bedeckt München 14°
vgwortpixel

Fatih Akin über seinen Kurnaz-Film:"Ich wäre in Guantanamo zerbrochen"

Der Regisseur Fatih Akin hat aus einem sueddeutsche.de-Interview mit Murat Kurnaz einen Berlinale-Kurzfilm gemacht. Ein Gespräch über politische Lügen und den Guantanamo-Häftling.

Zur Lage der Nation: Für den Episodenfilm Deutschland '09 haben sich ein gutes Dutzend Regisseure zusammengefunden. Die heutige Premiere ist ein Höhepunkt der diesjährigen Berlinale. Fatih Akin greift mit seinem Beitrag "Der Name Murat Kurnaz" dabei so konkret wie kein anderer der Kurzfilme eine politische Diskussion auf: den Fall des ehemaligen Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz. Beim Interview in Berlin hat der deutsche Regisseur mit türkischen Wurzeln eigentlich nur kurz Zeit, dann lässt er sein Essen kalt werden. Fatih Akin will mit seinem Film bewegen. Ein Gespräch über Parallelen zwischen dem Guantanamo-Häftling und dem erfolgreichen Regisseur, Lügen der Politik und Gefahren für die Demokratie.

Eine Szene aus der Episode aus "Deutschland 09", die auf einem sueddeutsche.de-Interview basiert.

(Foto: Foto: Herbstfilm)

sueddeutsche.de: Herr Akin, wie kamen Sie zum Film-Projekt "Deutschland 09"?

Fatih Akin: Tom Tykwer fragte mich, ob ich mitmachen würde. Ich mag ihn und bewundere seine Arbeit. Die Verbindung zum Episodenfilm "Deutschland im Herbst" 1978 war sehr anziehend. Außerdem reizen mich Kurzfilme: Da gibt es viel Freiraum, man kann wieder ein bisschen Filmstudent sein. Aus allen diesen Gründen habe ich zugesagt, aber dann wurde es schwierig.

sueddeutsche.de: Was war passiert?

Akin: Offen gesagt: Ich hatte die Arbeit an meinem eigenen Projekt "Soul Kitchen" total unterschätzt. Mir blieb keine Energie mehr für "Deutschland 09", ich hatte keine Zeit und kein Thema - deshalb wollte ich aussteigen.

sueddeutsche.de: Sie haben schließlich doch ein Thema gefunden: der Fall des früheren Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz.

Akin: Ich hatte Kurnaz' Autobiographie "Fünf Jahre meines Lebens" im Urlaub gelesen, ein gutes, nüchtern geschriebenes Buch. Das war das auslösende Moment. Das Faszinierende an seiner Geschichte war für mich, wie sehr ich mich selbst darin erkannte.

sueddeutsche.de: Welche Parallelen sehen Sie?

Akin: Das, was ihm passiert ist, hätte auch mir passieren können. Er, der Deutsch-Türke aus Bremen - ich, der Deutsch-Türke aus Hamburg. Wir kommen aus ähnlichen, wenig religiösen Familien, unsere Wurzeln in der Türkei liegen in einer ähnlichen Region. Wir hatten in unserer Jugend eine ähnliche Sozialisierung - Gangs, Türsteher, Nachtleben.

sueddeutsche.de: Hatten Sie auch eine Phase wie Kurnaz, wo Sie sich intensiver mit dem Glauben beschäftigt haben?

Akin: Ich bin ein spiritueller Mensch. Damals - mit 16, 17 Jahren - hat der Islam für mich eine größere Rolle gespielt. Und ich hatte übrigens auch lange keinen deutschen Pass, so wie Kurnaz.

sueddeutsche.de: Hören die Gemeinsamkeiten nicht auf, wenn es um die Reise von Kurnaz nach Pakistan kurz nach dem 11. September 2001 geht?

Akin: Es hätte mich auch nach Pakistan verschlagen können, für die Recherche zu einem Dokumentarfilm, den Besuch einer entfernten Tante - oder für einen Koran-Kurs. Das ist das Verrückte, das Kafkaeske: Ich kann mich identifizieren mit Kurnaz. Aber ich glaube, es gibt einen Unterschied: Ich wäre in Guantanamo zerbrochen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was Fatih Akin antrieb, den Kurzfilm über Murat Kurnaz zu drehen.

"Ich wäre zerbrochen"

sueddeutsche.de: Und das hat Sie inspiriert, mit diesem Thema am Filmprojekt "Deutschland 09" mitzumachen?

Der Filmemacher Fatih Akin.

