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Erster Weltkrieg:Der Mann, der die Welt retten wollte

Im Juni 1914 reiste Edward M. House als inoffizieller Beauftragter des US-Präsidenten Woodrow Wilson durch Europa, um Frieden zu stiften. Er scheiterte auch deshalb, weil Kaiser Wilhelm lieber Urlaub machte.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren die USA zur Weltmacht aufgestiegen. Sie waren der mit Abstand stärkste Industriestaat der Welt und lieferten fast ein Drittel der Weltproduktion. Doch das amerikanische Heer entsprach allenfalls dem einer europäischen Mittelmacht.

Der amerikanische Politiker auf dem Titelblatt des Time-Magazines vom 25. Juni 1923

(Foto: Foto: Getty)

In den Aufstieg der USA war der 1856 in Houston geborene Edward M. House hineingewachsen, eine der merkwürdigsten Gestalten der Geschichte der USA. Nie bekleidete er ein öffentliches Amt, und nie besaß er wirtschaftliche oder finanzielle Macht, doch sein Einfluss auf die US-Politik sollte besonders von 1912 bis 1919 sehr bemerkenswert werden.

Als Wahlkampfführer der Demokratischen Partei setzte er von 1892 an in drei Wahlkämpfen einen Demokraten als Gouverneur von Texas durch, was ihm den in Texas für Zivilisten üblichen Ehrentitel Oberst einbrachte. Seine große Stunde begann mit dem Niedergang der Republikaner.

Deren Idol Theodore Roosevelt war 1908 nicht noch einmal zur Präsidentschaftswahl angetreten. Zwar wurde nochmals ein Republikaner, William H. Taft, zum Präsidenten gewählt, aber House war entschlossen, die nächste Präsidentenwahl für die Demokraten zu gewinnen.

Für sich selbst sah House keine Chancen. Ein Kandidat musste von der traditionsreichen Ostküste kommen, um im Norden, Osten und Westen der USA die damalige Südstaatenpartei der Demokraten wählbar zu machen.

So wandte House sich Woodrow Wilson zu, dem damaligen Gouverneur von New Jersey. Im November 1911 trafen sich beide Männer, und es begann eine persönliche Freundschaft, welche für die Weltgeschichte eine gewisse Bedeutung erringen sollte.

Tatsächlich wurde Wilson im November 1912 zum Präsidenten gewählt. Obwohl House als Wilsons wichtigster Vertrauter erschien, schlug er weiterhin jedes Regierungsamt aus.

Erster Weltkrieg "Trauben von Deutschen in Stücke gerissen" Bilder
Britische Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg

"Trauben von Deutschen in Stücke gerissen"

Das Britische Nationalarchiv beginnt mit der Veröffentlichung von mehr als 1,5 Millionen Seiten, auf denen britische Offiziere das Grauen des Ersten Weltkriegs schildern. Das Beispiel des Soldaten James Paterson zeigt, dass mancher trotz der Brutalität der Front das Mitgefühl für den Feind nicht verloren hatte.

Die Öffentlichkeit sollte ihn künftig als Wilsons stillen Gesellschafter bezeichnen, durchaus mit Einverständnis des Präsidenten. "Mr. House", sagte Wilson, "ist mein zweites Ich. Er ist mein von mir unabhängiges Ich Selbst. Seine Gedanken und die meinen sind eins. Wenn ich an seinem Platz wäre, würde ich gerade so handeln, wie er mir rät."

In Europa schöpfte man damals, anderthalb Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, vorübergehend noch einmal Hoffnung. Gerade war es aufgrund einer britisch-deutschen Kooperation gelungen, den ersten Balkankrieg zu beenden.

Auf dünnstem Eis

Dennoch wussten Europas Politiker, dass sie sich - so der britische Premier Asquith - auf dünnstem Eis bewegten; der Friede schien allein von der Laune des Zufalls abzuhängen. House wiederum hatte erkannt: Ein großer europäischer Krieg würde die USA nicht unbehelligt lassen, weswegen es in ihrem eigenen Interesse lag, ihn zu verhindern.

Dies glaubte House durch eine Allianz der USA mit Großbritannien und Deutschland erreichen zu können, um besonders den britisch-deutschen Gegensatz einzudämmen, der besonders in der Flottenrüstung der beiden europäischen Großmächte sichtbar wurde.

Schon wenige Monate nach dem Amtsantritt Wilsons begann Edward M. House im Mai 1913 mit den Sondierungen für die geplante Allianz. Zuerst suchte er mit dem deutschen Botschafter Graf Bernstorff das Gespräch: "Der Graf sprach viel freimütiger, als ich es von einem Diplomaten seiner Schule erwartet hätte. Ich warf den Gedanken auf, dass es eine große Sache wäre, wenn man zu einem freundschaftlichen Einvernehmen zwischen England, Deutschland, Japan und den Vereinigten Staaten gelangen könnte. Diese Mächte zusammen würden einen heilsamen Einfluss auf die ganze Welt ausüben. Sie könnten den Frieden sichern und zur Aufschließung der weiten, noch unentwickelten Räume beitragen, wobei sie natürlich allen die gleiche Gelegenheit zur Betätigung offenhalten müssten. Zu meiner großen Überraschung stimmte er mir zu."