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Missbrauchsaufarbeitung:Evangelische Kirche löst Betroffenenbeirat auf

Johannes-Wilhelm Rörig

Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung: "Wenn es noch den Hauch einer Chance gibt, sollten beide Seiten versuchen, wieder zusammenzufinden."

(Foto: Gregor Fischer/dpa)

Schwerer Dämpfer für die Missbrauchsaufarbeitung bei den Protestanten: Die EKD hat den Beirat nach nur sieben Monaten vorerst ausgesetzt. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung richtet einen Appell an beide Seiten.

Von Annette Zoch

Am Montagabend war Schluss. Es war die vorerst letzte Sitzung des Betroffenenbeirats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das erst vor sieben Monaten gegründete Gremium werde "zunächst ausgesetzt", teilte die EKD mit. Die Erfahrungen aus dem Gremium sollen extern ausgewertet und die Betroffenenpartizipation "neu aufgestellt werden", hieß es.

"Die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ist für die evangelische Kirche zentral und unverzichtbar", sagte der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns, der dem EKD-Beauftragtenrat für die Missbrauchsaufarbeitung vorsteht. "In der aktuellen Situation ist jedoch deutlich geworden, dass die bisher gewählte Form der Beteiligung an Grenzen gestoßen ist. Das ist für alle Beteiligten äußerst schmerzlich."

Die EKD nennt als Gründe Rücktritte aus dem Gremium und interne Konflikte zwischen den Betroffenen. Gegen diese Darstellung wehren sich vier Mitglieder des Betroffenenbeirats in einer am Dienstag verbreiteten Erklärung: Sie seien mehrheitlich für die Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit gewesen. Ein "gangbarer Weg" wäre eine externe Prozesssteuerung gewesen, heißt es in der Mitteilung, die von Katharina Kracht, Detlev Zander, Henning Stein und einem weiteren ehemaligen Beiratsmitglied mit dem Pseudonym NKD unterzeichnet wurde.

Grund für das Scheitern und den Rückzug von Mitgliedern seien vielmehr defizitäre Strukturen, hieß es. Bis März waren fünf der anfangs zwölf Mitglieder des erst im September gegründeten Betroffenenbeirats zurückgetreten. Als Grund nannten sie unter anderem fehlende Unterstützung von der EKD und eine mangelnde Ausstattung des Gremiums.

Der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, appellierte an beide Seiten, sich wieder an einen Tisch zu setzen: "Ich bedauere sehr, dass es zu einer Unterbrechung der Betroffenenbeteiligung gekommen ist", sagte Rörig der Süddeutschen Zeitung. "Egal wie man es nennt, aussetzen oder auflösen: Es ist eine faktische Unterbrechung. Eine solche Unterbrechung darf nur Ultima Ratio sein. Wenn es noch den Hauch einer Chance gibt, sollten beide Seiten versuchen, wieder zusammenzufinden."

"Wenn man in einer Krise steckt, muss man kompetente Hilfe in Anspruch nehmen."

Er könne nicht einschätzen, ob wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, die Zusammenarbeit zu retten. "Ob beispielsweise externe Beratung in Anspruch genommen wurde - für beide Seiten. Wenn man in einer Krise steckt, muss man kompetente Hilfe in Anspruch nehmen. Bisher ist auf mich noch keine Seite zugekommen, ich stehe aber gerne zur Verfügung." Es genüge nicht, zu sagen: "Wir haben jetzt einen Betroffenenbeirat". Dafür brauche es "Regeln, Definitionen, ein Fundament für die Zusammenarbeit".

Derzeit ist die Evangelische Kirche mit dem UBSKM auch in Verhandlungen über eine sogenannte "Gemeinsame Erklärung", mit der feste Standards zur Missbrauchsaufarbeitung festgelegt werden sollen. Mit der katholischen Deutschen Bischofskonferenz unterzeichnete Rörig eine solche Erklärung bereits im Juni 2020. Inwieweit die Entscheidung der EKD nun Auswirkungen auf die Gemeinsame Erklärung hat, vermochte Rörig zunächst nicht zu sagen: "Wir sind so weit, dass wir nur noch wenige Fragen zu klären haben. Im Mai wäre die nächste Sitzung gewesen, ich weiß aber nicht, ob es durch die Aussetzung des Betroffenenbeirats jetzt zu Verzögerungen kommt. Wir hoffen, dass wir die Erklärung im Sommer unterzeichnen können."

© SZ/plin
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