Europawahl So wurde in Deutschlands Landkreisen gestimmt

Wo die CSU triumphierte, in welchen Landkreisen die Grünen stärkste Kraft wurden - und in welcher Region die AfD unter fünf Prozent blieb. Analyse und Grafiken.

Von Oliver Das Gupta und Hannes Munzinger

Über viele Jahrzehnte dominierten die traditionellen Volksparteien CDU/CSU und SPD die deutsche Politik. Wahlkreise und Landkreise waren entweder "schwarz" oder "rot", selbst als mit den Grünen und der PDS/Linke die Anzahl der in den Parlamenten vertretenen Parteien gewachsen war. Inzwischen, mit der Auflösung traditioneller Milieus, mit dem Aufstieg der AfD und mit der Erosion von Union und Sozialdemokratie gilt diese Gewissheit nicht mehr. Die Europawahl 2019 zeigt, wie divers die Parteienlandschaft in Deutschland geworden ist. Auch wenn diesmal die Union in den meisten Landkreise stärkste Partei geworden ist, haben sich die Kräfteverhältnisse in Deutschland drastisch verschoben.

CDU/CSU

Bei der Europawahl wirkte sich die Aussicht auf einen deutschen Kommissionspräsidenten nicht besonders stark aus. Manfred Weber, der stellvertretende CSU-Chef und Spitzenkandidat der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), mobilisierte außerhalb seiner bayerischen Heimat nicht auffällig viele Unions-Wähler. Oft blieben die Konservativen selbst im ländlichen Raum unter 35 Prozent. In den neuen Bundesländern wurde in vielen Landkreisen die AfD stärkste politische Kraft, selbst im einstigen "schwarzen Sachsen" und in der Uckermark, der Heimat von Kanzlerin Angela Merkel. Ausnahme hier: das Eichsfeld in Thüringen, wo die CDU mit mehr als 40 Prozent dominiert.

Auch schnitt die CDU in den ländlichen Regionen Westdeutschlands, in denen sie traditionell besonders stark ist, auch bei diesem Urnengang beachtlich ab. In den niedersächsischen Landkreisen Cloppenburg, Vecha und im Emsland erreichte die Union fast 50 Prozent.

In Bayern erwies sich die Spitzenkandidatur des CSU-Mannes Weber in manchen Gegenden offenbar als Bonus. Teilweise erreichten die Christsozialen in manchen Landkreiesen fulminante Ergebnisse wie in Deggendorf mit etwa 53 Prozent, in Rottal-Inn mit fast 56 Prozent und in Straubing-Bogen mehr als 58 Prozent. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 zeigt sich in diesen Regionen eine deutliche Veränderung zugunsten der CSU, die damals vor allem auf das Thema Flüchtlinge setzte. Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl erreichte sie (in allerdings in etwas anders geschnittenen Wahlkreisen) in Deggendorf etwas über 40 Prozent, in Rottal-Inn etwa 42 Prozent und in Straubing knapp unter 42 Prozent.

Problematisch aus Sicht der Union sind die Ergebnisse in urbanen Räumen: Dort blieben CDU und CSU in der Regel wenig erfolgreich. Nicht nur in Metropolen wie Berlin und München schafft es die Union nicht, von der Schwäche der SPD zu profitieren. Inzwischen schwächeln die Konservativen auch in immer mehr der kleineren Großstädte wie Augsburg (30,7 Prozent), Lübeck 20,3 Prozent oder Jena (15,7 Prozent).

SPD

Für die Sozialdemokraten stellt die Europawahl nicht nur im Gesamtergebnis eine deutliche Niederlage dar. Auch auf Landkreis-Ebene ist die Lage mitunter desaströs. Bundesweit hat die Partei in Ostdeutschland wie auch in Süddeutschland sehr wenig Zuspruch erfahren. In Teilen Sachsens ist die SPD mit knapp über 6 Prozent nur noch Kleinpartei. Selbst in Nordrhein-Westfalen, über viele Jahrzehnte die "Herzkammer" der Sozialdemokratie, kam sie in keinem Landkreis über 25 Prozent. Besonders drastisch fällt die Niederlage in den Städten aus.

In München, wo die SPD seit Kriegsende fast durchgehend den Oberbürgermeister stellt, erhielt sie nicht einmal mehr 12 Prozent. Als wahrnehmbare Größe ist von der Traditionspartei neben dem Ruhrgebiet nurmehr in manchen Landkreisen etwas übriggeblieben. In Regionen in Rheinland-Pfalz, im Saarland, auch in Friesland. Doch selbst dort, im Landkreis Aurich, wo die SPD bei Bundestagswahlen seit 1949 jedes Mal reüssiert, erreichten die Sozialdemokraten bei der Europawahl nur noch etwas mehr als 28 Prozent.

Bündnis90/Die Grünen

Die Umfragen hatten es schon prognostiziert, durch die Europawahl ist es evident: Die Grünen haben die SPD als dominierende Kraft links der Mitte bundesweit abgelöst. In den Städten hat die Partei ihre Positionen mitunter deutlich ausbauen können: In den vier bevölkerungsreichsten Metropolen Deutschlands - Berlin, Hamburg, Köln und München - avancierten sie zur stärksten politischen Kraft. Auffällig am Grünen-Ergebnis dieser Europawahl, dass sie auch im ländlichen Raum punkten konnten: In Nordfriesland liegen sie mit fast 30 Prozent knapp hinter der Union, im Hochtaunuskreis bei etwa 25 Prozent, in Breisgau-Hochschwarzwald bei mehr als 27 Prozent. Zweistärkste politische Kraft sind die Grünen inzwischen auch in vielen ostdeutschen Landkreisen, also dort, wo sie viele Jahre teilweise nicht einmal in den Landtagen vertreten waren. In mehreren ostdeutschen Städten schnitten die Grünen zweistellig ab, in Leipzig wurden sie sogar stärkste Kraft.

Alternative für Deutschland

Ein Blick auf die eingefärbte Landkreiskarte zeigt: Die AfD hat vor allem im Osten Erfolg. Dort wurden die Rechtspopulisten in Sachsen und Brandenburg stärkste Partei - teilweise mit deutlichem Abstand. In Görlitz und Bautzen erhielt die rechte Partei mehr als sieben Prozentpunkte mehr als die zweitplatzierte CDU, im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sogar mehr als neun Punkte. Nur durch die aus AfD-Sicht gute Ausbeute im Osten konnte die Partei im Gesamtergebnis zulegen. Denn im Westen schnitt die AfD oft nur einstellig ab. Im Bodenseekreis, dem bisherigen Landkreis von AfD-Fraktionschefin Alice Weidel 8,6 Prozent, in Würzburg 6 Prozent, in der Grafschaft Bentheim entfielen auf die Partei nur 4,7 Prozent.

Im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 schnitt die Partei auch in bayerischen Regionen schlechter ab (wobei der Landkreiszuschnitt nicht identisch ist): In Rottal-Inn von 16,5 Prozent (2017) auf 9,3 Prozent (2019), in Straubing von 18,4 Prozent (2017) auf 10,5 Prozent (2019) und in Deggendorf von 19,2 (2017) auf 11,4 (2019). Auffällig ist auch die Diskrepanz der AfD-Ergebnisse von Nachbarlandkreisen entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: So erreichte im Thüringer Landkreis Sonneberg die AfD beachtliche 26,4 Prozent, nebenan im bayerischen Landkreis Coburg Land nur 8,9 Prozent. Weiter nördlich setzt sich dieses Ost-West-Gefälle fort: Im niedersächsischen Landkreis Göttingen erhielt die AfD 6,7 Prozent, im angrenzenden Nordhausen in Thüringen erreichte die Partei 22,3 Prozent. In der brandenburgischen Prignitz stimmten 19,1 Prozent für die Rechtspopulisten, wenige Kilometer westlich, im niedersächsischen Lüchow-Dannenberg lediglich 7,4 Prozent.

FDP

Die Freidemokraten haben bei der Europawahl dort punkten können, wo sie schon früher Zuspruch gefunden haben: eher in Westdeutschland, vor allem in urbanen Regionen und dort, wo die durchschnittlichen Einkommen relativ hoch liegen. Wo die FDP besonders gut abschnitt, lag sie wie im Hochtaunuskreis bei knapp unter zehn Prozent. Allerdings deutet der Urnengang auch darauf hin, dass die von Parteichef Christian Lindner auf Bundesebene bewusst in der Opposition gehaltenen Liberalen eine Kleinpartei bleiben dürften. So blieben die Freien Demokraten selbst in Städten mit aus liberaler Sicht günstigen Ausgangsbedingungen bemerkenswert blass. In Hamburg und München kamen die Liberalen gerade mal über fünf Prozent. Fast im gesamten Bundesgebiet blieb die FDP hinter der AfD. Und die liberal durchwirkten Grünen reüssierten dort, wo die Liberalen maue Werte erhielten. Im Landkreis Oberallgäu etwa erhielten die Grünen fast 19 Prozent, die Liberalen nicht einmal drei Prozent.

Die Linke

Wenn man die Europawahl zur Grundlage nimmt, sind die Sozialisten eine ostdeutsche Partei geblieben - allerdings eine, deren Sockel mehr und mehr abschmilzt. Die besten Ergebnisse der Linken liegen zwischen 15 und knapp unter 20 Prozent wie in Suhl, Gera oder Märkisch-Oderland, es handelt sich allesamt um Landkreise in den neuen Bundesländern. Dort verdrängt die AfD inzwischen die Nachfolgepartei der PDS/SED als prägende ostdeutsche Partei. Im Westen konnte die Linkspartei in einigen Landkreisen bemerkenswert gut abschneiden: im hessischen Kassel etwa mit 7,4 Prozent; in Saarbrücken erreichte sie 6,7 Prozent, in Oldenburg 6,4 Prozent. Allerdings zeigte sich gerade im ländlichen Raum der alten Bundesländer, dass dort für die Linke wenig zu holen ist: Im oberbayerischen Traunstein entfielen nur 1,9 Prozent der abgegebenen Stimmen auf die Sozialisten. Zum Vergleich: "Die Partei" des Satirikers Martin Sonneborn erreichte im selben Landkreis 1,4 Prozent.

Die Beteiligung der Deutschen an der Europawahl war deutlich höher als beim vorherigen Urnengang. Diesmal lag sie bundesweit bei 61,4 Prozent - 2014 waren es nur 48,1 Prozent der Wahlberechtigten. Auch in anderen EU-Staaten stimmten diesmal mehr Bürger ab, als bei früheren Urnengängen, wobei die Wahlfreudigkeit in anderen Länderen nicht das deutsche Niveau erreichte. Die Wahlbeteiligung lag in Polen bei 45,61 Prozent - ein Rekordwert. Denn in der 15-jährigen EU-Mitgliedschaft war bisher die 25-Prozent-Marke nie überschritten worden.

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