(Foto: Foto: Achim Groebsch)

Akin: Ja. Kurnaz wurde vorverurteilt. Bestimmte politische Kräfte in diesem Land haben mit Hilfe von Medien das Bild vom "Bremer Taliban" geprägt. Was bedeutet das? Ein Taliban ist ein extremistischer Mörder, der alles tötet, was nicht seiner Meinung ist. Kurnaz war damals ein harmloser Teenager auf spiritueller Suche. Ihn als "Taliban" zu bezeichnen, ist Rufmord - genauso, wie es damals Volker Schlöndorff in der "Verlorenen Ehre der Katharina Blum" beschrieben hat.

Dani Levy, einer der Regisseure von "Deutschland 09", sagte vor kurzem in einem Interview, dass es heute, anders als in den siebziger Jahren, keine Feindbilder mehr gäbe - ich möchte ihm widersprechen: Die Gegner sind heute nur nicht mehr so einfach zu erkennen. Sie kommen mit einem Lächeln auf dich zu. Sie sitzen in den Parteien, von denen du immer dachtest: Hey, das sind die Guten.

sueddeutsche.de: Als Vorlage für Ihren Film diente ein Interview von sueddeutsche.de mit Kurnaz, in dem er namentlich zwei SPD-Politiker stark kritisierte: den einstigen Innenminister Otto Schily und den amtierenden Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der im Herbst Bundeskanzler werden möchte. Wollen Sie mit Ihrem Film im Bundestagswahlkampf mitmischen?

Akin: Das war nicht meine Intention.

sueddeutsche.de: Hand aufs Herz: Brodelt es bei Ihnen nicht, wenn Steinmeier sagt, er würde im Fall Kurnaz wieder so handeln wie damals?

Akin: Nein, ich verstehe es nur nicht. Warum können nicht auch Politiker zugeben, wenn sie Fehler gemacht haben? Ein solches Eingeständnis ist menschlich und es zeugt von Größe. Niemand von den politisch Verantwortlichen hat im Fall Kurnaz Verantwortung übernommen.

sueddeutsche.de: Warum nicht?

Akin: Es ist die Angst um den Machterhalt. Aber das ist meine persönliche Meinung, nicht die Intention des Filmes.

sueddeutsche.de: Sie wollen also nicht mit Steinmeier abrechnen. Was soll der Film aussagen?

Akin: Aufmerksamkeit für Murat Kurnaz erreichen. Die Leute sollen nachdenklich werden, sie sollen im Internet recherchieren oder sich sein Buch kaufen. Die Gesellschaft weiß wenig über ihn.

sueddeutsche.de: Sind die Deutschen zu unpolitisch?

Akin: Glaube ich nicht. Das Problem liegt woanders: Wir werden alle zugemüllt mit so viel Quatsch, dass echte Informationen, solche mit Qualität, oft nicht gleich sichtbar sind. Man muss schon genau sortieren. Ich will dabei helfen, als gewissenhafter Bürger dieses Landes, als jemand, der um seine Verantwortung für unsere Gesellschaft weiß.

sueddeutsche.de: Sehen Sie Filme wie "Der Name Murat Kurnaz" auch als mögliches Qualitätsmedium?

Akin: Jenseits der Frage, ob das nun ein guter oder schlechter Film ist, ist wichtig, was er aussagt. Das Ziel ist, dass die Menschen reflektieren, in welcher Gesellschaft sie leben.

sueddeutsche.de: Warum ist der Fall Kurnaz so relevant für die deutsche Gesellschaft?

Akin: Weil er die Geschichte einer großen Ungerechtigkeit ist. Und weil es eine große Lüge gab, deren Opfer Murat Kurnaz wurde. In Deutschland gelten Politiker wie der frühere US-Präsident als Lügner, weil er die Welt täuschte, um Krieg gegen den Irak zu führen. Aber auch deutsche Politiker lügen - auch wir haben Bushs. Das beweist der Fall Kurnaz. Der Mann stand alleine da, er hatte keine Lobby. Ich bin froh, dass es in Deutschland Medien gab und gibt, die immer wieder daran erinnern, was dieser Mensch durchmachen musste. Man darf nicht vergessen, dass die verantwortlichen Politiker Kurnaz nicht aus Guantanamo geholt und ihn kriminalisiert haben.

sueddeutsche.de: Ihnen liegt also an Aufarbeitung?

Akin: Noch mehr: Der Fall Kurnaz ist ein Lehrstück. Dieser Umgang des Staates mit einem Einzelnen darf einfach nicht gang und gäbe werden - sonst landen wir in einem demokratischen Faschismus. Dass die Gefahr akut ist, zeigt das Beispiel Kurnaz. Ich habe mein Kreuz bei denen gemacht, die das mit verbockt haben.

sueddeutsche.de: Das heißt konkret: Nicht mehr SPD und Grüne wählen?

