Erster Weltkrieg und Propaganda:Die Nazis zogen Lehren aus der Propaganda-Niederlage

Die oberste deutsche Zensurstelle orientierte sich an Artikel 22 der Haager Landkriegsordnung von 1907 und stellte klar: "Die Sprache gegenüber den uns feindlichen Staaten kann hart sein. Eine beschimpfende, den Gegner unterschätzende Tonart aber ist kein Zeichen von Kraft. Die Reinheit und Größe der Bewegung, die unser Volk erfaßt hat, erfordert eine würdige Sprache."

Die Karikaturisten waren vom nationalistischen Taumel erfasst und erledigten bereitwillig das Geschäft der Propaganda, den "Gedankendienst mit der Waffe", wie Thomas Mann es bezeichnete. In den Kriegsjahren 1914 bis 1918 erschien kaum eine kritische Karikatur in Deutschland. Wenn der Krieg kritisiert wurde, dann war es immer der Krieg der anderen. Die eigene Sache erschien edel und gerecht. Ein Beispiel ist die Satirezeitschrift "Simplicissimus".

Auch vermeintlich authentische Fotos von der Front zeigen Kampfhandlungen, die von den Propagandaabteilungen nachgestellt wurden, weitab von den eigentlichen Schlachten, mit blitzender Uniform, ohne Deckung und mit intakter Natur als Umgebung. Ein besonders eklatantes Beispiel:

Der Film "Unsere Helden an der Somme" vom Januar 1917, einer der ersten deutschen Kriegsfilme überhaupt, vom "Bild- und Filmamt" (Bufa) veröffentlicht, einem Vorgänger der Ufa, wurde komplett hinter der Front, auf Manöverplätzen und in Ateliers gestellt. Trotz des staatlichen Güteprädikats "militärisch-amtlich" wirkte der Film lächerlich linkisch auf das deutsche Publikum. Der Konkurrenzfilm der Briten "The battle of the Somme" hingegen zeigte Originalaufnahmen von der Front.

Ludendorff sprach später davon, dass die britische Propaganda einen großen Anteil am Sieg der Alliierten gehabt habe. Die deutsche Propaganda hingegen verfing nicht. Sie hatte keine Botschaft außer Tapferkeit, thematisierte Grausamkeit und Leiden nicht und schob sie auch nicht dem Gegner zu. Es wäre ein leichtes gewesen, das Hungerleiden der Bevölkerung während des Steckrübenwinters 1916/17 der englischen Seeblockade zuzuschreiben, aber die Propagandaleitung wollte den Alliierten nicht beweisen, dass ihre Taktik aufgeht.

Nicht nur geografisch, sondern auch geistig blieben Front und Heimatfront in Deutschland weiter voneinander entfernt als in Frankreich oder England. Die Vorstellung vom ritterlichen Soldatentum und individueller Tapferkeit verblasste, je länger der Krieg andauerte, und machte stattdessen Tugenden wie Leidensfähigkeit und Durchhaltevermögen Platz - und trug damit dazu bei, den Krieg zu verlängern. Ihren Zweck, Front und Heimatfront zu einen, konnte die deutsche Propaganda nicht erreichen.

Die Nazis zogen ihre Lehren aus der Propaganda-Niederlage. Es war die Schützengrabengeneration des Ersten Weltkriegs, die Deutschlands Eroberungskrieg - und auch seine Propaganda - organisierte.

In Haft schrieb Hitler 1924, dass die deutsche Propaganda versagt habe. In seinem Pamphlet "Mein Kampf" stellte er Regeln auf, wie sie dann im Dritten Reich zum Einsatz kamen. Propaganda müsse "die gefühlsmäßige Vorstellungswelt der großen Masse begreifend, in psychologisch richtiger Form den Weg zur Aufmerksamkeit und weiter zum Herzen der breiten Masse" finden. Die alten Feindbilder überlebten die Zeit zwischen den Kriegen in allen Ländern. Der erneut geschürte Hass fiel also auf fruchtbaren Boden.

© Süddeutsche.de/gal/odg/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB