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Entschlüsselung im Zweiten Weltkrieg:Protokolle des Scheiterns

Während des Zweiten Weltkrieges konnte das FBI zwar die Nachrichten deutscher Diplomaten abfangen, doch mit der Entschlüsselung taten sich die Amerikaner schwer. Neue Akten aus dem Archiv des ehemaligen FBI-Chefs J. Edgar Hoover zeigen, wie frustrierend die Versuche der Code-Knacker verliefen.

Von Kim Björn Becker

Die verschlüsselte Nachricht der deutschen Diplomaten könnte hochbrisant sein. Oder banal. Niemand kann das so recht sagen, nicht einmal nach knapp drei Wochen eingehender Prüfung. Genau 20 Tage liegen zwischen jenem Datum, an dem ein Agent das Blatt Papier mit augenscheinlich wirren Zahlengruppen beim FBI in Washington abliefert und dem Tag, an dem Laborleiter Edmund P. Coffey vor ihnen kapituliert.

44841 45552 54215, so beginnt die Ziffernfolge, auf die er und seine Mitarbeiter in der Washingtoner Pennsylvania Avenue sich keinen Reim machen können. Als Muster Q1 legen die Codeknacker des FBI den Fund am 7. Februar 1941 zu den Akten.

Ein gutes Jahr später haben sie mehr Glück. Mit einem Schlag fängt das amerikanische Außenministerium ganze 24 Nachrichten ab, die zwischen dem Auswärtigen Amt in Berlin und einigen deutschen Botschaften in Südamerika ausgetauscht werden. Abermals sind die Krypto-Experten des FBI gefragt. Eines der Muster erhält intern die Nummer Q853.

Hintergrund
Die Akten des J. Edgar Hoover
Hoover Of The FBI

Jahrzehntelang bunkerte der exzentrische Gründer des FBI, John Edgar Hoover, die geheimsten Unterlagen seiner Behörde in einem eigens für sie eingerichteten Raum. Nun ist es mehreren europäischen Medien auf Initiative der Schweizer SonntagsZeitung gelungen, Einblick in 5393 Seiten Material zu erhalten. Die Auswertung der Akten zeigt: Schon in den vierziger Jahren haben die Vereinigten Staaten ein umfassendes Abhörprogramm betrieben. Und auch für die deutsche Nachkriegsgeschichte sind die Funde brisant. Zur SZ-Übersichtsseite.

Akribisch und wenig erfolgreich

Am 5. März 1942 gelingt es den Technikern, aus den Ziffern lesbaren Text zu machen. "Wäre dankbar für baldige Weisung auf mein Telegramm 464", schreibt ein deutscher Diplomat aus La Paz in Bolivien an Berlin. Und in einer anderen Nachricht, intern Q862 genannt, sorgt sich ein Botschaftsmitarbeiter aus Buenos Aires um sein Umzugsgut, falls sich die Spannungen zwischen Deutschland und Argentinien im Zuge des Zweiten Weltkriegs erhöhen sollten: "Erbitte entsprechende Veranlassung bei eventuellem Abbruch diplomatischer Beziehungen", funkt er ins Auswärtige Amt.

FBI Screenshots

FBI Screenshots

Die nun öffentlich gewordenen Akten aus dem "Confidential File Room" des FBI zeigen: Die Anstrengungen der Agenten, den internationalen diplomatischen Nachrichtenverkehr abzuhören, waren groß. Doch das, was die FBI-Agenten im Falle Deutschlands mithörten, wird die Agenten in den meisten Fällen wohl eher enttäuscht haben.

Zwar ist das FBI an eine interne Liste von Rufzeichen gelangt, mit deren Hilfe die Kryptografen nachvollziehen können, von welcher deutschen Auslandsvertretung eine abgefangene Nachricht stammt und an wen sie adressiert ist. Doch wenn die aufwendige Entschlüsselung einer Nachricht glückt, dann werden die Agenten meist zu Zeugen des Arbeitsalltags in den deutschen Botschaften: Da werden Reiserouten der Diplomaten abgestimmt, Berichte über die politische Entwicklung der jeweiligen Staaten nach Berlin gekabelt - und allzu oft geht es um Geld. "Die Protokolle geben einen Einblick ins diplomatische Tagesgeschäft der deutschen Auslandsvertretungen zu dieser Zeit", sagt Michael Jonas, Historiker und Experte für Diplomatiegeschichte an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. "Die FBI-Agenten wissen ja vorher nicht, was für eine Nachricht sie da gerade entschlüsseln."

Weihnachtsgruß statt Geheimbotschaft

Aus den bislang geheim gehaltenen Akten des Special File Room geht auch hervor, wie das FBI überhaupt an Teile des deutschen Diplomatencodes gekommen ist. Ein Informant in New York versorgte die Agenten mit detaillierten Informationen über die Arbeitsweise innerhalb der Botschaft.

Edmund Coffey

Edmund Coffey, Leiter des technischen Labors beim FBI.

(Foto: FBI)

Eines der regelmäßigen Treffen zwischen den FBI-Agenten und dem Whistleblower fand am 30. März 1942 im Hotel "Governor Clinton" in New York statt. Im Protokoll bestätigt der Informant, dass die Deutschen mehrere Verschlüsselungstechniken nutzten. Beim "einfachen Verfahren" komme ein "graues Codebuch" zum Einsatz, beim "Geheimverfahren" würden spezielle Ziffernblöcke und Schablonen verwendet, die nur per Sicherheitskurier versandt würden.

Am 16. Februar 1942 glückt es den Agenten abermals, eine verschlüsselte Nachricht lesbar zu machen. Als Muster Q690 wird der Fund in den Akten abgelegt. Offenbar liegt der abgefangene Funkspruch der Deutschen zu diesem Zeitpunkt allerdings schon einige Tage zurück. Der kurze Inhalt ist an eine Person in Berlin gerichtet und dürfte den Geheimdienst wohl enttäuscht haben: "Innigen Weihnachtsgruß".

Die FBI-Akten können Sie hier als PDF-Datei herunterladen.

© Süddeutsche.de/joku

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