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Fatih Akin über seinen Kurnaz-Film:"Ich wäre zerbrochen"

sueddeutsche.de: Und das hat Sie inspiriert, mit diesem Thema am Filmprojekt "Deutschland 09" mitzumachen?

Der Filmemacher Fatih Akin.

(Foto: Foto: Achim Groebsch)

Akin: Ja. Kurnaz wurde vorverurteilt. Bestimmte politische Kräfte in diesem Land haben mit Hilfe von Medien das Bild vom "Bremer Taliban" geprägt. Was bedeutet das? Ein Taliban ist ein extremistischer Mörder, der alles tötet, was nicht seiner Meinung ist. Kurnaz war damals ein harmloser Teenager auf spiritueller Suche. Ihn als "Taliban" zu bezeichnen, ist Rufmord - genauso, wie es damals Volker Schlöndorff in der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum" beschrieben hat.

Dani Levy, einer der Regisseure von "Deutschland 09", sagte vor kurzem in einem Interview, dass es heute, anders als in den siebziger Jahren, keine Feindbilder mehr gäbe - ich möchte ihm widersprechen: Die Gegner sind heute nur nicht mehr so einfach zu erkennen. Sie kommen mit einem Lächeln auf dich zu. Sie sitzen in den Parteien, von denen du immer dachtest: Hey, das sind die Guten.

sueddeutsche.de: Als Vorlage für Ihren Film diente ein Interview von sueddeutsche.de mit Kurnaz, in dem er namentlich zwei SPD-Politiker stark kritisierte: den einstigen Innenminister Otto Schily und den amtierenden Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der im Herbst Bundeskanzler werden möchte. Wollen Sie mit Ihrem Film im Bundestagswahlkampf mitmischen?

Akin: Das war nicht meine Intention.

sueddeutsche.de: Hand aufs Herz: Brodelt es bei Ihnen nicht, wenn Steinmeier sagt, er würde im Fall Kurnaz wieder so handeln wie damals?

Akin: Nein, ich verstehe es nur nicht. Warum können nicht auch Politiker zugeben, wenn sie Fehler gemacht haben? Ein solches Eingeständnis ist menschlich und es zeugt von Größe. Niemand von den politisch Verantwortlichen hat im Fall Kurnaz Verantwortung übernommen.

sueddeutsche.de: Warum nicht?

Akin: Es ist die Angst um den Machterhalt. Aber das ist meine persönliche Meinung, nicht die Intention des Filmes.

sueddeutsche.de: Sie wollen also nicht mit Steinmeier abrechnen. Was soll der Film aussagen?

Akin: Aufmerksamkeit für Murat Kurnaz erreichen. Die Leute sollen nachdenklich werden, sie sollen im Internet recherchieren oder sich sein Buch kaufen. Die Gesellschaft weiß wenig über ihn.

sueddeutsche.de: Sind die Deutschen zu unpolitisch?

Akin: Glaube ich nicht. Das Problem liegt woanders: Wir werden alle zugemüllt mit so viel Quatsch, dass echte Informationen, solche mit Qualität, oft nicht gleich sichtbar sind. Man muss schon genau sortieren. Ich will dabei helfen, als gewissenhafter Bürger dieses Landes, als jemand, der um seine Verantwortung für unsere Gesellschaft weiß.

sueddeutsche.de: Sehen Sie Filme wie "Der Name Murat Kurnaz" auch als mögliches Qualitätsmedium?

Akin: Jenseits der Frage, ob das nun ein guter oder schlechter Film ist, ist wichtig, was er aussagt. Das Ziel ist, dass die Menschen reflektieren, in welcher Gesellschaft sie leben.

sueddeutsche.de: Warum ist der Fall Kurnaz so relevant für die deutsche Gesellschaft?

Akin: Weil er die Geschichte einer großen Ungerechtigkeit ist. Und weil es eine große Lüge gab, deren Opfer Murat Kurnaz wurde. In Deutschland gelten Politiker wie der frühere US-Präsident als Lügner, weil er die Welt täuschte, um Krieg gegen den Irak zu führen. Aber auch deutsche Politiker lügen - auch wir haben Bushs. Das beweist der Fall Kurnaz. Der Mann stand alleine da, er hatte keine Lobby. Ich bin froh, dass es in Deutschland Medien gab und gibt, die immer wieder daran erinnern, was dieser Mensch durchmachen musste. Man darf nicht vergessen, dass die verantwortlichen Politiker Kurnaz nicht aus Guantanamo geholt und ihn kriminalisiert haben.

sueddeutsche.de: Ihnen liegt also an Aufarbeitung?

Akin: Noch mehr: Der Fall Kurnaz ist ein Lehrstück. Dieser Umgang des Staates mit einem Einzelnen darf einfach nicht gang und gäbe werden - sonst landen wir in einem demokratischen Faschismus. Dass die Gefahr akut ist, zeigt das Beispiel Kurnaz. Ich habe mein Kreuz bei denen gemacht, die das mit verbockt haben.

sueddeutsche.de: Das heißt konkret: Nicht mehr SPD und Grüne wählen?

Akin: Falsch. Woher sollen wir Bürger wissen, dass es die anderen Parteien besser machen? Es geht mir um die Sache an sich. Die Botschaft lautet: Uns droht ein demokratischer Faschismus. Stoppt ihn!

sueddeutsche.de: Dieselbe Botschaft vermittelte ein Hakenkreuz-T-Shirt, das Sie getragen hatten. Das Nazi-Symbol ersetzte im Namenszug "Bush" den Buchstaben S. Kann solch ein drastischer Appell nicht eher falsch verstanden werden?

Akin: Für das T-Shirt habe ich Ärger bekommen und das war ja auch richtig. Das war damals ein bisschen naiv. Aber die Aussage war nicht naiv: Es gibt eine Tendenz in demokratischen Staaten zur Unmenschlichkeit, wie wir sie von Diktaturen kennen. Das ist nun mal real: Der Irak-Krieg hat stattgefunden, Folter hat stattgefunden, dieses Wir-Scheißen-auf-Den-Haag- und-die-Uno hat stattgefunden.

Lesen Sie auf der letzten Seite, weshalb sich Fatih Akin entschloss, das Interview von sueddeutsche.de zu verfilmen.

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