Ein Bild und seine Geschichte Der Kreuzritter, der Frankreich blutig veränderte

Simon de Montfort stirbt bei der Belagerung von Toulouse 1218 durch einen Felsbrocken. Die Darstellung schuf Alphonse Marie Adolphe de Neuville im 19. Jahrhundert.

(Foto: Quelle: Wikimedia Commons)

Simon de Montforts blutrünstiger Kreuzzug gegen Albigenser-Christen prägt Frankreich bis heute - vor 800 Jahren starb der machtgierige Frömmler spektakulär.

Von Oliver Das Gupta
Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Am letzten Tag seines Lebens ahnt Simon IV. de Montfort sein Ende. Mit seinem Heer aus Kreuzrittern und Söldnern belagert er seit vielen Monaten Toulouse. Montfort will sich mit Gewalt zurückholen, was ihm zwei Jahre vorher ein päpstliches Konzil zuerkannt hat: die Herrschaft über die Metropole am Fluss Garonne. In seiner Abwesenheit hat sich die Bevölkerung erhoben, Montforts von ihm vertriebener Vorgänger Raimund zog wieder in Toulouse ein.

Am 25. Juni 1218 wagen die Verteidiger einen Ausfall. Es sieht nicht gut aus für Montfort, denn seine Truppen sind in der Unterzahl. "Gehen wir nun hinaus und sterben für den, der für uns gestorben ist", sagt Montfort angeblich zu seinen Getreuen in Anspielung auf Jesus Christus. In der anschließenden Schlacht drängen Montforts Männer die Angreifer zunächst zurück, dann trifft ein Pfeil Montforts Bruder; der Heerführer will sich zum Verletzten durchkämpfen. Er kommt nicht weit. Ein Felsbrocken zerschmettert den Kopf Montforts, abgefeuert hat das Geschoss ein Katapult der Toulousaner.

So spektakulär endete vor 800 Jahren das Leben des Simon de Montfort. Sein Tod diente damals wie in späteren Jahrhunderten als Motiv für Kunstwerke. Der Ritter war besonderes gläubig, besonders gierig, besonders grausam - und besonders erfolgreich. Als Montfort starb, lag ein neun Jahre dauernder Eroberungskrieg hinter ihm, dessen Folgen Frankreich bis heute prägen.

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Als Führer des Kreuzzugs gegen Christen, die der Papst als Abtrünnige gebrandmarkt hatte, unterjochte er die bis dahin weitgehend unabhängigen okzitanischen Fürstentümer des Südens in dreifacher Hinsicht - religiös, politisch, und kulturell.

Der französische König hatte bis dahin im sogenannten Languedoc nichts zu sagen. Im Gegensatz zum fränkisch-normannischen Norden war Okzitanien romanisch geprägt. Die mediterrane Region zwischen Provence und Pyrenäen war politisch eigenständig, es gab es eine eigene Sprache und - für das Mittelalter ungewöhnlich - ein relativ liberales Miteinander der Religionen. Dort, wie auch in Teilen Italiens und im deutschsprachigen Raum, erhielten die Katharer Zulauf, Christen, die die Botschaften der Bergpredigt leben wollten, und denen materielle Güter als Teufelswerk galten.

Das störte den römischen Klerus nicht nur, weil die Katharer das Gegenbild predigten vom Papsttum, das sich mit Pomp inszenierte. Es ging auch um religiöse Kontrolle und darum, dass die Kirche ihren Reichtum gefährdet sah: Die Katharer weigerten sich, der römischen Kirche den Zehnten zu geben.

Versuche der friedlichen Mission schlugen fehl, schließlich setzte Rom auf Gewalt. Papst Innozenz III. rief einen Kreuzzug aus gegen die Abtrünnigen, die nach der Stadt Albi auch "Albigenser" genannt wurden. Philippe II., König von Frankreich aus dem Geschlecht der Kapetinger, ließ den Appell des Pontifex zunächst weitgehend abperlen.

Einige seiner Vasallen aber folgten dem Ruf des Papstes. So machte sich auch Simon de Montfort auf, der zwischen 1160 und 1170 zur Welt gekommen war und seinen Stammsitz im Westen der Île-de-France hatte. Der nordfranzösische Edelmann, dem über seine englische Mutter auch der Titel des Earl of Leicester zufiel, stand treu zum Papst und zur französischen Krone. Sein gleichnamiger Sohn ist als Anführer im Krieg der Barone ein fixer Bestandteil der britischen Geschichte.

In neueren wissenschaftlichen Texten heißt es, Montfort sei "aus purer Habgier" nach Südfrankreich aufgebrochen. Als Kreuzritter hatte er im Heiligen Land gegen Muslime gekämpft, dank seiner blutigen Praxiserfahrung avancierte er 1209 zum Anführer des Albigenserkreuzzugs.

Ausrottung der Häretiker mit Massenverbrennungen zelebriert

Montforts Bilanz ist bemerkenswert: Fast 40 Städte, Burgen und sonstige befestigte Orte hat Simon de Montfort belagert, fast alle erfolgreich. Das militärische Genie schonte seine Gegner selten. Selbst für mittelalterliche Verhältnisse wüteten der Feldherr und seine Männer besonders blutrünstig: In Béziers, wo Katharer, Katholiken und Juden friedlich zusammenlebten, schlachteten die Kreuzfahrer alle Bewohner ungeachtet ihrer religiösen Zugehörigkeit ab, derer sie habhaft werden konnten: Männer, Frauen, Kinder - insgesamt etwa 20 000 Menschen.

