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Das vereinigte Deutschland:Blüh im Glanze

Graue Wolken über dem Bundestag

Das Berliner Reichstagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages.

(Foto: dpa)
  • Der Historiker Edgar Wolfrum beschreibt in seinem Buch Deutschland seit 1990 als "Aufsteiger".
  • Dabei blendet er aber vieles Krisen und Konflikte der vergangenen 30 Jahre aus.

In der Geschichtsschreibung über die Bundesrepublik steht kaum ein Autor stärker für das erfolgsgeschichtliche Narrativ als der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum. Seiner Geschichte der "alten" Bundesrepublik von 1949 bis 1990 hat er den Titel "Die geglückte Demokratie" gegeben.

Das ist natürlich nicht falsch, wenn man einerseits als Maßstab die Weimarer Republik heranzieht und andererseits die deutsche Vereinigung in Frieden und Freiheit 1990 zum Fluchtpunkt der Darstellung macht. Gerade vor diesem Hintergrund ist es schwer, sich der erfolgsgeschichtlichen Versuchung zu entziehen.

Konzeptionell freilich ist eine solche Perspektive schwierig, eben weil sie Spannungen, Konflikte und Problemlagen in der Geschichte der Bundesrepublik tendenziell harmonisierend in einer großen Erfolgserzählung aufhebt, der das Risiko einer affirmativen Geschichtsschreibung innewohnt.

Mit seinem neuen Buch, das die Geschichte der Bundesrepublik seit 1990 in den Blick nimmt und auch auf seine große Darstellung der rot-grünen Jahre (1998-2005) zurückgreift, steht Wolfrum vor einer Herausforderung.

Denn den drei Jahrzehnten seit der Vereinigung fehlt ein vergleichbarer Fluchtpunkt; auch bildet das Jahr 1990 einen ganz anderen Ausgangspunkt als 1945. Gleichwohl hält Wolfrum im Kern an seiner erfolgsgeschichtlichen Interpretation fest. Ja mehr noch: Erstaunlich persönlich bekennt er sich zu einem historiographischen Optimismus, der auf die Vergangenheit ebenso zielt wie auf die Zukunft.

Dann braucht man allerdings auch keinen analytischen Fluchtpunkt mehr, sondern kann ganz pragmatisch genau an jedem beliebigen Punkt enden. Geschichte ist schließlich immer offen, so könnte man diesen Pragmatismus begründen und ihm zugleich und im Gegensatz zu dem früheren Buch eine anti-teleologische Funktion zuschreiben.

Offenheit und Optimismus sind indes nicht das Gleiche. Das Manuskript war Monate vor dem 5. Februar abgeschlossen, als in Thüringen erstmals ein Ministerpräsident mit den Stimmen einer rechtsradikalen Partei gewählt wurde; es war abgeschlossen vor den rassistisch motivierten Terrormorden von Hanau.

Aber es wurde beendet, nachdem im Sommer 2019 der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von einem Rechtsradikalen ermordet worden war und nachdem im Oktober 2019 ein anderer Rechtsradikaler bei dem Versuch, ein Blutbad in einer Synagoge anzurichten, zwei Menschen erschossen hatte. Im Buch tauchen beide Terrorakte nicht auf.

An der Angemessenheit einer optimistischen Historiographie lassen sie erhebliche Zweifel entstehen, und das programmatische Plädoyer "Man sollte den Optimismus niemals verlieren" klingt vor diesem Hintergrund eher wie Pfeifen im Walde.

Irritierender Titel, differenziertere Sprache

Mindestens ebenso sehr und durchaus in Verbindung damit irritiert der Titel des Buchs: "Der Aufsteiger". Zwar konzediert der Autor sogleich Grenzen dieser Titelgebung und distanziert sich auch davon, aus dem Titel eine plumpe, lineare Erfolgsgeschichte abzuleiten.

Dennoch weckt der Titel Assoziationen hinsichtlich der überwölbenden Interpretationsperspektive des Buchs. Zu den Dimensionen des Aufstiegs gehört für Wolfrum an erster Stelle die Entwicklung der Bundesrepublik vom "Wirtschaftswunderland", von der "Superschweiz" zur politischen Macht in Europa und in der Welt.

Aber war die Bundesrepublik vor 1989 wirklich keine politische Macht? Abgesehen davon bleibt merkwürdig unbestimmt, warum die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialkulturellen Dynamiken, die im Zentrum der Darstellung stehen, als Aufstieg zu begreifen sind.

Der Komplexität der Entwicklungen seit 1990 wird das nicht gerecht, und das Buch spricht - und das gehört zu seinen Stärken - über weite Strecken eine ganz andere, differenziertere Sprache, als sie der Titel nahelegt.

Was die Darstellung nämlich tatsächlich bestimmt, ist die Frage, wie die Deutschen seit 1990 auf Krisen, Problemlagen, Konflikte und Unsicherheiten reagiert haben, wie sie als Gesellschaft versuchten, mit Unübersichtlichkeit und Verunsicherung umzugehen, aber auch welche Wirkungen die Dynamiken beschleunigten Wandels hatten.

