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Deutscher Schulpreis:Wenn die Schulleiterin vor der Haustür steht

Deutscher Schulpreis / Grundschule am Dichterviertel, Mülheim an der Ruhr

Ob Unterricht mit Maske oder Distanzunterricht - in der Grundschule am Dichterviertel in Mülheim an der Ruhr soll die Struktur des Schulalltags erhalten bleiben.

(Foto: Stefan Kochert/Robert Bosch Stiftung)

Ein paar Aufgaben für zu Hause stellen und damit gut? Nicht an einer früheren Brennpunktschule in Mülheim, die nun den Deutschen Schulpreis erhält. Dort war schon zu Beginn der Corona-Krise klar: Das Lernen muss weiter die Schule steuern.

Von Paul Munzinger

Zu den vielen kleinen, feinen Ideen, die das Leben in der Grundschule am Dichterviertel ein bisschen besser machen sollen, gehört die Freundschaftsbank. Sie steht im Eingangsbereich der Schule in Mülheim an der Ruhr und manchmal, wenn es warm ist, steht sie im Garten. Die Idee ist einfach: Fühlt ein Kind sich alleine oder traurig, setzt es sich auf die Freundschaftsbank. Und wenn dort jemand sitzt, darf niemand einfach vorbeigehen. Schülerin oder Lehrer, jeder muss anhalten und sich kümmern. Jeder muss hinschauen.

Schöne Idee. Doch seit es Corona gibt, gibt es ein Problem: Eine Freundschaftsbank kann man nicht in der Schulcloud aufstellen. Oder doch?

Die Pandemie hat alle Schulen vor die gleiche, große Aufgabe gestellt. Wie können wir trotz Distanz möglichst viel von dem erhalten, was eine gute Schule ausmacht: Nähe und Wärme, aber auch Ansprache und Struktur? Die Grundschule am Dichterviertel in Mülheim gehört zu den Schulen, die diese Aufgabe besonders gut gemeistert haben - zumindest nach Ansicht der Jury des Deutschen Schulpreises.

Sie zeichnete am Montag nicht wie in normalen Jahren eine Schule, sondern gleich sieben Schulen aus, weil sie herausragende Antworten auf die Fragen der Pandemie gefunden haben. Weil sie unter Beweis stellen, so sagte es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Preisverleihung, "wie viel sich mit Mut, Leidenschaft und Kreativität bewegen lässt, auch und gerade in der Krise". Die Grundschule am Dichterviertel gewann den Preis in der Kategorie "Bildungsgerechtigkeit". Und das hat auch mit der Freundschaftsbank zu tun.

"Ich erwarte, dass nicht abwertend über Menschen gesprochen wird."

Am Donnerstag vor der Preisverleihung sitzt Nicola Küppers, eine vor Energie sprühende 51-Jährige mit kurzen dunklen Haaren, vor dem Bildschirm in ihrem Schulleiterinnenbüro in Mülheim und erzählt von ihrer Schule. Sie tut das ausführlich ("Sie stoppen mich einfach, wenn ich zu lange rede, ja?") und voller Enthusiasmus. Einerseits.

Andererseits bereitet es ihr spürbar Unbehagen. Denn zu erklären, warum die eigene Schule einen Preis verdient hätte - dass sie ihn gewinnen wird, weiß Küppers da noch nicht -, geht schwer, ohne Dinge zu benennen, die bei ihr vielleicht besser laufen als anderswo. Doch die eigene Arbeit "überhöhen", andere kritisieren, und sei es nur indirekt, das widerspricht der Haltung, die Küppers ihrem Kollegium seit acht Jahren einimpft: "Ich erwarte, dass nicht abwertend über Menschen gesprochen wird. Weder im Lehrerzimmer noch auf der Toilette."

Als sie 2013 ihren Posten antrat, war die Grundschule am Dichterviertel eine Schule, die man als Brennpunktschule bezeichnen könnte, wenn Küppers der Begriff nicht so zuwider wäre. "Vernachlässigte Schule" findet sie besser. Der Ruf war mies, die Stimmung schlecht, die Scheiben blind. Sogar eine Schließung stand im Raum. 104 Schüler besuchten die Schule, zum neuen Schuljahr gab es 13 Anmeldungen. Heute, nur acht Jahre später, hat sich die Schülerzahl auf 194 fast verdoppelt, die Zahl der Anmeldungen ist auf mehr als 70 gestiegen. Küppers will auf keinen Fall alles besser wissen. Aber irgendwas hat sie wohl richtig gemacht.

"Soll ich sie den Bandidos überlassen?"

Wenn sie damals gefragt wurde, was sie geritten habe, diese Schule zu übernehmen, dann habe sie geantwortet: "Soll ich sie den Bandidos überlassen?" Sie sammelte Müll auf dem Schulhof ein, umwarb Eltern in den Kindergärten der Stadt und ging den Behörden auf die Nerven. Dass sie an der Grundschule am Dichterviertel schon vor Corona vier Tablets und einen Beamer pro Klasse hatten, schreibt Küppers, dann doch ein bisschen stolz, ihrer Hartnäckigkeit zu: "Sieg durch Ermüdung."

Eine ihrer ersten Maßnahmen bestand darin, eine alte Schultradition zu beenden: das morgendliche Aufstellen der Kinder in Reih und Glied und das gemeinsame Betreten der Schule. Schon vor der ersten Stunde seien dabei die ersten Konflikte aufgetreten, "Stell dich dahin!", "Ruhe in der ersten Reihe!" Küppers ist nicht gegen Regeln und schon gar nicht gegen Rituale, ganz im Gegenteil. Aber sie ist gegen "Energieverschwendung".

Seitdem beginnt jeder Tag gleich, für alle Klassen: mit einem Morgenkreis, wo sich die Kinder in allen Sprachen begrüßen, die in Mülheim gesprochen werden, gefolgt von der Abfrage von Datum und Uhrzeit auf Englisch, dem Wort des Tages, der Zahl des Tages (Ein Video davon findet sich im 3-D-Rundgang durch die Schule auf ihrer Homepage.). Rituale, aber eben sinnvolle, findet Küppers.

Danach kommen zwei Stunden selbstgesteuertes Lernen, erst dann beginnt der klassische Unterricht, den sie hier "lehrerzentrierte Phase" nennen. Ein fester, verlässlicher Rahmen, den Küppers gerade in einer Grundschule mit vielfältiger Klientel für unverzichtbar hält. "Je heterogener Kinder sind", sagt sie, "desto mehr Struktur brauchen sie von außen."

Care-Pakete für die Schüler

Als im März 2020 die Schulen in Deutschland wegen der Pandemie fast von einem Tag auf den anderen schließen mussten, da packten viele Lehrerinnen und Lehrer gerade an den Grundschulen ihren Kindern Care-Pakete. Die Arbeitsblätter für die nächsten Tage, ein paar liebe Worte, eine Schleife drum. Manche brachten sie persönlich mit dem Fahrrad vorbei. Die Care-Pakete waren das Symbol einer Schule, die sich kümmert, die den Kontakt nicht abreißen lässt. Nicola Küppers sieht das anders. Die Pakete sind aus ihrer Sicht das Symbol einer Schule, die die Verantwortung buchstäblich aus der Hand gibt - und sie alleine den so unterschiedlichen Elternhäusern überlässt: "Das kann nur bildungsungerecht sein."

Ihr Credo lautete: Das Lernen muss weiter die Schule steuern, die feste Struktur erhalten bleiben. Und im Distanzunterricht geht beides nur über die Technik. Ihrer Schule verordnete sie deshalb einen Crashkurs in Digitalisierung, ohne Rücksicht auf skeptische Mitglieder des Lehrerkollegiums ("Das geht nicht allein durch Freiwilligkeit") und den Lernstoff ("Wenn die Kinder das Thema Tulpe verpassen, ist das für den weiteren Lebensweg unerheblich").

Der Tagesablauf der Schule wurde eins zu eins ins Digitale gespiegelt - vom Morgenkreis über die Zwischenreflexion bis zum Schulparlament am Freitag. Für die Eltern richteten sie einen mehrsprachigen Messenger ein und veranstalteten an die 50 Digitalschulungen. Und wenn ein Kind sich am Morgen nicht einloggte, dann stand manchmal wenig später die Schulleiterin selbst bei den Eltern vor der Haustür. "Was ist das Problem? Wir stellen Ihnen alles zur Verfügung, von Wlan-Guthaben bis zu Geräten. Es gibt keinen Grund, dass Ihr Kind jetzt nicht im Unterricht ist."

Bei manchen habe "die Strukturiertheit" gefehlt, bei manchen das Bewusstsein, sagt Küppers. Und manche hätten den langen Arm der Schule einfach ungerecht gefunden - an anderen Schulen könnten die Kinder doch ausschlafen! Nicht mit Nicola Küppers. Für die Eltern, sagt sie, "bin ich auch anstrengend als Schule". Nur ein Mal seit März 2020 hätten sie den Kontakt zu einem Kind für ein paar Tage verloren, es war mit seinen Eltern im Ausland. "Das wurde sehr ernst besprochen", sagt Küppers, "und ist dann nicht mehr vorgekommen."

Und, ja: Es gibt sogar eine digitale Freundschaftsbank. Auf die kann sich zwar keiner setzen. Aber es darf trotzdem niemand wegsehen, wenn jemand dort etwas schreibt.

© SZ
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