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Experten zu Notfall-Verhütungsmittel:Verschreibungspflicht für "Pille danach" unnötig

'Pille danach'

Kleine Pille, große Diskussion - zumindest in Deutschland

(Foto: dpa)

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keine medizinischen Argumente für eine Verschreibungspflicht für die "Pille danach". Das erwartete Votum der Experten hatte schon im Vorfeld für Unruhe in der noch jungen Koalition gesorgt.

Die Rezeptpflicht für die " Pille danach" könnte aufgehoben werden. Das ist die Einschätzung des Expertenausschusses für Verschreibungspflicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn.

Es gebe keine medizinischen Argumente, die zwingend gegen eine Entlassung aus der Rezeptpflicht sprächen. Die Fachleute betonten allerdings die Bedeutung einer Beratung durch die Apotheken.

Das Gremium hat damit das gleiche Urteil gefällt wie auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO): Die "Pille danach" könne, rechtzeitig eingenommen, die meisten Schwangerschaften verhindern, Nebenwirkungen seien selten und meist gering, die korrekte Anwendung der Pille erfordere keine ärztliche Beratung. In fast allen Ländern der Europäischen Union ist das Notfall-Verhütungsmittel mit dem gängigen Wirkstoff Levonorgestrel denn auch rezeptfrei in der Apotheke verfügbar. Die Ausnahmen: Italien, Polen - und Deutschland.

Die deutschen Experten hatten sich bereits 2003 dafür ausgesprochen, die "Pille danach" ohne Arztbesuch verfügbar zu machen - politische Konsequenzen hatte das jedoch nicht. Das Votum wird nun als Empfehlung an das Bundesgesundheitsministerium weitergeleitet. Dieses kann dem Ausschuss folgen oder von dessen Einschätzung abweichen.

Das Urteil bringt die seit langem schwelende Debatte um diese Form der Verhütung in Deutschland nun erneut auf die Tagesordnung.

Und der Zeitpunkt der Entscheidung ist brisant. Die Diskussion um die "Pille danach" könnte für frühen Zwist in der noch jungen Koalition sorgen. Denn CDU/CSU und SPD vertreten in der Frage der Freigabe gegensätzliche Positionen.

Die der Union hatte CDU-Politiker Jens Spahn, nicht gerade bekannt als Leisetreter, erneut deutlich gemacht: "Wir werden bei dem bleiben, was wir haben", sagte er im "Morgenmagazin" von ARD und ZDF. Dass dies eine ideologische Entscheidung sei, wies er dabei weit von sich. Das sei es "ausdrücklich nicht". Es sei auch keine politische, keine emanzipatorische Frage, sondern eine medizinische, sagte der gerade wiedergewählte gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion.

Spahn verwies zum einen auf die bestehende Thrombosegefahr. Zum anderen machte er geltend, dass von der Freigabe nur eines der zwei verfügbaren Notfall-Verhütungsmittel betroffen sei ( mehr dazu siehe hier), und zwar das mit den höheren Nebenwirkungen und der geringeren Wirksamkeit. Es handelt sich um das Mittel PiDaNa mit dem Wirkstoff Levonorgestrel. Das "bessere Medikament" - gemeint ist ellaOne mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat - wäre weiterhin nur über Rezept erhältlich, doch darüber würden die Frauen ohne Arztbesuch dann gar nicht informiert. Außerdem machte Spahn die "schwierige Beratung" am Notschalter von Apotheken - "einer drin, einer draußen" - geltend.

Im Kurznachrichtendienst Twitter hatte Spahn die Debatte am Montag durch eine etwas flapsig klingende Aussage erneut befeuert, die ihm schon einmal einen Shitstorm beschert hatte:

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach - als Mediziner selbst unverdächtig, die "Pille danach" mit einem Smartie zu verwechseln - machte die Position seiner Partei in einem knappen Statement noch einmal deutlich: "Ich halte die medizinischen Risiken für vertretbar", sagte er in der Rheinischen Post vom Montag. Die Sozialdemokraten hatten erst im November gemeinsam mit Grünen und Linken im Bundesrat eine Freigabe der umstrittenen Pille beschlossen - um damit den Druck auf die Union zu erhöhen.

Nun wird sich zeigen, ob das neue Votum der Sachverständigen den Druck für einen Verkauf ohne Rezept erhöht. Es kommt vor allem darauf an, wie das nun von CDU-Mann Hermann Gröhe geführte Bundesgesundheitsministerium reagiert. Eine Sprecherin der Behörde sagte SZ.de, man werde sich die Entscheidung genau ansehen und sie prüfen. Eine schnelle Stellungnahme sei nicht zu erwarten.