In der Auseinandersetzung mit dieser Frage liegt der analytische Kern der Studie, die auch deswegen keine chronologische Geschichte erzählt, sondern in insgesamt zwölf Kapiteln wichtige Dimensionen des Wandels identifiziert: von der Veränderung des Parteiensystems über die Militarisierung deutscher Außenpolitik zur Bedrohung durch internationalen Terrorismus, von der Energieversorgung und der Herausforderung des Klimawandels über die Finanzkrise hin zur kommunikativen Revolution im Zeichen von Digitalisierung und Big Data.

Das Buch behandelt diese Themenfelder in übersichtlichen, gut strukturierten Kapiteln, deren Informationsreichtum sich einer gründlichen Presseauswertung ebenso verdankt wie dem Rückgriff auf die Zeitdiagnosen der Sozialwissenschaften. Politikgeschichtlich orientiert, tauchen kulturelle Entwicklungen - Literatur, Musik, bildende Kunst, Theater und Film - allenfalls am Rande auf.

Zwei Themenkreise nehmen besonderen Raum ein: zum einen die Frage nach der deutschen Einheit, nach dem Zusammenwachsen von Ost und West, von Ostdeutschen und Westdeutschen, aber auch nach den Problemen der inneren Einheit, deren Bedeutung auch drei Jahrzehnte nach der Vereinigung nicht nachgelassen hat; und zum anderen die Frage nach der "Flüchtlingskrise", wie Wolfrum die Entwicklungen im Zusammenhang mit der Migrationsdynamik und ihren Wirkungen seit 2015 überschreibt, einschließlich des Aufstiegs des Rechtspopulismus mit seinen fließenden Übergängen zum Rechtsradikalismus.

Mit Blick auf die Herausforderung der inneren Einheit steht auch Wolfrum vor dem Problem, wie man eine Bundesrepublikgeschichte als gesamtdeutsche Geschichte schreiben kann, in der die Geschichte der DDR nicht lediglich als Vorgeschichte auftaucht, sondern in der insbesondere die Erfahrungen jener 16 Millionen Ostdeutschen, die 1990 zu Bürgern der Bundesrepublik wurden, angemessen berücksichtigt werden.

Edgar Wolfrum: Der Aufsteiger. Eine Geschichte Deutschlands von 1990 bis heute. Klett Cotta, Stuttgart 2020. 368 Seiten, 24 Euro.

Dafür müsste man weiter ausholen, als es dieses Buch tun. Die Integration der DDR und der ostdeutschen Gesellschaft vor 1989 in eine Geschichte der Bundesrepublik seit 1990 bleibt weiterhin eine analytische und darstellerische Herausforderung der Zeitgeschichtsschreibung.

Weiter ausholen muss man auch, wenn man den Aufstieg von Rechtspopulismus und -radikalismus in der jüngsten Vergangenheit erklären will. Fluchtbewegungen und Zuwanderung seit 2015 waren nicht die Ursache dieses Aufstiegs, sondern sie gaben, erleichtert und verstärkt durch die Echoräume des Internets, rechtsradikalem und rassistischem Denken neue Nahrung.

Zu Recht verweist Wolfrum auf die Gewalt jenes "Vereinigungsrassismus", der Ost- und Westdeutschland in den 1990er Jahren - Hoyerswerda, Rostock, Solingen, Mölln - erschütterte. Aber muss man nicht noch weiter zurückgehen und nach den Wurzeln von Rassismus und Rechtsextremismus in BRD und DDR vor 1989/90 fragen, um den Rechtsradikalismus der Gegenwart historisch einordnen zu können?

Deutlich wird auch hier, dass eine Geschichte der Bundesrepublik seit 1990 kaum zu schreiben ist, wenn sie nicht immer wieder und in ganz unterschiedlichen thematischen Kontexten an Entwicklungen der Jahrzehnte vor 1989 rückgebunden wird. 1990 war keine "Stunde Null".

Schnell und stark im Urteil beschreibt das Buch ein Deutschland auf der Suche nach sich selbst, ein Deutschland auf der Suche nach seinem Platz in der Welt. Es präsentiert dabei weniger einen "Aufsteiger" als vielmehr eine noch immer und immer wieder neu lernende und suchende, zum Teil auch eine gefährdete Demokratie, die heute vor Herausforderungen steht, die mit Beherztheit und Optimismus allein nicht zu bewältigen sind.

© SZ vom 10.03.2020/odg
Geschichte "Wir haben Verschwörungstheorien zu lange wuchern lassen"

Paul Nolte im Gespräch

"Wir haben Verschwörungstheorien zu lange wuchern lassen"

Ein Weltbild des permanenten Betrogenwerdens hat sich in die Gesellschaft hineingefressen, sagt der Historiker Paul Nolte. Ein Gespräch über Nährböden des Populismus, Dobrindts "konservative Revolution" und den neu-alten Antifeminismus.   Interview von Oliver Das Gupta, Berlin

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