Nachdem sich Carcassonne ergeben hatte, ließ Montfort Hunderte Bewohner verbrennen oder hängen. Diejenigen, die nicht zum Papsttum zurückkehrten oder Widerstand leisteten, strafte er fürchterlich: Etwa 100 Menschen der Burg Bram ließ er Nasen, Ohren und Lippen abschneiden und die Augen ausstechen. Einem Mann ließ er ein einzelnes Auge, damit er die Verstümmelten zu einer benachbarten Festung führen konnte - dem nächsten Ziel Montforts.

Die Ausrottung der Häretiker zelebrierte er mit Massenverbrennungen. In Minerve ließ er 140 Menschen im Feuer sterben. Montforts Leute mordeten bestialisch, nachdem sich die Stadt Lavaur ergeben hatte. 300 und 400 Katharer starben auf zwei großen Scheiterhaufen. Die Ritter endeten am Galgen oder durch Schwertstreiche. Die Herrin von Lavaur wurde von Montforts marodierenden Männern in den Brunnen geworfen und gesteinigt. Der Ruf der Kreuzzügler war so verheerend, dass sich viele Ortschaften freiwillig unterwarfen.

Montfort zog aus dem Vernichtungsfeldzug gleichzeitig persönliche Vorteile - er eroberte sich ein neues Stammland. In Carcassonne etwa ließ er den Vizegrafen im Kerker sterben und eignete sich dessen Titel und Besitz an.

So verfuhr Montfort weiter: Der Feldherr war am Ende auch Herzog von Narbonne, Vizegraf von Albi und Béziers. Den wichtigsten Titel aber errang er durch seinen größten militärischen Triumph: die Schlacht bei Muret, entscheidender Sieg des Albigenserkreuzzuges. Bei dem Gemetzel besiegte Montfort mit seinen Männern das okzitanische Heer unter König Peter (Pedro) II. von Aragón, auch der Monarch wurde getötet. Nach dem Sieg zog Montfort kampflos in Toulouse ein.

Der Papst belohnte den Kreuzritter: Das Laterankonzil ernannte Simon de Montfort zum rechtmäßigen Grafen von Toulouse, dem bisherigen Herren Raimund blieben nurmehr eine Festung und kleinere Besitzungen. Montfort versuchte seine Herrschaft im Süden zu festigen, in dem er Orte und Funktionen an Vertrauensleute aus seiner Truppe vergab, in der sogar Ritter aus England und deutschen Ländern kämpfen.

Eine besondere Stütze war dabei Montforts Ehefrau Alice (Alix). Während ihr Mann ständig umherzog, neue Landstriche eroberte und Aufstände niederschlug, organisierte sie Verstärkungen und regierte in den neuen Besitztümern - mitunter sogar gestrenger als ihr Mann.

Als neue Herrin von Toulouse begann sie in Simons Abwesenheit mit der aktiven Verfolgung der dort lebenden Juden: Kinder wurden zwangsweise getauft und ihren Eltern weggenommen, Erwachsenen drohte der Tod, wenn sie nicht konvertierten. Das war sogar Montfort zu krass: Nach seiner Rückkehr ließ er immerhin gefangene Juden frei und erstattete konfiszierten Besitz. Die geraubten, christianisierten Kinder aber wurden den jüdischen Familien nicht mehr zurückgegeben, das verbat ihm seine Religion, meinte der frömmelnde Kriegsherr.

Ein Orakel deutete Montfort, ein Auserwählter zu sein

Montfort war gefürchtet, aber wurde auch verehrt, unter den europäischen Rittern scheint er damals ein Star gewesen zu sein. In England erwogen aufständische Barone angeblich sogar, ihn zum Gegenkönig auszurufen. Ein Chronist berichtet, vor dem Kreuzzug habe ein Textorakel Montfort gedeutet, ein Auserwählter zu sein. Das mit der Vorsehung ging auch in diesem Fall schief, während sich der Kreuzritter im Zenit von Macht und Glanz wähnte.

Als der Herzog in Nordfrankreich unterwegs war, um seine Stammlande zu besuchen und vor dem französischen König den Treueeid zu leisten, muckte das unterjochte Toulouse auf. Die Bevölkerung verjagte Montforts Leute und bejubelte die Rückkehr seines ursprünglichen Regenten Raimund.

So kam es, dass der nominell legitime Herzog von Toulouse seine eigene Stadt belagerte. Bis jener Felsbrocken von den Mauern der Stadt katapultiert wurde und auf Montforts Kopf landete. Seine Knochen wurden gemäß damaliger Sitte ausgekocht, erst Jahre später wurden die Gebeine an der Seite seiner Frau Alice bestattet.

Der Sieg der Okzitanier vor den Toren von Toulouse erwies sich langfristig als wirkungslos. Simons Sohn Amalrich (Amaury) VII. von Montfort trat die eroberten südfranzösischen Ländereien 1225 an die französische Krone ab. Wenig später fiel er im Gefolge des französischen Königs erneut in das Languedoc ein, das von den vorhergehenden Kriegsjahren geschwächt und eine leichte Beute für die Eindringlinge aus dem Norden war.

So wirkte sich der Ketzerkrieg des Simon de Montfort nachhaltig aus auf die weitere Entwicklung von Frankreich, seine territoriale Größe, den Zentralismus und Nationalstaatlichkeit. Für manche Bewohner des Languedoc ist der Kreuzritter derjenige, der das Verderben brachte.

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