Akin: Falsch. Woher sollen wir Bürger wissen, dass es die anderen Parteien besser machen? Es geht mir um die Sache an sich. Die Botschaft lautet: Uns droht ein demokratischer Faschismus. Stoppt ihn!

sueddeutsche.de: Dieselbe Botschaft vermittelte ein Hakenkreuz-T-Shirt, das Sie getragen hatten. Das Nazi-Symbol ersetzte im Namenszug "Bush" den Buchstaben S. Kann solch ein drastischer Appell nicht eher falsch verstanden werden?

Akin: Für das T-Shirt habe ich Ärger bekommen und das war ja auch richtig. Das war damals ein bisschen naiv. Aber die Aussage war nicht naiv: Es gibt eine Tendenz in demokratischen Staaten zur Unmenschlichkeit, wie wir sie von Diktaturen kennen. Das ist nun mal real: Der Irak-Krieg hat stattgefunden, Folter hat stattgefunden, dieses Wir-Scheißen-auf-Den-Haag- und-die-Uno hat stattgefunden.

Lesen Sie auf der letzten Seite, weshalb sich Fatih Akin entschloss, das Interview von sueddeutsche.de zu verfilmen.

"Ich wäre zerbrochen"

Murat Kurnaz im Sommer 2008.

(Foto: Foto: ddp)

sueddeutsche.de: Nach Barack Obamas Wahl zum US-Präsidenten scheint die Welt sich zum Besseren zu wenden. Kommt ihr Film nicht zu spät?

Akin: Obama lässt sicher hoffen, aber schauen Sie sich an, wie es woanders abgeht: In den sogenannten "neuen Demokratien", nehmen Sie als Beispiel Russland. Dort gibt es jetzt einige extrem reiche Menschen, aber die meisten leben in großer Armut. Journalisten und Regimekritiker, die diese Zustände kritisieren, werden ermordet, die Killer werden gedeckt. Und dann kommt jemand wie Gerhard Schröder und erklärt, Putin sei ein "lupenreiner Demokrat." Das ist eine Lüge. Es schwingt das Denken mit: Journalisten werden abgeknallt, aber das muss man bitte tolerieren, schließlich bekommen wir russisches Erdgas!

sueddeutsche.de: Aus Ihren Worten spricht auch eine große Enttäuschung über die frühere rot-grüne Bundesregierung. Wo verorten Sie sich heute politisch?

Akin: Ich kann Ihnen keine Farbe nennen. Es hat auf jeden Fall keinen Sinn, in irgendetwas Radikales abzudriften. Boykottieren ist auch nicht richtig. Sie sehen mich ratlos.

sueddeutsche.de: Warum haben Sie sich entschieden, ein Interview zu verfilmen?

Akin: Ich hatte das Gefühl, dass alles, was man den Zuschauern in acht Minuten über den Fall Kurnaz erzählen kann, in dem Interview von sueddeutsche.de enthalten ist. Uns war klar: Wir müssen mit diesem Text wie mit einem Stück von Shakespeare umgehen. Deshalb haben wir nichts Neues reingenommen, lediglich ein bisschen gekürzt.

sueddeutsche.de: Anders als bei Ihren früheren Filmen verzichteten sie bei "Der Name Murat Kurnaz" auf eine leidenschaftliche Machart. Sie bleiben extrem sachlich. Warum?

Akin: Damit die bloße Information im Zentrum bleibt. Darum haben wir alles, was ablenken könnte, weggelassen. Darum auch ein neutrales Hotelzimmer statt eines belebten Restaurants. Darum ein Reporter, den man rein optisch politisch nicht einordnen kann. Die Machart ist auch deshalb strikt dokumentarisch, damit sie keine politische Färbung bekommt. Eine einzige Kamerabewegung wäre ein rhetorisches Mittel gewesen, der Einsatz von Musik oder Farbfiltern, eine Zoomfahrt schon Manipulation. Das Ziel ist, die Zuschauer auf das Wesentliche zu konzentrieren, keine Sympathie oder Antipathie zu legen.

sueddeutsche.de: Der muskulöse Murat Kurnaz wird in dem Film vom eher schlankeren Denis Moschitto gespielt.

Akin: Ich habe Kurnaz vor dem Film ein paar Mal getroffen. Und so wie der Film meine Interpretation des Interviews ist, war für mich sofort klar: Denis sollte Murat spielen - und er spielt ihn wunderbar. Denis ist für mich Deutschlands bester Schauspieler seines Alters.

© sueddeutsche.de/mati
Zur SZ-Startseite