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EU-Beitritt der Türkei:Erdoğan will es nicht verstehen

Premier Erdoğan will die Türkei in die Europäische Union führen. Ein leiser, selbstkritischer Auftritt in Berlin wäre da hilfreich gewesen. Doch Erdoğan hat sich anders entschieden.

Ein Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Recep Tayyip Erdoğan ist mit einer klaren Botschaft nach Deutschland gekommen. Der türkische Ministerpräsident möchte die Türkei in die Europäische Union führen. Er möchte das mehr denn je, nachdem es noch vor einem Jahr ein bisschen anders geklungen hatte. Damals war in der Türkei zu hören, wenn es nicht klappe, sei das auch nicht so schlimm. Stark fühlte sich die Regierung, fast unanfechtbar.

Das ist jetzt anders. Und der Grund liegt auf der Hand: Der einst fast übermächtige Erdoğan und seine AKP brauchen dringend einen großen Erfolg. Ihr Ansehen ist so schlecht wie noch nie seit Erdoğans Wahl vor mehr als zehn Jahren.

Schuld daran sind zwei Ereignisse, die Erdoğans Weltsicht offenlegen: die Proteste und ihre brutale Niederschlagung rund um den Gezi-Park im Sommer und mehr noch der radikale Eingriff gegen Staatsanwälte, Richter und Polizisten im Dezember, die gegen Korruption im Land ermitteln wollten.

Beides war natürlich nicht angenehm für Erdoğan. Aber seine sehr harte Reaktion passte nicht zu einem Land, das EU-Mitglied sein möchte.

Nun hätte es in Berlin die Chance gegeben, ein bisschen ruhiger, leiser, vielleicht sogar selbstkritisch aufzutreten. Erdoğan aber sprach doch wieder vor allem von einem organisierten Angriff und Umsturzversuchen. Das mag er so sehen. Aber es zeigt, dass er noch immer nicht verstehen will, was ihn von der EU trennt.

© SZ vom 05.02.2014/dmo
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