brüste zu sehen. Das comichafte Bild der Marianne zeigt nur das Gesicht.

Aber um nackte Brüste geht es ja eigentlich gar nicht. Es geht ums Prinzip und um den Ruf der französischen Revolutionskultur. Ob Christine Boutin zum Straßenprotest gegen die Briefmarke aufrufen wird, ist nicht bekannt.

© Süddeutsche.de/joku/leja

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