bedeckt München 30°

FDP-Spitzenkandidat für NRW:Ein Rätsel namens Lindner

Erst der Rücktritt vom Posten des FDP-Generalsekretärs, jetzt der Aufstieg zum Spitzenkandidaten in Nordrhein-Westfalen: Christian Lindner legt ohne Zweifel ein atemberaubendes Tempo vor. Schlau wird man aus den Volten des 33-Jährigen genauso wenig wie aus denen seiner Partei. Was ist wohl passiert zwischen dem 14. Dezember, als Lindner Knall auf Fall die Brocken hinwarf, und dem 15. März, an dem er plötzlich wieder da ist?

Peter Blechschmidt

Das ist schon ein atemberaubendes Tempo, das dieser junge Mann vorlegt. Vor drei Monaten resigniert er als Generalsekretär der Bundes-FDP. Jetzt kommt er als Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und künftiger Vorsitzender des größten Landesverbandes zurück. Der gerade mal 33 Jahre alte Christian Lindner schlägt Volten, dass dem Wahlvolk nur schwindlig werden kann.

Was ist passiert zwischen dem 14. Dezember, als Lindner Knall auf Fall die Brocken hinwarf, und dem 15. März, an dem er plötzlich wieder da ist? Bezogen auf die FDP: Nichts. Der Bundesvorsitzende heißt immer noch Philipp Rösler. Der neue Generalsekretär Patrick Döring fährt den alten Kurs von Steuerentlastungen und Werben um die klassische Klientel, den Mittelstand. Die Partei kommt aus dem Umfragetief nicht heraus. Von Demut, wie sie Lindner einst unter dem Spott vieler FDP-Mitglieder eingefordert hatte, keine Spur. Und genau diese FDP will Lindner nun also zum Wahlerfolg in Nordrhein-Westfalen führen. Das verstehe, wer will.

Aus den Gründen für seinen Rücktritt als Generalsekretär macht Lindner bis heute ein großes Geheimnis. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man eine tiefe Unzufriedenheit mit Rösler annimmt. So tief, dass Lindner sie für unüberwindbar gehalten hat. Nun aber würde er mit einem achtbaren Wahlergebnis in NRW eben diesem Bundesvorsitzenden das politische Überleben sichern.

Rösler muss klar sein, dass er in diesem Fall ein Vorsitzender von Lindners Gnaden wäre. Schon jetzt macht er eine unglückliche Figur, da er seinen zum Widersacher mutierten einstigen Freund als den besten Mann für die FDP im Westen loben muss. Bei der Kandidatenkür am Donnerstagabend in Düsseldorf war Rösler sogar nur Zuschauer; dabei hatte er deshalb sogar eine Amerika-Reise abgesagt. Führungsstärke sieht anders aus.

Wie eine Partei sich selbst zerlegt

Lädiert ist auch Daniel Bahr, der Dritte aus der einstigen Boygroup. Er steht jetzt da als der Mann, der sich nicht in einen heiklen Wahlkampf traut. Den Landesvorsitz hätte er gern behalten, doch darauf hat sich Lindner nicht eingelassen und die ganze Macht im Landesverband eingefordert. Wenn schon, denn schon.

Strategie kann das alles nicht sein, denn Lindner konnte die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen ja nicht vorhersehen. Aber er hat die Chance ergriffen, die sich ihm durch die zögerliche Haltung des bisherigen Landesvorsitzenden bot. Nur wird ihm diese Entschlossenheit nichts nützen, wenn am Ende die FDP keine Rolle mehr spielt.

Prinzipientreue war nach dem Nein zum NRW-Etat zwei Tage lang die neue Parole der FDP. Viel hat die FDP nicht mehr zu bieten, um beim Wähler zu punkten. Mit der Personalentscheidung Lindner hat sie den Rest an Glaubwürdigkeit verspielt. Es ist schon atemberaubend, wie diese Partei sich selbst zerlegt.

© SZ vom 17.03.2012/feko

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite